Ex-DDR-Staatschef Egon Krenz lobt Kanzlerin Merkel - ein bisschen

Als die Mauer fiel, war Egon Krenz der mächtigste Mann der DDR. 30 Jahre danach spricht er im SPIEGEL über ostdeutsche AfD-Wähler - und über Angela Merkels Flüchtlingspolitik.

Egon Krenz: AfD nicht "als Protestventil" nutzen
Britta Pedersen/ DPA

Egon Krenz: AfD nicht "als Protestventil" nutzen

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Der frühere SED-Generalsekretär und DDR-Staatsratsvorsitzende Egon Krenz hat ein zweischneidiges Verhältnis zu Kanzlerin Angela Merkel. Für ihre Flüchtlingspolitik im Jahr 2015 nimmt er sie ausdrücklich in Schutz. "Die Entscheidung, die Flüchtlinge einreisen zu lassen, hätte ich genauso getroffen", sagt Krenz im SPIEGEL: "Weil das eine humanitäre Entscheidung war."

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Dass Krenz einst selbst ein Regime repräsentierte, das keine Reisefreiheit zuließ und auf Flüchtlinge schießen ließ, erkennt er dabei offenbar nicht als Widerspruch: "Das ist eine ganz andere Sache."

Zum Problem habe sich die Aufnahme der Flüchtlinge in Deutschland in den vergangenen Jahren entwickelt, weil das Land nicht vorbereitet gewesen sei. "Nehmen Sie die Losungen in der CDU: Lieber Kinder statt Inder und so weiter. Das heißt: Diese nationalistischen Töne waren vorhanden, und man hat die Rechten verharmlost", so Krenz zum SPIEGEL.

Es gibt diese Stimmung: "Wir sind keine vollwertigen Bundesbürger"

Der 82-Jährige kritisierte den Umgang der Kanzlerin mit den Bürgern in den neuen Bundesländern. Auf die Frage, warum Merkel trotz ihrer ostdeutschen Herkunft nicht mehr Empathie für die Ostdeutschen gezeigt habe, sagte er: "Wenn Merkel je dieses Gefühl gehabt hätte, wäre sie nie Bundeskanzlerin geworden. Empathie ist aber sicher kein Attribut von ihr."

Die Stärke der AfD in ostdeutschen Ländern ergibt sich für Krenz "aus dem Versagen der etablierten Parteien", nicht zuletzt jener Partei, die im vereinten Deutschland das Erbe der SED angetreten hat, Die Linke. Viele Menschen im Osten seien enttäuscht, es gebe schon die Stimmung: "Wir sind keine vollwertigen Bundesbürger."

Dennoch, so Krenz, sollten jene Enttäuschten die AfD nicht "als Protestventil" nutzen. "Ich kenne eine Menge Leute, die mir erzählen, dass sie aus Protest AfD wählen, obwohl sie gar nicht wissen, was die AfD will. Denen rate ich: Keine Kränkung kann rechtfertigen, Nazis und Neonazis zu wählen."

Krenz wurde 1983 Mitglied des Politbüros der DDR und kurz danach zweiter Mann im Staat hinter Erich Honecker. Mitte Oktober 1989 stürzte er Honecker, musste aber vier Wochen nach dem Mauerfall selbst abdanken. 1997 wurde er im sogenannten Politbüroprozess wegen Totschlags an vier DDR-Flüchtlingen zu sechseinhalb Jahren verurteilt. Krenz lebt heute in Dierhagen in Nordvorpommern.

Lesen Sie hier das ganze Interview: Ex-DDR-Staatschef Egon Krenz über den Mauerfall: "Sehen Sie hier einen verbitterten Mann? Nein."



insgesamt 50 Beiträge
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olmen 05.07.2019
1. Wann hört es auf
mit Aussagen "Wir sind keine vollwertigen Bundesbürger"? Es ist vieles getan worden für die Einheit. Die in den Köpfen muss endlich folgen. Fakt war, dass die DDR Pleite war und sie gerettet wurde und ihr die Pleite mit allen Folgen erspart geblieben ist.
Profdoc1 05.07.2019
2. Wer...
sich nicht wie ein vollwertiger Bundesbürger verhält, fühlt sich auch nicht so - das ist schlüssig, Herr Krenz. Aber, mit Verlaub, ich habe so viele Freunde und Kollegen aus den nicht mehr neuen Bundesländer, die das vollkommen anders sehen und selbstverständlich Bundesbürger sind - und auch keine zweite Wahl! Hier wird doch wieder verallgemeinert....Die Frage ist, wer sich so fühlt und warum?
ERICRODHE 05.07.2019
3. Der empathische Egon!
Dieser empathische Mensch war nicht in der Lage, die DDR und seine Freiheit zu retten. Lieber ist er in den Knast gegangen, als dass er gekämpft hätte. Er wollte keinen zweiten Platz des Himmlischen Friedens. Dass die Asylpolitik der BRD eine antisozialistische Maßnahme im Kalten Krieg war, die als Humanismus verkauft worden ist, kann ein kapitalistisches Leitmedium natürlich nicht schreiben. Wenn der Westen die DDR-Flüchtlinge als Wirtschaftsflüchtlinge zurück geschickt hätte, hätte es keinen einzigen Mauertoten gegeben. Wer ist also heute der Mörder im Mittelmeer: Das europäische Asylrecht. "Humanismus" kann tötlich sein.
harry2405 05.07.2019
4. Recht hat er
Eigentlich wollte er ja keine Interviews mehr gaben, wie er mehrfach sagte. Man solle seine Bücher lesen (die im übrigen sehr interessant sind), da stünde alles drin. Zur AfD steht da natürlich nichts, weil diese unerfreuliche Erscheinung zu neu ist. Daß er sich nun aber äußert, obwohl er selbst Teil eines menschenverachtenden Regimes war, ist gut. Warum? Viele, die jetzt AfD wählen, wollen ihn oder Honecker zurück. Aber er sagt Ihnen nun, daß sie falsch handeln. Vielleicht kann das dazu beitragen, daß die Neo-Nazis ein paar Stimmen weniger bekommen. Seine Meinung hat im Osten wieder (oder immer noch?) gerade bei den Unzufriedenen ein gewisses Gewicht.
radbodserbe 05.07.2019
5. "Keine Kränkung kann rechtfertigen, Nazis und Neonazis zu wählen"
Hätte nicht geglaubt, das ich einmal mit einem Herrn Krenz zumindest in einer Sache übereinstimmen würde, auch wenn natürlich durchaus richtig sein eigener Umgang früher mit Flüchtlingen und Menschen allgemein im Artikel deutlich angeprangert wird. Seine Aussage sollte sich aber wirklich jeder AfD Wähler, egal ob "ost" oder "west" gut durch den Kopf gehen lassen, v. a. wenn er "nur" enttäuschter Protestwähler ist und nicht rechtsradikal aus Überzeugung wählt. Jedem sollte klar sein: Es gibt eine noch weitaus schlechtere bzw. unwählbare "Alternative für Deutschland" gleichen Namens rechts von der sich ja nun auch nicht gerade mit Ruhm bekleckernden GroKo, wenn einem Demokratie wirklich wichtig ist.
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