Duisburg-Marxloh Wo der Pott Deutschen und Türken gehört

30 Prozent Ausländer bei 18.000 Einwohnern - für die einen ist Marxloh soziales Ghetto, für die anderen ein Musterbeispiel multikulturellen Zusammenlebens. Nichts davon stimmt, findet die Moderatorin Asli Sevindim, die in dem Duisburger Stadtteil aufgewachsen ist. Ein Besuch im Ruhrgebiet.
Von Carolin Jenkner

Duisburg - Normalität. Asli Sevindim, 33, benutzt dieses Wort immer wieder. Normalität wünscht sie sich für ihr Viertel. Normalität für den Umgang zwischen Deutschen und Ausländern. Asli Sevindim sitzt im Café Feletti im Zentrum von Marxloh. Es ist das Eiscafé, in dem sie ihre Jugend verbracht hat. Die Kellnerin freut sich über ihren Gast. Man kennt Asli Sevindim: aus dem Fernsehen als Moderatorin der "Aktuellen Stunde" im WDR; man kennt sie als Marxloherin. Sie fühlt sich hier noch immer zu Hause, auch wenn sie schon vor Jahren zu ihrem deutschen Mann in einen anderen Stadtteil gezogen ist.

Ihre Heimat bleibt Duisburg-Marxloh, ein Viertel, das in einem Atemzug mit Berlin-Neukölln und Köln-Porz genannt wird, immer dann, wenn die Rede ist von Ghetto-Bildung, vielen Ausländern und hoher Arbeitslosigkeit, von Armut und sozialem Abstieg. Das ist die eine Seite.

Die andere Seite ist das so oft gepriesene "Wunder von Marxloh": Hier entsteht gerade eine der größten Moscheen in Deutschland, im kommenden Jahr wird sie eröffnet. Und der Bau läuft reibungslos - es gibt keine Proteste wie in Köln-Ehrenfeld oder in Berlin-Pankow. Die türkische Gemeinde hat die christlichen Kirchen und die Einwohner von vornherein in die Planung mit einbezogen. Mit Erfolg. Viele sehen das Duisburger Stadtviertel deshalb als Musterbeispiel für Integration.

Problemviertel? Ein Wunder? Asli Sevindim schüttelt den Kopf. "Das stimmt beides nicht ", sagt sie. "Das mit der Moschee ist kein Wunder. Es hat einfach mit normalen Menschen zu tun, die ihr Gehirn angestrengt haben und überlegt haben, wie man das angehen kann."

Asli Sevindim redet schnell und im Ruhrpott-Slang, wenn sie Marxloh verteidigt. Es hat sich viel verändert seit den achtziger Jahren, als sie hier noch zur Schule ging. Thyssen-Krupp, der einst größte Arbeitgeber der Stadt, hat Stellen abgebaut, die Arbeitslosigkeit stieg, viele Geschäfte mussten schließen. "Das soziale Niveau ist gesunken", sagt Sevindim. Früher habe man sich hier eine Levi's gekauft, heute eben eine No-Name-Jeans. "Das heißt aber nicht, dass hier jetzt alles Grütze ist."

"Schön, dass eine von uns es geschafft hat"

18.000 Menschen leben in Marxloh, etwa 6000 davon sind Ausländer, von denen wiederum 4000 Türken - die Eingebürgerten nicht mitgezählt. "Viele Deutsche hier denken, dass die Ausländer am Niedergang des Viertels schuld sind", sagt Asli Sevindim. "Aber schauen Sie: Die Türken übernehmen Verantwortung. Sie sind es, die hier Geschäfte eröffnen." Sie zeigt auf das Brautmodengeschäft gegenüber dem Eiscafé.

Für ein bisschen Glanz reicht das nicht. "Manche Häuser hier könnten schon ein bisschen Farbe vertragen", sagt die Journalistin. Die tristen, meist dreigeschossigen Gebäude aus den fünfziger Jahren könnten in jeder deutschen Kleinstadt stehen. Das "Marxloh-Center" beherbergt Aldi-Süd, einen Textildiscounter, Mediamarkt und eine Rossmann-Filiale. An der B6, die mitten durch den Ortskern führt, liegen türkische Hochzeitsläden neben Dönerbuden und türkischen Supermärkten.

"Da vorne in dem Flachbau", sagt die Moderatorin, "habe ich angefangen, Radio zu machen." Das war noch beim Bürgerfunk, zu Schulzeiten. Seit 1999 arbeitet sie für den WDR. Zunächst für den Radiosender "Funkhaus Europa", jetzt auch fürs Fernsehen. Asli Sevindim flitzt heute im Sportwagen durch Marxloh.

"Schön, dass eine von uns es geschafft hat" - das haben ihr Deutschtürken aus dem Ruhrgebiet geschrieben, als sie vor anderthalb Jahren bei der "Aktuellen Stunde" anheuerte. Die Leute sind stolz auf sie. Sie ist Vorbild.

