Duell in Dresden Scharfer Schröder, müde Merkel

Politik paradox: In Berlin wird seit einer Woche der Boden für eine Große Koalition bereitet, in Dresden tobt noch einmal der alte Richtungswahlkampf. Merkel gegen Schröder, Schwarz gegen Rot. In dieser Rolle kann der Kanzler noch einmal triumphieren.

Von Jens Todt und


Berlin - Der Weg vom Dresdner Hauptbahnhof zu Gerhard Schröder führt über Angela Merkel. Die CDU-Bühne in der Innenstadt ist strategisch günstig vor dem Eingang der Altmarktgalerie aufgestellt, einem Einkaufszentrum, aus dem an diesem Freitagnachmittag tausende von Menschen quillen. Aber nur einige hundert bleiben stehen, um der Unions-Spitzenkandidatin zuzuhören. Es mag daran liegen, dass direkt neben Merkel eine Hauptverkehrsstraße verläuft. Etwa zehn Jung-Unionisten halten "Angie"-Schilder in die Höhe, ein Stapel unbenutzter Schilder liegt auf dem Rücksitz des CDU-Kombis.

Schröder und Müntefering: Im Wahlkampf ungeschlagen
AFP

Schröder und Müntefering: Im Wahlkampf ungeschlagen

Auf den Elbwiesen einige Kilometer entfernt haben sich zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere tausend Menschen versammelt. Die Zugangsstraße ist dicht. "Alle wollen Schröder sehen", sagt der Taxifahrer. Die SPD-Bühne ist einige Nummern größer als die der CDU, und es gibt eine Großbildleinwand. Dort läuft der Anti-Merkel-Spot aus dem Wahlkampf, während Merkel noch vor dem Einkaufszentrum redet. "Was hat Frau Merkel wirklich zu bieten?", schallt es aus den Lautsprechern über die Wiese.

Während in Berlin seit über einer Woche eine Große Koalition ausgekungelt wird, läuft in Dresden noch einmal eine zensierte Fassung des alten Richtungswahlkampfs. Und wieder zeigt sich das bekannte Problem: Während es bei den Sondierungsgesprächen gut läuft für die Union, setzt sich ihre Pannenserie im Wahlkampf fort. Diesmal ist es Petrus, nicht Kirchhof, der Merkel übel mitspielt. Der sächsische Ministerpräsident Georg Milbradt hat ihr gerade das Wort erteilt, da fängt es an zu regnen. "Das war sie, die wahrscheinlich nächste Bundeskanzlerin Deutschlands", sagt CDU-Spitzenkandidat Andreas Lämmel hinterher. Doch es fühlt sich anders an - wieder einmal.

Merkel hält ihre bekannte "Vorfahrt für Arbeit"-Rede, routiniert, aber wenig mitreißend. "Rot-Grün ist abgewählt, das ist eine gute Botschaft", sagt sie. Die scharfen Töne aus dem Wahlkampf unterlässt sie, keine Lügenvorwürfe an den künftigen Koalitionspartner. Über Reformen redet sie nur vage, ganze Passagen aus ihrer Wahlkampfrede fehlen. Sie begnügt sich mit Allgemeinplätzen über Arbeitsplätze, Bürokratieabbau, Eigenverantwortung. Der Applaus ist schleppend - was nicht nur daran liegt, dass die Menschen ihre Regenschirme halten. Seit dem niederschmetternden Wahlergebnis ist auch der letzte Schwung aus einem ohnehin mäßig schwungvollen Wahlkampf dahin.

Der Regen hört auf, kurz bevor Schröder eine halbe Stunde später auf den Elbwiesen erscheint. Die Nachmittagssonne bricht durch die Wolken und wärmt die Gesichter der Zuschauer. Es hat etwas Symbolisches. Dass der Kanzler am Elbufer redet, ist hingegen kein Zufall. Der sächsische SPD-Landesvorsitzende Thomas Jurk erinnert an jene Zeit vor drei Jahren, als die Wiese überflutet war und Schröder in Gummistiefeln in die Stadt kam. "Wir haben damals gespürt: Wenn Menschen in Not sind, dann wissen Sozialdemokraten, was sie zu tun haben", sagt Jurk. Schröder nimmt den Ball später gerne auf: "Es ist gut, dass Thomas Jurk auf die Flut verwiesen hat". Er begrüße dies, "weil damals deutlich geworden ist, wie wichtig der Staat ist". Und schon ist er mitten drin in seiner Begründung, warum die Dresdner am Sonntag SPD wählen sollten.

