Ein Amerikaner in Berlin Willkommen im alten Europa

Sie sind zum Studieren gekommen, zum Arbeiten oder einfach nur zum Spaß. Doch als Amerikaner in Deutschland hat man im Moment wenig zu lachen und umso mehr zu diskutieren. Ein Erfahrungsbericht.

Von David Scheer


Brandenburger Tor, als Weißes Haus verkleidet: Schwere Zeit für Amerikaner in Berlin
DPA

Brandenburger Tor, als Weißes Haus verkleidet: Schwere Zeit für Amerikaner in Berlin

Berlin - Ich saß in einem Berliner Restaurant, und im Fernsehen lief gerade wieder dieser Zeichentrickfilm: eine Satire über völlig verängstigte Pilgrims, die gerade Nordamerika eroberten und sich vor lauter Aufregung gegenseitig erschossen. Als Amerikaner fand ich das ungeheuer komisch. Zumindest die ersten paar Male.

Direkt gegenüber dem Restaurant zeigt ein Kino den Film "Bowling für Columbine", eine Dokumentation über Waffenbesitz in den USA, aus dem der Zeichentrickausschnitt stammt. Seit 13 Wochen läuft der Film schon, und ist immer noch fast jeden Abend ausverkauft.

Kritik an Amerika ist derzeit der Renner in Deutschland. Wann immer ich meine europäischen und amerikanischen Freunde in einer Bar treffe, dreht sich das Gespräch immer nur um das eine: Irak, Irak und noch mal Irak.

Vor sechs Monaten noch war unser wichtigstes Thema, wie man "schwül" richtig ausspricht. Nun muss ich ständig Fragen beantworten wie: "Warum habt ihr so viel Waffen?" "Ist euer Präsident wirklich so blöde?" Oder auch: "Gib es zu: Bush geht es nur ums irakische Öl."

"Ich habe es so satt", stöhnt mein amerikanischer Freund Will ein paar Tage später in der Bar. Kritik an Amerika ist das Topthema auf jeder Party, in jeder Kneipe, bei jeder noch so zufälligen Unterhaltung. "Ich glaube, das ist eine eigentümliche Situation für Amerikaner", sagte Will, "manche sind hierher gekommen, weil sie gegen die Bush-Regierung sind. Aber nun gibt es kein Entrinnen. Ob wir wollen oder nicht, wir reden über nichts anderes mehr."

Seine Frustration ist nicht unbedingt typisch für die Seelenlage der in Deutschland lebenden Amerikaner. Aber seine Erfahrung ist es. Die meisten stimmen zu, dass die transatlantischen Spannungen eine immer größer werdende Rolle in ihrem Alltag spielen.

Uncle Sam Georg Bush: "Unsere Regierung ist schuld an der Kritik an Amerika"
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Uncle Sam Georg Bush: "Unsere Regierung ist schuld an der Kritik an Amerika"

In dem kleine Laden neben meiner Wohnung hängen neuerdings Karikaturen von George Bush als Affe im Schaufenster. Ein amerikanischer Bekannter wurde kürzlich von einem Beamten als Kriegstreiber beschimpft. Ein Freund fand einen Zettel unter seinem Scheibenwischer: Willkommen im alten Europa. Drei andere Landsleute erzählten mir diese Woche, dass sie nun sogar ihrem Bäcker über die neusten Entwicklungen Rede und Antwort stehen müssten. "Ist George Bush der Präsident von Amerika oder der von Texas?", war eine der harmloseren Fragen. Schwerer hatte es dagegen Ron Schlundt, Geschichtsprofessor in Landstuhl: "Wird es einen Krieg geben?", wollte man beim Brötchen holen von ihm wissen. Dauernd werden ihm solche unmöglichen Fragen gestellt, sagt der Vorsitzende von "Democrats Abroad" in Deutschland: "Die Leute denken, ich wüsste etwas darüber, aber natürlich weiß ich nichts. Ich weiß auch nur, was in den Zeitungen steht."

Seit 20 Jahren unterrichtet Schlundt an einer US-Kaserne in Deutschland. Er und seine Frau Amy Peaceman haben eine ganze Reihe einheimischer Freunde. Sie freuen sich über deren Unterstützung, denn für das Ehepaar ist Krieg ein besonders emotionales Thema.

Peaceman ist Grundschullehrerin in der Kaserne. "Heute musste ich meine Schüler fragen, wie viele Eltern zum Kriegseinsatz geschickt werden", erzählt sie. Die Hälfte hoben die Hände. "Wir sind alle sehr besorgt", sagt Peaceman.

Viele Amerikaner sind es leid, ständig über die deutsch-amerikanischen Beziehungen sprechen zu müssen. Andere werden ihrer Botschafterrolle nie müde - etwa der 71jährige Bill Downey. Der pensionierte Krankenhauspfarrer hält Vorträge in Berliner Kirchen und schreibt für deren Infoblätter. Er mag die Fragen von Deutschen. Dann kann er erklären, dass es auch in Amerika viele unterschiedlichen Meinungen gibt, dass nicht alle Amerikaner einen Krieg unterstützen.

Auch nicht die in Deutschland: Keith Cappellini etwa, Student in Berlin, wird an den Protestveranstaltungen gegen den Krieg teilnehmen. Er findet, dass seine eigene Regierung schuld ist an der anwachsenden deutschen Kritik.

Dank der Beleidigungen, die US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld im vergangenen Monat in Richtung Deutschland ausgestoßen hat, fand sich Cappellini unversehens im "alten Europa" wieder, gleichgesetzt mit Ländern wie Kuba und Libyen. "Wenn Rumsfeld redet, gibt es meistens erst mal etwas zu Lachen", sagt Cappellini. Dem Lachen aber folgt schnell Ungläubigkeit. Dann Frustration. "Das ist es, was es schwer macht, als Amerikaner in Deutschland zu sein: unsere Regierung. Man muss damit leben." Aber zurückkehren will er um keinen Preis: "Es gibt keinen besseren Ort, um etwas über dein eigenes Land zu lernen, als in einem anderen."



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