Stoiber-Buchvorstellung mit Merkel "Ein wenig an der Semmel genagt"

Es ist der erste gemeinsame Auftritt seit langem: Edmund Stoiber stellte in Berlin seine Memoiren vor - flankiert von Angela Merkel. Eine Abrechnung, Enthüllungen gar? Fehlanzeige. Nur bei der Beschreibung des legendären Frühstücks in Wolfratshausen widersprechen sich Autor und Kanzlerin.

DPA

Berlin - Wäre die Geschichte von Angela Merkel und Edmund Stoiber eine Fernsehserie, sie hätte früher "Rivalen der Rennbahn" geheißen. Mittlerweile wäre sie umbenannt in "Ein Fall für Zwei". Diesen Eindruck bekam man am Dienstag in Berlin, als die beiden gemeinsam Stoibers Autobiografie präsentierten. Zwischen Betreuungsgeld-Krise und Treffen mit EZB-Präsident Mario Draghi hatte sich die Kanzlerin eine Stunde aus dem Tagesgeschäft ausgeklinkt, um Stoiber bei seinem Rückblick ins politische Lebenswerk zu unterstützen.

Beide gaben sich launig und harmonisch. Vergessen die Jahre der spannungsgeladenen Zusammenarbeit, die zähen Verhandlungen um die Gesundheitsreform, das berühmte Wolfratshausener Frühstück, bei dem Stoiber und Merkel die Kanzlerkandidatur für die Union ausknobelten. Vergessen Stoibers spontane Absage, Superminister im Kabinett Merkel zu werden.

Übersetzt in Merkel-Sprech klingen all diese Fehden wie Schnee von gestern. "Die Phasen unseres Lebens haben sich interessant miteinander verwoben", sagt sie in Berlin, auch wenn sie einräumt: "Wir haben uns in einigen Momenten nichts geschenkt."

Der CSU-Ehrenvorsitzende kündigt seine Memoiren im typischen Stoiber-Duktus an, mit einer Flut rhetorischer Fragen. "Warum also ein Buch?", sagt Stoiber. "Warum jetzt?" Er sei "besonders von jungen Menschen angesprochen worden, die wissen wollten: Wie war das mit Strauß, wie war das mit Kohl, wie war das mit Schröder? Wie war das mit dem Frühstück? Schreiben Sie das doch mal nieder."

Kreuth wird ausgespart

Das hat er nun getan. Stoiber, der am Freitag 71 wird, war 14 Jahre bayerischer Ministerpräsident, er war CSU-Chef und Kanzlerkandidat. Heute kümmert er sich ehrenamtlich um Bürokratie-Abbau in Brüssel. Fünf Jahre nach seinem Rückzug von der CSU-Spitze und seinem Amt als Ministerpräsident hat Stoiber nun zu Beginn der Woche seine Erinnerungen veröffentlicht.

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"Weil die Welt sich ändert", heißt die Autobiografie. Eine Abrechnung oder gar Enthüllung birgt das Buch nicht, vielmehr stehen Stoibers Errungenschaften als Ministerpräsident im Vordergrund. "Überaus zufrieden" sei er gewesen, dass er den ersten ausgeglichenen Haushalt Bayerns habe vorlegen können, schreibt er. Die Umstände seines Sturzes im Januar 2007 in Wildbad Kreuth spart Stoiber weitgehend aus. Jene Klausur in den Tegernseer Bergen besiegelte Stoibers politisches Ende. Er bekräftigt im Buch nur seine bereits bekannte Version, dass er nie von sich aus seine Ämter zur Verfügung gestellt habe.

Es bleibt damit bei Aussage gegen Aussage. Günther Beckstein, der Stoiber damals zusammen mit Erwin Huber beerbte, berichtete vergangenes Jahr in seinem eigenen Buch, Stoiber habe auf einen Wechsel gedrängt. Auch wenn die Sache vorerst ungeklärt bleibt - einen Seitenhieb gegen seine beiden Nachfolger konnte sich Stoiber nicht verkneifen: "Ich war überrascht, als sie sich die höchste Verantwortung so sehr zutrauten", schreibt er im Buch.

Zwanzig Zigaretten am Tag

Auf 250 Seiten erfährt man viel über Stoibers langes politisches Leben, er schildert seine Karriere vom Redenschreiber zum Ziehsohn von Franz Josef Strauß an die Spitze von CSU und Freistaat, er plaudert über seine Treffen mit George W. Bush, Bill Gates und Wladimir Putin. Mehrere Kapitel widmet er der europäische Einigung, dem Euro, der Demokratie an sich.

Er berichtet über das Leben in seiner Familie nach dem Krieg, wie er "mit sehr überschaubarem Erfolg" Klavier und Geige lernen durfte. Oder gesteht seine Nikotinsucht in jungen Jahren: "Zwanzig Zigaretten am Tag waren normal. Gauloises und Roth-Händle waren meine Marken, ein Filter hätte nur gestört." Dass er stets Tee im Maßkrug habe, sei im Übrigen ein Mythos.

Der Leser erfährt, dass der 70-Jährige mittlerweile daheim einen Tablet-PC und einen klassischen Computer nutze. Morgens Zeitung, abends Internet, zwischendurch Smartphone, so bleibe er informiert.

"Ich stehe jeden Morgen um sechs Uhr in der Früh auf", sagt Stoiber in Berlin. Man glaubt es ihm. Sein Image als "Aktenfresser" ist auch bei der Buchvorstellung Thema, hier sind sich Stoiber und Merkel einig. "Also, ich lese gerne Akten", sagt die Kanzlerin. "Eine ordentliche Aktenführung ist viel wert", pflichtet Stoiber ihr bei. Lob für Merkel hat er ohnehin häufig parat. In der Euro-Krise sei die Kanzlerin mit ihrer "Haltung und unprätentiösen Persönlichkeit ein Glücksfall für Deutschland", schreibt Stoiber etwa.

Nur beim Rückblick auf das legendäre Frühstück in Stoibers Heim in Wolfratshausen, bei dem Merkel dem damaligen CSU-Chef die Kanzlerkandidatur angeboten hatte, gehen die Meinungen auseinander. Stoiber beschreibt das Treffen im Buch eher wie einen lockeren Politiker-Brunch und erinnert sich, "dass es wohl frische Semmeln, Butter, Marmelade, Honig sowie etwas Käse und Wurst gab". Merkel erzählt in Berlin, beiden sei "nicht nach Essen zumute" gewesen. "Jeder hat der Höflichkeit halber ein wenig an der Semmel genagt", sagt sie - und erntet damit den Lacher der Stunde.

mit Material von dpa



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