Angela Merkel: Schleppender Applaus
AP

Angela Merkel: Schleppender Applaus

Alle Redner versuchen, den Eindruck zu erwecken, auf das Dresdner Ergebnis komme es noch an. Einen "Schub aus Dresden" solle es geben, sagt Milbradt, damit die Union die "bestimmende Kraft" in der Großen Koalition werde. Nach dem Wunsch des Moderators der SPD-Veranstaltung soll ein "vitales Signal" nach Berlin gesendet werden. Dabei wird in Berliner Hintergrundrunden die Bedeutung der Nachwahl im Wahlkreis 160 seit Tagen heruntergespielt. Es werde sich "nichts Materielles" ändern, heißt es auf beiden Seiten. Die Kräfteverhältnisse im Bundestag stehen fest. Auch wird sich am Sonntag nicht entscheiden, wer Kanzler wird. Entgegen der Hoffnung führender Unionspolitiker werde Schröder am Montag auf keinen Fall seinen Verzicht erklären, schwört die SPD-Spitze.

Trotzdem dürfte ein Sieg im Berliner Koalitionspoker nützlich sein. Denn wer immer gewinnt, kann auf eine zusätzliche Legitimation des Volkes verweisen. Darum sind Schröder und Merkel hier. "Stärken Sie die CDU, wir wollen eine starke Handschrift in der Koalition leisten", sagt Merkel. "Helfen Sie mit, eine Sozialdemokratie zu stabilisieren, die diese Politik in den Mittelpunkt stellt", ruft Schröder, nachdem er lautstark gefordert hat, "dass Betriebsräte sich wehren können, wenn es Schwierigkeiten gibt".

Mehrfach wiederholt Schröder seinen Anspruch auf die Kanzlerschaft, Merkel hingegen tut dies kein einziges Mal. Sie stichelt nur vorsichtig: "Wenn die Wahllokale in Dresden geschlossen haben - ich bin ganz sicher, dann wird das langsam auch der Bundeskanzler einsehen", sagt Merkel. Unterschiedlicher könnten die Auftritte kaum sein: Sie zahm und blass, er dröhnend und vor Selbstbewusstsein strotzend - es ist das Gegenteil der Kräfteverhältnisse in den Berliner Sondierungsrunden, wo die Union die Ton angebende Kraft ist.

SPD-Chef Franz Müntefering, der wegen eines Staus zu spät gekommen ist und deshalb nach Schröder redet, wettert gegen die "Illusionen", die die Linkspartei schüre. "Es wäre falsch, alles was man sich wünscht, zu versprechen", sagt er. Doch er selbst verbreitet die Illusion, dass die Dresdner am Sonntag darüber entscheiden könnten, dass Schröder Bundeskanzler bleibe.

Während Merkel ihre Berliner Sondierungspartner kein einziges Mal angreift, demonstrieren die beiden Top-Genossen, dass sie keine Beißhemmung kennen. Müntefering nimmt sich noch einmal Merkels Äußerung vor, das Land stehe vor ähnlichen Herausforderungen wie 1949. Wer so etwas behaupte, "der hat nicht alle Tassen im Schrank". Es könne "nicht wahr sein, dass jemand, der so etwas sagt, das Land regieren will". Auch einen Hinweis auf Edmund Stoibers Äußerung über die "frustrierten Ostdeutschen" kann er sich nicht verkneifen. Der Bayer solle "die Backen nicht so dick aufblasen", sagt Müntefering. "Die meisten in den Wahlkreisen haben ihm ja schon die passende Antwort gegeben". Bei solchen Angriffen ist der Beifall am lautesten.

Auch Schröder hat seinen Ton kaum gemäßigt. Zwar fehlen auf Grund des Rückzugs von Paul Kirchhof die Seitenhiebe auf den "Professor aus Heidelberg". Aber die Friedenspassage hat er nicht gestrichen. Die Haltung der Union im Irakkrieg habe gezeigt, dass "sie für die Führung nicht tauglich" sei, brüllt er. Seine Stimme klingt so rau, als hätte er in den vergangenen Tagen Wahlkampfreden gehalten und nicht Sondierungsgespräche geführt.

Es dürfte das letzte Mal sein, das Schröder derart auftrumpfen kann. Die Kraftmeierei wirkt nur auf der Wahlkampfbühne, im Berliner Koalitionspoker haben die anderen auch nach dem Sonntag die besseren Karten.



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