Duell um die Kanzlerschaft Merkel lässt Steinmeier-Attacke an sich abperlen

Die Kanzlerin ist aus dem Urlaub zurück, jetzt beginnt die heiße Phase des Bundestagswahlkampfs. SPD-Herausforderer Steinmeier wirft Angela Merkel vor, die Wähler einzulullen. Die CDU-Chefin kontert - und nennt seine Job-Versprechen unredlich.

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Berlin - Die Kanzlerin gibt sich relaxt. Gebräunt und sichtlich erholt vom Urlaub in Südtirol sitzt sie im RTL-Wahlkampfbus. Lächelnd beantwortet Angela Merkel die Fragen von Chefredakteur Peter Kloeppel. Dieser ist jedoch nur das Sprachrohr, die Interview-Fragen kommen von Internetnutzern. Es ist Merkels erster Online-Videochat - zumindest mit einem parteiunabhängigen Medium, sagt sie.

Kanzlerin Merkel: Bislang geschickt ausgewichen
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Kanzlerin Merkel: Bislang geschickt ausgewichen

Merkel spricht über ihren "tollen Job", sagt, sie freue sich über das "Wahlkampf-Zugpferd" Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) und lehnt es ab, eine Alternative zur Wunschkoalition mit der FDP zu nennen. Nachfragen können die User nicht.

Mit der Rückkehr von Merkel hat das Duell um die Kanzlerschaft begonnen; die Sozialdemokraten hoffen, endlich in Ansätzen so etwas wie einen Wahlkampf zu bekommen. Denn die Union ist dem bislang geschickt ausgewichen. Für SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier verlief allerdings auch die Merkel-freie Zeit nicht besonders glücklich. Statt wie erhofft während des Kanzlerinnen-Urlaubs Boden gutmachen zu können, fiel die SPD in Umfragen weiter zurück. Die Debatte um Ulla Schmidts Dienstwagen überschattete die Vorstellung des Deutschland-Plans, in dem Steinmeier vier Millionen Jobs verspricht. Steinmeier ist kein Polarisierer, doch so schwer es ihm fällt - er muss jetzt angreifen. Es sind keine sieben Wochen mehr bis zur Bundestagswahl, und die SPD liegt bei den Demoskopen 12 bis 17 Prozentpunkte hinter der Union.

Merkel dagegen - so viel wird auch bei ihrem RTL-Kurzauftritt deutlich - strebt einen präsidialen Wahlkampf an. Sie hat kein Interesse, sich in eine direkte Konfrontation mit Steinmeier zu begeben. Den Umfragen zufolge hat sie dazu auch keinen Grund, bei allen Instituten kommt ihr Wunschbündnis mit der FDP auf eine absolute Mehrheit von 50 bis 51 Prozent.

Am Morgen eröffnet Steinmeier daher das Duell. Eine Stunde lang redet er in der Bundespressekonferenz zur "aktuellen Lage". Zentraler Vorwurf: Merkel ducke sich weg. Wenn im Zentrum ihres Wahlkampf eine Reise mit dem historischen Rheingold-Express stehe, sei das "wohl kaum das richtige Symbol in der Krise", ätzt Steinmeier. "Ein Nostalgie-Zug steht jedenfalls nicht für die Arbeit von morgen, um die wir uns zu kümmern haben." Die Pointe gefällt ihm so sehr, dass er sie später noch zweimal wiederholt.

Merkel plant am 15. September eine Fahrt mit dem historischen "Rheingold-Express". Genau 60 Jahre, nachdem Konrad Adenauer zum ersten Kanzler der Bundesrepublik gewählt wurde, soll sie der Zug von Adenauers Geburtsort Rhöndorf über Leipzig nach Berlin bringen. Mit an Bord: das CDU-Präsidium, Vertreter der Landesverbände und Angehörige der Familie Adenauer.

Steinmeier müht sich seit Tagen, die Union zu einem inhaltlichen Schlagabtausch zu bewegen. Bislang ohne Erfolg: "Die andere Seite entzieht sich der Debatte", klagt der SPD-Mann. So habe die Union zunächst ein eigenes Konzept angekündigt, doch bislang darauf verzichtet. Er hätte es für "fruchtbar" gehalten, wenn Merkel einen eigenen Plan vorgestellt hätte. Steinmeier: "Das ist Politik ohne Anspruch, ohne Kompass." Die Union versuche, die Öffentlichkeit "einzulullen und den Wahlkampf gar nicht erst richtig beginnen zu lassen". Das zeige mangelnden Respekt vor dem Wähler, kritisierte der SPD-Herausforderer.

Merkel weist die Vorwürfe bei RTL zurück: "Mein Ton ist das nicht." Auf die Frage des Users "Champion 293", wie sie denn zu Steinmeiers Deutschland-Plan stehe, sagt die CDU-Chefin, ihre Partei habe das Thema Arbeit im Wahlprogramm "genauso in den Vordergrund gerückt" wie die SPD. Es gebe eine ganze Reihe von Gemeinsamkeiten, man sei einig bei dem Ziel, die Arbeitslosigkeit zu senken.

Und dann setzt sie zu einem kleinen Konter gegen den Herausforderer an: "Ich halte es nicht für redlich, beim Thema Arbeitslosigkeit Jahres- und Beschäftigungszahlen zu nennen." Merkel kündigt an, es werde einen Wettbewerb über die Konzepte geben. Doch was konkret ihr Konzept ist, sagt sie nicht.

Steinmeier hat die Kritik an seinem Deutschland-Plan zurückgewiesen: "Ich habe mich geärgert über Leute, die das Ziel der Vollbeschäftigung als unerreichbar bezeichnen." Sein Plan, in den kommenden Jahren vier Millionen Arbeitsplätze zu schaffen, sei "vielleicht ehrgeizig", bleibe aber realistisch. Unternehme man dagegen nichts gegen Massenarbeitslosigkeit, dann drohe ernsthafter Schaden für die Demokratie.

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