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30. Juni 2017, 07:41 Uhr

CDU-Basis zur Ehe für alle

"Ich finde es nicht gut, wenn zwei Männer ein Kind aufziehen"

Aus Wiesloch berichtet

Der Bundestag im fernen Berlin hat die Ehe für alle beschlossen. Die CDU-Basis in einer Kleinstadt in Baden-Württemberg kann damit wenig anfangen - sie sehnt sich nach der alten Zeit.

In Wiesloch läuten die Glocken der Kirchen wie zur Wallfahrt. Gemächlich pilgern die Parteimitglieder in den zweiten Stock des Kulturhauses. Sie sind gekommen, um dem ehemaligen Ministerpräsidenten Baden-Württembergs, Erwin Teufel, bei der 70-Jahrfeier der Wieslocher CDU reden zu hören.

Es ist Donnerstag, der Abend vor der Bundestagsabstimmung. Jene Abstimmung, die am Freitagmorgen den Weg frei machen wird für die Ehe für alle.

Mit der Aufgabe ihrer Blockadehaltung hat die Kanzlerin viele Anhänger der konservativen Basis schockiert - obwohl auch Angela Merkel am Freitag gegen die Ehe für alle stimmen wird. Schockiert ist auch die CDU-Gemeinde der 26.000-Einwohner-Stadt Wiesloch im eher christlich-konservativ geprägten Wahlkreis Rhein-Neckar. Der Altersdurchschnitt des Publikums ist an diesem Abend beinahe so hoch, wie das Jubiläum, das gefeiert wird.

Nicht die Kanzlerin, sondern Erwin Teufel ist an diesem Abend ihr Held. Er, der Verfechter des "C" im Titel der Partei, betritt die Bühne. Bedächtig folgen die Zuhörer seinen Worten, während der langjährige Landesvater einen Abriss der Geschichte der Bundesrepublik und der guten, alten Zeit der Union vorträgt. Er schwärmt vom Wiederaufbau, von Ludwig Erhard, der die Deutsche Mark einführte und den wirtschaftlichen Aufschwung herbeiführte.

Es sind Bilder aus einer Zeit, die harte Arbeit und Familienzusammenhalt zelebrierte. Das Publikum schwelgt mit Teufel in diesen harten, für die CDU aber goldenen Zeiten. Erinnern sich an das Damals, als man wusste, wofür die CDU steht. Mit dem Heute, in dem Schwule und Lesben die gleichen Rechte wie alle bekommen sollen, können sie nicht viel anfangen.

Erwin Teufel sagt nichts zur Ehe für alle. Will nichts sagen. Dafür sprechen andere im Raum.

"Ich würde definitiv dagegen stimmen", sagt Gustav Wimmer zur Ehe für alle. Der Rentner ist seit 49 Jahren CDU-Mitglied. Dass sich seine Partei von der SPD bei diesem Thema so festsetzen lassen konnte, versteht er nicht. Seine Haltung gegenüber Homosexualität beschreibt der 70-Jährige als sehr konservativ. Doch dann rudert Wimmer zurück, denn im Vorbeigehen ruft ein anderer Veranstaltungsteilnehmer: "Die sind nicht normal. Die gehören alle ins Zuchthaus." Nein, so eine Position könne er gar nicht vertreten, sagt Wimmer. "So eine Einstellung hatten wir schon einmal."

Die Seniorinnen Erika Brunda, 74, und Herlinde Pfeife, 71, sind regelmäßig bei den Parteiveranstaltungen der Wieslocher CDU. Schwulsein im großen Wowereit-Stil - das wäre ihnen zu viel. "Ich finde es nicht gut, wenn zwei Männer ein Kind aufziehen", sagt Pfeife und zuckt die Achseln. "Ich bin halt noch aus der Zeit, die Herr Teufel beschrieben hat." Dennoch würden beide Frauen für die Ehe für alle stimmen. "Das ist jetzt der Zeitgeist. Man kann die Entwicklung schließlich nicht aufhalten", sagen sie.

Auf dem Podium steht Adrian Seidler. Er ist Gemeinderat und Vorsitzender des CDU-Ortsverbandes Wiesloch. Er weiß, dass er es an diesem Abend nicht leicht haben wird mit dem Thema Ehe für alle. Dennoch spricht er die Abstimmung im Bundestag bei seiner Dankesrede an Teufel an. "Die Gesellschaft verändert sich und auch die CDU muss sich mit veränderten Fragestellungen auseinandersetzen", sagt er. Bei diesen Worten wird die Stimme des 39-Jährigen unsicher. Als warte er auf Resonanz. Ein Raunen geht durch den Saal der überwiegend älteren, männlichen Teilnehmer.

Seidler lässt sich nicht beirren. "Familie ist dort, wo Verantwortung übernommen wird", sagt er. Es käme weniger auf die sexuelle Gesinnung der Eltern des Kindes an. Würde er Jesus Christi zu seiner Meinung fragen, hätte dieser sich auch für eine Gleichstellung homosexueller Partnerschaften ausgesprochen, so Seidler. Eben diese zwei grundlegenden, konservativen Werte der CDU - Familie und Christentum - sehen die CDU-Mitglieder an diesem Abend durch die Ehe für alle gefährdet. Kann die CDU diese Werte doch noch modern auslegen? Ja, immerhin lebe man im Jahr 2017, sagt Seidler. Und eigentlich sei auch eine große Mehrheit der Mitglieder für die Ehe für alle.

Doch nach wirklichen Verfechtern muss man im Wieslocher Kulturhaus lange suchen. Auch der CDU-Landtagsabgeordnete des Wahlkreises Wiesloch, Karl Klein, kann sich nicht recht zur Ehe für alle durchringen. In einer "Wenn's denn sein muss"- Logik erklärt er, er würde für eine Gleichstellung schwuler und lesbischer Partnerschaften stimmen, um ihre Menschenrechte zu wahren. Gleichzeitig beharrt er auf dem besonderen Schutz der Ehe als "echte Keimzelle der Familie".

Hinter dem aufgebauten Tresen aus Tischen schenkt Claudia G. (Name geändert) Wein und Wasser an die Teilnehmer aus. Mit 35 Jahren gehört sie zu den Jüngeren CDU-Mitgliedern an diesem Abend. Doch sagt sie: "Ich bin klassisch. Für mich ist die Ehe eine Verbindung zwischen Mann und Frau und nur die können eine Familie gründen." Die Betriebswirtin habe homosexuelle Paare in ihrem Kollegenkreis. Warum traut sie ihnen keine Erziehung von Kindern zu? "Doch denen, die ich kenne schon", lacht sie und schüttelt den Kopf, sodass ihre Perlenohrringe schwingen. Vielleicht müsse man sich auch erst dran gewöhnen.

Als Teufel die Bühne verlässt, gibt es stehende Ovationen, Beifall und Geschenke. Für die Kanzlerin hingegen haben die Wieslocher heute gemischte Gefühle. "Mich ärgert, dass die Abstimmung zur Ehe für alle ohne Basis jeglicher Diskussion stattfindet - genau wie viele Themen zuvor unter Merkel, von Atomkraft bis Wehrpflicht", sagt Christian Wanner. Der 39-Jährige ist stellvertretender Vorsitzender der Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung Rhein-Neckar.

Zumindest in ihm und Seidler hat die Ehe für alle dann doch noch Anhänger in Wiesloch gefunden. Wanner würde im Bundestag für die Ehe für alle stimmen. "Sie ist die logische Konsequenz der vergangenen Jahrzehnte", sagt Wanner. Im Übrigen halte er die Ehe gar nicht für förderungswürdig, sondern die Familie.

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