Edmund Stoibers 75. Geburtstag Das blonde Fallbeil ist zurück

Edmund Stoiber war lange Jahre bayerischer Ministerpräsident, er war Kanzlerkandidat der Union. Am Mittwoch wird er 75 Jahre alt - und nutzt den Ruhestand für scharfe Kritik an der Flüchtlingspolitik von Merkel.

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Minister, Ministerpräsident, Kanzler. Diesen Weg wollte Edmund Stoiber gehen. 14 Jahre war er Ministerpräsident von Bayern. Doch zum Regierungschef der Bundesrepublik hat es nicht gereicht.

Er zählte zu den größten Scharfmachern seiner Partei, der CSU. Er ist es auch jetzt wieder, als Politrentner, der am Mittwoch seinen 75. Geburtstag feiert.

Doch es gab auch dunkle Tage, ein wirklich schwarzer Tag in seinem Leben war der 18. Januar 2007, als er seinen Rücktritt ankündigen musste.

Draußen, vor der Tür, überzog der Wintersturm Kyrill weite Teile Deutschlands mit eisigen Böen, ICEs fuhren nicht mehr, und Autobahnen wurden gesperrt. Drinnen, in der Aula der Uni Bamberg, war die Stimmung nicht weniger aufgewühlt. Dort intonierte eine Band, die sich sonst in Dixieland-Jazz übte, den bayerischen Defiliermarsch.

Edmund Stoiber marschierte ein. Er war nicht hierhergekommen, um sich zu verstecken.

Keinen halben Tag war es her, dass Stoiber angekündigt hatte, seine Ämter als Bayerns Ministerpräsident und CSU-Chef aufzugeben.

"Natürlich gehen wir mitten durch", sagte er und schritt durch den Mittelgang zur Bühne. Zu Füßen des Dombergs predigten einst Dominikanermönche, jetzt ist der 600 Jahre alte Kirchenbau die Aula der Uni Bamberg. Ein würdiger Ort für Abschiedsworte.

"Das Wohl des Landes, der CSU, dieser großartigen, singulären Partei, steht über dem des Einzelnen", sagte Stoiber. "Ich glaube, dass diese Entscheidung als souveräne Entscheidung zum richtigen Zeitpunkt kam." Diese Entscheidung - das Wort Rücktritt würde er den ganzen Abend nicht in den Mund nehmen. Seine Frau Karin, im rosafarbenen Blazer, blickte steinern nach vorn.

Stoiber predigte konservative Werte, das Kruzifix an der Schulwand, die Anpassung von Ausländern. "Wer bei uns leben will, muss unsere Alltagskultur anerkennen. Wer das nicht will, braucht nicht bei uns zu bleiben", sagte er. Donnernder Beifall.

Die Integrationspflicht, die die CSU Syrern und Irakern heute, knapp zehn Jahre später, inmitten der Flüchtlingskrise angedeihen lassen will, klingt nicht viel anders.

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Noch mehr als Horst Seehofer fürchtet Stoiber in der Flüchtlingskrise um sein Lebenswerk. Das Land ist aufgewühlt wie seit dem Streit um die Ostverträge oder den Nato-Doppelbeschluss nicht mehr, und Stoiber mischt mit.

Bei der CSU-Klausur in Kreuth ruft er Kanzlerin Merkel Anfang 2016 zu: "Angela, du machst Europa kaputt! Was ist dein Plan B?" Der Politrentner, der als Bürokratiebekämpfer in Brüssel eine späte Neigung zu Europa entdeckte, ist Vergangenheit. Stoiber, "das blonde Fallbeil", ist zurück und führt die CSU-Bataillone gegen Merkel mit an.

"Du arbeitest doch gegen mich"

Er lässt sich einen Termin bei der Kanzlerin geben, er will wissen, was Merkel umtreibt. Es ist ein Feldzug gegen die Frau, die ihm 2002 beim Frühstück in Wolfratshausen als Kanzlerkandidat den Vortritt ließ, um dann nach seiner Niederlage gegen Gerhard Schröder ein paar Jahre später selbst Kanzlerin zu werden. Merkel stellt ihn zur Rede: "Du arbeitest doch gegen mich." Stoiber bestreitet das, doch natürlich hat sie recht.

Stoibers Einfluss auf CSU-Chef Seehofer ist in diesen Tagen kaum zu überschätzen. Die Frage ist nur, wie lange Stoibers Angriffe auf Merkel noch Konjunktur haben. Die Kanzlerin hat inzwischen in der Flüchtlingsfrage Fehler eingeräumt und Seehofer seine liebe Not damit, vor den Parteitagen Ende des Jahres für ein bisschen Frieden zu sorgen.

Stoiber war schon in seiner Regierungszeit in Bayern ein Getriebener. Mit Fleiß, mit einem Arbeitstag von "16 bis 18 Stunden, oft auch sonntags", wie sein Ziehvater Franz Josef Strauß einmal ebenso respektvoll wie ungläubig über ihn sagte, hat Stoiber den Freistaat regiert.

