Ehrung für Helmut Kohl Rückkehr des Alten
Er sieht nicht gut aus. Das Gesicht maskenhaft starr, der immer noch massige Körper im Rollstuhl. Doch als Helmut Kohl zu seinem ersten öffentlichen Auftritt nach langer Krankheit in Folge eines schweren Sturzes in den Weißen Saal des Stuttgarter Stadtschlosses geschoben wird, werden Raum und Publikum von seiner Person ergriffen. Man erhebt sich zum Applaus.
Kohls Präsenz ist fast unheimlich.
An diesem Freitagabend in Stuttgart wird dem Altkanzler der Hanns-Martin-Schleyer-Preis verleihen, "für hervorragende Verdienste um die Festigung und Förderung der Grundlagen eines freiheitlichen Gemeinwesens", wie es heißt. Preise sind nichts Neues für Kohl, der Mann schmückt sich mittlerweile mit mehr als zwanzig Ehrendoktortiteln.
Doch diese Stuttgarter Auszeichnung ist für Kohl etwas besonderes, denn sie ist benannt nach dem 1977 von der RAF ermordeten Arbeitgeberpräsidenten, dem Kohl sehr nahestand. Trotzdem stimmte er damals im Herbst vor mehr als 30 Jahren dem Vorgehen der Regierung von Kanzler Helmut Schmidt zu, auf die Erpressungsversuche der Terroristen nicht einzugehen. Der entführte Schleyer wurde ermordet.
Nun in Stuttgart will Helmut Kohl reden. Nicht zum europäischen Projekt, nicht zum 20. Jubiläum der deutschen Einheit - sondern über den Freund, den er damals verloren hat.
Doch zuvor ist es Luxemburgs Premierminister Jean-Claude Juncker, der Kohl als Laudator die Ehre erweist - und eben doch das europäische und deutsche Einigungsprojekt ausleuchtet. Der Christdemokrat Juncker nennt Kohl "meinen väterlichen Freund" und stellt ihn in die "Reihe der ganz Großen", neben Konrad Adenauer und Winston Churchill.
Kohl, erste Reihe Mitte, zeigt keine Gesichtregung. Nur sein Kopf überragt alle, weil er nun mal auf dem höheren Rollstuhl sitzt. Das wirkt raumgreifend, immer noch. Der neben ihm sitzende Joachim Milberg, früherer BMW-Chef und an diesem Freitag ebenfalls mit dem Schleyer-Preis ausgezeichnet, wirkt dagegen filigran. Es erinnert an das Bild, das damals der bundesrepublikanische Kraftmensch Kohl und der DDR-Ministerpräsident Lothar de Maizière bei gemeinsamen Auftritten abgaben.
Juncker erinnert sich in Stuttgart an frühere europäische Gipfeltreffen: "Als er noch Bundeskanzler war und voll im Saft stand, da war seine massive Präsenz manchmal störend, vor allem für ein kleines Land." Gelächter im Publikum. Doch der Luxemburger meint das natürlich freundlich: Kohl habe sich immer für die kleineren Staaten in Europa eingesetzt. Seine Präsenz sei nie die jener "kleinen Politiker" gewesen, "die sich Bundespolitiker nennen", spielt Juncker auf seinen gegenwärtigen Steueroasen-Streit mit Bundesfinanzminister Peer Steinbrück an.
Großer Applaus im Publikum, das wie ein Querschnitt aus den Zeiten der gutbürgerlichen Kohl-Republik anmutet. Ein wenig älter sind sie geworden, aber die Föhnfrisuren, die getönten Sonnenbrillen der Herren, die Kostüme der Damen - das ist alles noch wie damals. Man feiert die gute alte Zeit - untermalt von Junckers bemerkenswert persönlicher Rede, zu deren Höhepunkt er feststellt: "Nicht Stalin hat die europäische Nachkriegsgeschichte für sich entschieden, sondern Churchill und Kohl."
"Ich habe einen Freund verloren"
Und dann erscheint der ewige Kanzler selbst auf der Bühne. Der Rollstuhl mutet wie ein Thron an, links von ihm steht Juncker, rechts Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger. Doch Kohl spricht demütig.
Dies sei sein erster öffentlicher Auftritt seit seinem schweren Unfall vor knapp einem Jahr, "ich habe mir das lange überlegt". Tatsächlich hieß es in Kohls Umfeld bisher, er werde sich im Herbst äußern, zum Jubiläum der Einheit. Doch Kohl will über Schleyer reden, deshalb hat er seinen Genesungsurlaub unterbrochen. "Ich habe einen Freund verloren", sagt er immer wieder. Es ist das Motiv seiner Rede. Die Stimme ist rau, die Satzenden vernuschelt er. "Die Jahre des Terrors" seien furchtbare Jahre gewesen, die man nicht vergessen dürfe.
Nur zehn Minuten spricht er. Es ist kein politisches Testament des 79-Jährigen, wie von manchen Beobachtern erwartet. Es geht Kohl offenbar um das sehr persönliche Bekenntnis zur Familie des Ermordeten, die an diesem Abend im Weißen Saal sitzt. Allein wenn er sie anspricht, bewegt sich sein Kopf in ihre Richtung. Ansonsten bleibt er starr. Freundschaft, sagt Kohl, könne nur gelingen, "wenn sie bis ins Innerste unserer Seelen und Herzen funktioniert".
Später wird der aus Berlin angereiste Unionsfraktionschef Volker Kauder von einem "bewegenden Auftritt" sprechen. Kohl habe gezeigt, "welche Emotionen er auslösen kann".