Ihre Eltern sind als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen. Der Vater arbeitet noch immer bei Thyssen-Krupp, als Kranführer. Obwohl sie Muslimin ist, ging Asli Sevindim in einen katholischen Kindergarten, sie machte Abitur und studierte. Jetzt kann sie sich vor Arbeit kaum retten: Neben dem Moderatorenjob sitzt sie im Integrationsbeirat des Landes Nordrhein-Westfalen, sie ist eine von vier Direktorinnen für die Kulturhauptstadt 2010. Dort ist sie zuständig für den Bereich "Stadt der Kulturen". Und vor kurzem hat sie ihre Familiengeschichte auch noch als Buch veröffentlicht. "Candlelight Döner " heißt der Roman. Es ist auch eine Hommage ans Revier.

"Ich kann nicht sagen, ich fühle mich deutsch oder türkisch. Ich bin einfach Ruhri."

Ein Musterbeispiel für Integration - das möchte Asli Sevindim nicht so gerne über sich lesen. "In meiner Familie war Bildung eben immer selbstverständlich", erzählt sie. Und genau das sei auch der Schlüssel zur Integration: Bildung. "Wir müssen bei den Kindern ansetzen", meint sie. "Mir tut es weh, wenn ich hier manchmal Deutschtürken sehe und die Mutter kein Wort Deutsch spricht. Aber das sind die Ausnahmen."

Eigentlich wohnten hier in Marxloh ganz normale Menschen, betont sie. Nur eben ein paar mehr Türken. "Aber wenn die Medien über unser Viertel berichten, dann vergessen sie das oft", sagt sie. "Marxloh ist in erster Linie ein Ort, an dem Menschen leben. Die einkaufen, zum Friseur gehen, heiraten und sich scheiden lassen. Wie überall auf der Welt. "

Viele Deutsche finden die Veränderungen befremdlich

Wenn Asli Sevindim über Integration spricht, redet sie Klartext: "Wenn einer ein Macho-Arschloch ist, dann ist er das nicht, weil er aus Deutschland oder der Türkei kommt. Das hat doch mit der Nationalität nichts zu tun. So eine Denkleistung kann man ja wohl von jedem erwarten."

Nicht unbedingt. Oft müssen sich die Marxloher Türken Vorwürfe anhören: Das Viertel habe sich verändert, die Gesichter auf der Straße sähen anders aus, die Läden seien alle türkisch. In einer ZDF-Reportage wurde gar behauptet, Deutsche müssten in Marxloh Türkisch lernen, um überhaupt zurecht zu kommen. Zum Beleg filmte das Kamerateam, wie eine deutsche Frau, die mit einem Türken verheiratet ist, zu einem türkischen Metzger geht und mit ihm Türkisch spricht. Allerdings habe sie dies nur getan, weil die Journalisten sie darum gebeten hätten. "Raten Sie mal, was die Frau zu dem Metzger gesagt hat", sagt Asli Sevindim. "Sie sagte: Wir sollen jetzt Türkisch sprechen."

Auch wenn der Beitrag übertreibt, viele Deutsche finden die Veränderungen tatsächlich befremdlich. Irene Eichelbaum, 58, arbeitet seit 14 Jahren in einem Tabakladen am August-Bebel-Platz. "Das Viertel hat sich zum Negativen hin verändert", sagt sie. "Es gibt gar keine Fachgeschäfte mehr, bei mir in der Nähe ist kein einziger Metzger." Zumindest kein deutscher Metzger. Trotzdem, sagt sie, fühlt sie sich hier wohl: Mit ihren Nachbarn versteht sie sich gut, die Ausländer findet sie nett und freundlich. Viele davon sind ihre Kunden.

Dass es in Marxloh keine Geschäfte guter Qualität mehr gibt, will Asli Sevindim nicht auf sich sitzen lassen. Sie parkt ihren Sportwagen vor einem Geschäft, einem türkischen Geschäft. "Haben Sie schon mal Kichererbsen mit Zuckerguss gegessen?" fragt sie. Sie kommt mit ein paar Tüten voller gesalzener Sonnenblumenkerne, Zuckermandeln und Kichererbsen wieder. "Alte Menschen können meistens nicht verstehen, wenn sich etwas um sie herum verändert", sagt sie. Veränderung sei für diese meist etwas Negatives.

Für die Generation von Asli Sevindim, für Tausende Gastarbeiterkinder, ist das anders. "Duisburg und das Ruhrgebiet: Das ist meine Heimat", sagt sie. Um ihren Mund ziehen sich Lachfältchen. "Ich kann nicht sagen, ich fühle mich deutsch oder türkisch. Ich bin einfach Ruhri."

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