Sabine Rennefanz

Klimakrise in Deutschland Brennende Träume

Sabine Rennefanz
Eine Kolumne von Sabine Rennefanz
Im vergangenen Jahr begann der Grünenpolitiker Anton Hofreiter eine Debatte über Einfamilienhäuser. Man sollte sie nach diesem Dürresommer erneut führen.
Kampf gegen den Waldbrand im Landkreis Elbe-Elster: Der Dürressommer 2022 zerstört nicht nur die Natur, sondern auch viele Träume

Kampf gegen den Waldbrand im Landkreis Elbe-Elster: Der Dürressommer 2022 zerstört nicht nur die Natur, sondern auch viele Träume

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Jan Woitas / picture alliance

Auf einem Plakat, das derzeit an vielen Stellen in Berlin hängt, sieht man ein modernes neues Haus, bodentiefe Fenster mit einem riesigen, bis zum Rand gefüllten Pool davor. Es steht mitten im Wald oder an einem Waldrand. Das Foto wirbt für eine Hausbau-Messe Ende des Monats und wirkt mitten im Hitze- und Dürresommer 2022 seltsam deplatziert und aus der Zeit gefallen. Wie eine mittelalterliche Burg oder ein barockes Schloss. Kann man so noch bauen, als wäre nichts gewesen?

Es sind ja nicht nur die Wälder, die seit Wochen brennen, und die Flüsse, die austrocknen, es sind unsere Träume, die da in Flammen aufgehen. Lebensvorstellungen geraten ins Rutschen. Zum Beispiel der Traum vom Einfamilienhaus im Grünen, den viele hegen: weniger Lärm, mehr Platz für Garten, Pool und Kinder. Und drumherum am besten ein Zaun, eine Hecke und ein »Hund-wacht«-Schild. Die Welt mit ihren Nervigkeiten soll draußen bleiben. Laut einer repräsentativen Umfrage des Baufinanzierers Interhyp  wollten 2021 65 Prozent der Deutschen am liebsten im Einfamilienhaus wohnen.

Während der Coronapandemie habe viele Großstädter die Flucht aufs Land angetreten – Home Office machte es möglich. Wer sich kein Eigenheim leisten konnte, suchte nach einem Zipfel Land für eine Datsche – und steht dann dafür am Sonntagabend im Rückreisestau. Am Wochenende sind nur noch die Armen, die ganz Jungen und Alten in der baulich vernachlässigten Stadt (die auch nicht auf die Hitzewellen vorbereitet ist, aber das wäre ein weiteres Thema).

Auch die Ansprüche ans Wohnen und den dafür benötigten Platz sind gestiegen: Innerhalb von 25 Jahren stieg der Wohnflächenverbrauch in Westdeutschland pro Kopf von 38 Quadratmeter im Jahr 1995 auf 48,4 Quadratmeter im Jahr 2021. 1950 hatte in der alten Bundesrepublik jeder im Schnitt nur 14 Quadratmeter zur Verfügung .

Der Grünenpolitiker Anton Hofreiter sagte vor der Bundestagswahl im vergangenen Jahr in einem Interview mit dem SPIEGEL  das Offensichtliche: Dass Einparteienhäuser viel Fläche, viel Energie, viel Baustoffe verbrauchen. Sie sorgten außerdem für Zersiedlung und mehr Verkehr. Denn auf dem Dorf braucht man meistens zwei, manchmal sogar drei Autos.

Es stimmt ja, dass viele Gemeinden an den Ortsrändern Wiesen- und Ackerflächen aus Angst vor Bevölkerungsschwund zu Baugebieten erklärt haben. Dadurch entstanden sogenannte Donut-Dörfer, wie Anton Hofreiter sie nennt: »außen prall, innen hohl, mit Siedlungen am Rand und einer kaputten Tankstelle als traurigem Rest im Kern«. Als Berlinerin hat man solche Dörfer im Speckgürtel der Hauptstadt sofort vor Augen. Es sind reine Schlaforte, ohne gewachsene Strukturen und ohne Verbindungen.

Hofreiters Aussagen haben viele Leute empört, Widerspruch kam aus allen Parteien. Es war womöglich – kurz vor der Wahl wie gesagt – der falsche Zeitpunkt. Doch im Prinzip hatte er recht.

Eigentlich müsste man die Debatte nochmal neu führen. Denn dieser Sommer mit seinen Extremen dürfte für viele ein böses Erwachen bedeuten. Die Landschaft, die Natur, die die Großstadtflüchtlinge suchen, ist längst im Verschwinden begriffen. Nicht erst seit diesem Sommer, aber dieser Sommer hat die Veränderungen mit aller Deutlichkeit gezeigt. Statt Idylle, Ruhe und Rückzug finden sich Hitze, Trinkwassermangel und Feuergefahr. Die Eigenheimbauer wollten Rückzug von den Zumutungen der Gegenwart und stecken nun mittendrin in der Katastrophe.

Treuenbrietzen, Beelitz, Lieberose, Mühlberg, Bad Schandau. So heißen einige der Orte, in deren Nähe es in diesem Sommer brannte. Etliche Bewohner mussten evakuiert werden, andere leben in Furcht vor den Flammen. Die Angst davor, das, was sie aufgebaut haben, zusammengespart haben, vielleicht zu verlieren, ist allgegenwärtig.

Nun kann man es zynisch finden, über Lebensträume zu reden, während die Feuerwehrleute an vielen Orten dieser Republik noch gegen die Flammen kämpfen. Aber das eine ist mit dem anderen verbunden. Die Ökosysteme sind aus dem Gleichgewicht geraten und die Brände sind dafür das extreme Zeichen. Ein Weckruf, eine deutliche Warnung. Da ist einerseits die Art der Wälder: Was in Brandenburg brennt, sind Kiefernforste, angebaut für schnelles Wachstum und zur Holzverarbeitung. Wie schädlich diese Monokulturen sind, weil sie den Boden aussaugen, hat die »taz« hier aufgeschrieben . Ich habe selbst als Schülerin Kiefern gepflanzt, das war Teil unseres Unterrichts, Aufforstung. Wir dachten damals, wir taten etwas Gutes. Auch das ein Irrtum.

Weltweit steht Bauen für 70 Prozent der Flächenversiegelung. In Deutschland wurde in den vergangenen Jahren gebaut, als gebe es Flächen ohne Ende. Als könnte man die Landschaft verwüsten, ohne dass es Auswirkungen auf Natur und Klima hätte. Vor etwa 20 Jahren beschloss die damalige Bundesregierung zwar, den Flächenverbrauch bis 2030 auf 30 Hektar täglich zu senken und bis 2050 quasi auf null zu reduzieren. Doch laut Bundesumweltministerium werden weiterhin jeden Tag 54 Hektar neu als sogenannte Siedlungs- und Verkehrsflächen ausgewiesen. Nicht alles, aber ein großer Teil dieser Flächen wird zugepflastert oder zubetoniert. Dadurch kann Regenwasser weniger versickern und fehlt in der Grundwasserversorgung. Dürreschäden und Hochwassergefahr sind die Folgen.

Dass Einfamilienhäuser Landschafts- und Flächenfresser sind, war schon vor diesem Sommer bekannt, aber jetzt wird auch klar, dass der Klimawandel so weit fortgeschritten ist, dass das Landleben unsere Erwartungen daran nicht mehr erfüllt. Anders gesagt: Wir haben uns unseren eigenen Traum zerstört.

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