Jakob Augstein

Homophober "FAZ"-Beitrag Versteckt eure Kinder!

Schwulen darf man keine Kinder anvertrauen - sie könnten sie vergewaltigen. Steile These? Stand so aber der Tendenz nach in der seriösen "FAZ". Mit der Ehe für alle ist Schwulenfeindlichkeit noch kein Thema von gestern.
Schriftzug "Frankfurter Allgemeine - Zeitung für Deutschland"

Schriftzug "Frankfurter Allgemeine - Zeitung für Deutschland"

Foto: Arne Dedert/ picture alliance / dpa

Am vergangenen Freitag beschloss das deutsche Parlament die Ehe für alle. Es war ein Gesetz für die Liebe und so etwas wird nicht alle Tage beschlossen. Darum fühlte sich die große Mehrheit im Parlament heiter beschwingt und die große Mehrheit im Land auch. Man kann sagen: das Land war für einen Moment glücklich. Natürlich nicht das ganze Land. Es gibt ein paar homophobe Ecken, da kommt das Licht der Liebe nicht hin.

Manche dieser Ecken kennt man schon: die AfD zum Beispiel würde am liebsten in Karlsruhe klagen. Andere sind neu: dass zum Beispiel in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" Platz für einen brutalen Schwulenhass ist, wie man ihn sonst nur aus dem Osten kennt, das war überraschend.

Die "FAZ" veröffentlichte ebenfalls am Freitag einen Artikel unter der Überschrift: "Wir verraten alles, was wir sind". An diesen Artikel wird man sich noch lange erinnern. Seine Kernthese: Schwule neigen dazu, alles zu vögeln, was ihnen vors Rohr kommt, und darum darf man ihnen keine Kinder anvertrauen.

Das steht so natürlich nicht in dem Text. Bei der feinen "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" findet man auch für Hate Speech ganz vornehme Worte.

Die entsprechende Stelle liest sich so:

"Und ist es wirklich so abwegig, was manche Gegner der Homo-Ehe behaupten, dass adoptierte Kinder ungleich stärker der Gefahr sexuellen Missbrauchs ausgeliefert sind, weil die Inzest-Hemmung wegfällt und diese Gefahr bei homosexuellen Paaren besonders hoch sei, weil die sexuelle Outsider-Rolle eine habituelle Freizügigkeit erotischer Binnenverhältnisse ohne alle sexual-ethischen Normen ausgebildet habe?"

Alles klar? Noch mal für alle: Weil Schwule beim Sex häufig keine Moral kennen, besteht bei ihnen die besondere Gefahr, dass sie auch Kinder vergewaltigen.

Der Text erschien als Gastbeitrag im politischen Ressort. Autor ein gewisser Johannes Gabriel, den die Redaktion als "Philosoph und Psychologen" vorstellte, der Nichtregierungsorganisationen berate. Allein - den Mann gibt es nicht. Der Name ist frei erfunden und die Vita vielleicht auch.

Es ist eine rätselhafte Geschichte: Warum druckt die "FAZ" so etwas? Warum mit erfundenem Autorennamen - und vor allem: wer konnte auf die Idee kommen, das alles bliebe unentdeckt?

Die Identität des Autors ist unklar. Spekuliert wird über den homosexuellen Theologen David Berger. Im Netz twittert und postet er wie das schwule Maschinengewehr Gottes. Auf seiner Seite begehen Migranten andauernd Sexualverbrechen, Islamisten werfen Homosexuelle von Dächern, Beatrix von Storch fordert die katholische Kirche auf, sich von der CDU zu distanzieren, und Erika Steinbach ist eine honorige Politikerin, mit der man sich gerne fotografieren lässt.

Ein schwuler Rechter? Na klar. Die lesbische Alice Weidel ist Co-Spitzenkandidatin der AfD. Und nach einer französischen Studie haben bei den Regionalwahlen 2015 rund 32 Prozent der homosexuellen Paare den Front National gewählt. Die Erfahrung der eigenen Diskriminierung bewahrt einen ja nicht davor, andere zu diskriminieren. Übrigens haben gar nicht so wenige Schwule und Feministinnen echte Sympathien für die Rechten - und zwar aus Angst vor fanatischen Islamisten.

Im Netz steht, dass Berger die kirchliche Lehrerlaubnis für katholischen Religionsunterricht entzogen worden sei, er habe der Kirche daraufhin den Rücken gekehrt. Zu so einem Mann würde der "FAZ"-Artikel passen, den eine eigentümliche Schwankung zwischen schwuler Selbstverachtung und Selbstüberhöhung auszeichnet.

Immerhin - man lernt: Hate Speech ist nicht nur ein Problem des Internets. Und Homophobie gibt es offenbar nicht nur bei den Russen.

Es ist ja kein Geheimnis, dass bei der "FAZ" auch eine Menge Redakteure, die mit ihrem echten Namen schreiben, etwas gegen die Homo-Ehe haben.

Vielleicht gibt es so etwas wie ein redaktionelles Unterbewusstsein, das sich hier Bahn gebrochen hat. Eine tiefsitzende Schwulenfeindlichkeit in der "FAZ"-Redaktion, die alle Mechanismen handwerklicher Vernunft ausgeschaltet hat?

Die "FAZ" lobt sich selbst im Netz jetzt für ihren Debattenmut. Tatsächlich: wer sonst hätte diese reaktionäre Schwurbelei gedruckt? Ob der Zeitung das hilft, ist eine andere Frage. Wie viele rotnackige Schwulenfeinde und selbsthassende Homos gibt es noch im Land, und wie viele ganz normale Leser?

Es kam ein Sturm über die Zeitung, mit dem man in Frankfurt offenbar nicht gerechnet hatte. Auf Twitter machte die Redaktion alles noch schlimmer:

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War es denn ein Geist, der der Redaktion den Abdruck befohlen hatte? Ja - der Geist der Schwulenfeindlichkeit.

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