Vorstandsvorsitzender der Bayern AG

Er war kein sanfter Landesvater wie Alfons Goppel, kein barocker Herrscher wie Strauß, kein wetterwendischer Hallodri wie später Seehofer. Stoiber verstand sich als Vorstandsvorsitzender der Bayern AG. Damit eroberte er zwar nicht die Herzen der Menschen, erarbeitete sich aber ihren Respekt. "Nibelungenblonder Gesinnungspreuße" hat ihn mal einer genannt.

Doch ein Bundesland ist kein Dax-Unternehmen. Bei der Landtagswahl 2008 wird die CSU auch abgestraft für viele unpopuläre Entscheidungen der Stoiber-Zeit, wie zum Beispiel die Einführung des achtjährigen Gymnasiums oder zahlreiche Verwaltungsreformen, die die Partei in der Trunkenheit ihrer Zweidrittelmehrheit im Landtag ohne Rücksicht auf Bevölkerung und Parteibasis durchsetzte. Die Kürzung des Blindengeldes, eigentlich keine große Sache, wurde zum Symbol für die Machtvergessenheit in Stoibers Spätphase.

Seine Abgehobenheit ermöglichte es einer eher unbedeutenden Landrätin aus Fürth, eine vermeintliche Spitzelaffäre mit maximaler Sprengkraft aufzuladen. Stoibers Büroleiter in der Staatskanzlei soll versucht haben, Informationen über das Privatleben von Gabriele Pauli zu recherchieren. Als Pauli Stoiber deswegen im CSU-Vorstand zur Rede stellen wollte, kanzelte er sie rüde ab: "Sie sind nicht wichtig genug." Im Affärensturm am Jahresende 2006 sollte sich das als gewaltige Fehleinschätzung erweisen.

Bayern glänzte, Stoiber strahlte

Bei seiner Rede in Bamberg aber tickte die Uhr für Stoiber, er meißelte an seinem Vermächtnis. Aufschwung der Wirtschaft, ein ausgeglichener Haushalt, moderne Infrastruktur in Bayern - Stoiber, Spitzenjurist und Leistungsfanatiker, rühmte die Kraft der bayerischen Bevölkerung und des einstigen Agrarlands, das es im bundesweiten Vergleich nach ganz vorne geschafft habe.

Bayern glänzte - und Stoiber sonnte sich noch einmal an herausragenden Wirtschaftsdaten.

Er wurde auch persönlich am Ende seines Schicksalstags, oft geschieht das nicht, aber an diesem Abend der Bilanz passte es. Die 68er-Revolte, als er als junger Mann "im Wind von links" stand, diese Zeit werde er nie vergessen, sagte Stoiber. "Und die zehn Jahre mit Franz Josef Strauß."

Fast scheint es, als sucht der heute 75-Jährige in der Flüchtlingskrise noch immer diesen Gegenwind.

Edmund Stoiber im SPIEGEL-Interview
insgesamt 55 Beiträge
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Seite 1
habenix 28.09.2016
1.
Edmund Stoiber wenn der Kanzler geworden wäre 2002 dann wäre unserem Land vieles schlechte erspart geblieben. Wäre Stoiber Kanzler geworden, oder hätte Schröder noch ein Jahr durchgehalten bis sich die Arbeitsmarktreformen auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar machen vieles wäre besser gewesen hier und heute.
spon-facebook-1442145960 28.09.2016
2. Kompetente Kritik vom ex-Minister-Präsident?-
E. Stoiber, von gewissen Leuten hoch-verehrt, kritisiert eine aktive Kanzlerin die sich menschlich zeigt. Das ist recht erstaunlich. Stoiber der kaum einen Satz ohne äähh... und ..ehm.. äähh...äh..ehh.. äähhh...ä.. rausbringt und im Ruhestand - weitab von jeder Verantwortlichkeit ist - kann sich ruhig weiter so aufführen. Wie sagte doch die "Birne"? Der Hund bellt - die Karawane zieht weiter..!
hotgorn 28.09.2016
3.
Zitat von habenixEdmund Stoiber wenn der Kanzler geworden wäre 2002 dann wäre unserem Land vieles schlechte erspart geblieben. Wäre Stoiber Kanzler geworden, oder hätte Schröder noch ein Jahr durchgehalten bis sich die Arbeitsmarktreformen auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar machen vieles wäre besser gewesen hier und heute.
Was denn Bundesweites Büchergeld? Studiengebühren? Raucherclubs? Bayern Filz? Problembären? Transrapid? Bierkonsum? vor angeblich großen Figuren wie Stoiber oder Schröder darf man keinen Respekt haben.
stepanus34 28.09.2016
4. Meine Hochachtung
...hat er, der Herr Stoiber.
i.dietz 28.09.2016
5. Herr Stoiber - gehen Sie bitte in den Ruhestand
und verschonen uns mit ihren konfusen Ratschlägen, die will eh' keiner hören !
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