Bundeswehrskandal in Litauen Geburtstagsständchen für Hitler

Vorwürfe gegen eine in Litauen stationierte Bundeswehreinheit sorgen im Verteidigungsressort für helle Aufregung. Die Militärführung erwägt, die betroffene Panzergrenadier-Einheit komplett zurückzuholen.
Für die Nato-Mission »Enhanced Forward Presence« stellt die Bundeswehr in Litauen rund 900 Soldaten

Für die Nato-Mission »Enhanced Forward Presence« stellt die Bundeswehr in Litauen rund 900 Soldaten

Foto: Ints Kalnins / Reuters

Als Annegret Kramp-Karrenbauer am Dienstagvormittag in Brüssel vor die Mikrofone trat, wollte die Verteidigungsministerin eigentlich gute Nachrichten verkünden. Zum ersten Mal seit längerer Zeit hatte sich AKK in einem sogenannten Quad-Treffen mit ihren Kollegen aus den USA, Frankreich und Großbritannien zusammengesetzt. Gemeinsam beriet man über große Themen wie das Ende der Afghanistan-Mission oder die Bedrohung durch Russland. Die Stimmung am Tisch, gab Kramp-Karrenbauer zu Protokoll, sei ziemlich gut gewesen.

Schon bei der ersten Nachfrage allerdings wurde AKK von den eher ätzenden Problemen mit der eigenen Truppe eingeholt. Was sie denn zu Vorwürfen gegen in Litauen stationierte deutsche Panzergrenadiere meine, wollte eine Reuters-Journalistin wissen. Kramp-Karrenbauer zögerte kurz. Dann aber wurde sie ziemlich deutlich. »Was immer passiert ist, ist in keinster Weise akzeptabel«, kommentierte die Ministerin die Ermittlungen. Nun müssten die Vorfälle »mit aller Härte verfolgt und auch bestraft werden«.

Die straffe Ansage illustriert, wie angefasst und nervös AKK wegen der Ermittlungen gegen ihre Soldaten ist. Ausgerechnet beim Auslandseinsatz in Litauen, wo deutsche Soldaten im Auftrag der Nato durch Übungen mit der lokalen Armee die Abschreckungsfähigkeit der Allianz gegenüber Russland stärken sollen, sorgt nun der zweite Zug des Panzergrenadierlehrbataillons 92 aus Munster für einen handfesten neuen Skandal. »Wenn sich das bestätigt«, stöhnt ein General in Berlin bereits, »steht nicht weniger als unser guter Ruf auf dem Spiel.«

Durch die Vernehmungen kamen immer neue Vorwürfe zutage

Erste Alarmzeichen gingen bereits Mitte vergangener Woche im Berliner Bendlerblock ein. Per »IsoLa«-Meldung, eine Art Frühwarnsystem der Bundeswehr, wurde über Ermittlungen der Feldjäger berichtet. Schon die Stichworte klangen nicht gut. Bei den Vorwürfen gehe es um teilweise krasses Fehlverhalten eines in Litauen stationierten Zugs von gut 30 Soldaten und Soldatinnen. Darunter auch mögliche Straftaten wie sexuelle Nötigung, Beleidigungen mit rassistischen Sprüchen sowie Hinweise auf Rechtsextremismus in der Einheit. Mehr Skandalpotenzial geht kaum.

Übers Wochenende dann wurde eilig ermittelt. Fast alle 30 Soldaten des zweiten Zugs wurden befragt. Schon die ersten Ergebnisse reichten, um drei Soldaten des Zugs umgehend nach Hause zu fliegen. Insgesamt seien wohl zehn Soldaten an Fehltritten innerhalb der Einheit beteiligt gewesen, hieß es am Montag. Spontan entsandte das Heer den Vizeinspekteur nach Litauen. Generalleutnant Johann Langenegger soll die Aufklärung vor Ort beschleunigen und wohl auch die Gastgeber der Bundeswehr so gut es denn geht beruhigen.

Auslöser der Ermittlung war eine ausgelassene Party in einem Hotel in der Region Rukla am 30. April. Teilweise stark alkoholisiert sollen die Soldaten des Panzergrenadierzugs bei einem sogenannten Erholungswochenende dort so heftig gefeiert haben, dass das Hotelpersonal die deutschen Feldjäger alarmierte. In Bundeswehrkreisen hieß es, die Feldjäger hätten an dem Abend einen betrunkenen Soldaten des Zugs zurück in die Kaserne in Rukla geschafft. Mehr sei aber erst mal nicht passiert.

Soldat mit afghanischen Wurzeln wurde offenbar rassistisch beschimpft

Erst als sich nach der Feier Soldaten aus der Einheit an die Vertrauensperson der Bundeswehr vor Ort wandten, kam das ganz Ausmaß des möglichen Fehlverhaltens innerhalb der kleinen Einheit langsam zutage. So erfuhren die Vorgesetzten zunächst, dass einer der Soldaten im Laufe der Party in dem Hotel einem schlafenden Kameraden seinen Penis in den Mund stecken wollte. Das bizarre Ritual, in Bundeswehrkreisen auch als »Anpimmeln« bekannt, wurden offenbar von einem anderen Soldaten mit dem Handy gefilmt.

Noch gravierender aber wirken Vorwürfe, die erst im Verlauf der weiteren Vernehmungen herauskamen. So berichteten Soldaten, dass Kameraden aus ihrem Zug am 20. April ein Geburtstagsständchen für Adolf Hitler angestimmt haben sollen. Der Vorfall ereignete sich offenbar in der Kaserne der litauischen Armee in Rukla und wurde sogar durch einen Vorgesetzten bemerkt. In einem internen Vermerk heißt es jedenfalls, die Soldaten hätten das Lied entgegen dem eindeutigen Befehl eines Feldwebels gesungen. Eine Meldung aber machte er offenbar nicht.

Auch die weiteren Vorwürfe deuten auf ein skandalöses und auch strafbares Eigenleben in dem Zug aus Munster hin. So soll eine Kameradin über Monate von Soldaten sexuell gemobbt und beleidigt worden sein. Irgendwann entdeckte die Soldatin auf ihrer Waffe sogar den Schriftzug »Hure«, den andere Soldaten dort offenbar eingeritzt hatten. Zudem soll ein Soldat mit afghanischen Wurzeln innerhalb der Einheit häufig rassistisch beschimpft worden sein. Auch abfällige Sprüche über Juden seien gefallen.

AKK will mit ihrem litauischen Amtskollegen telefonieren

Für AKK und ihre Truppe sind die Vorwürfe weit mehr als nur peinlich. So steht die Bundeswehr als Teil der Nato-Mission »Enhanced Forward Presence« seit Jahren im Fokus von russischen Desinformationskampagnen. Sollten sich die Vorwürfe, allen voran das Anstimmen eines Geburtstagsliedes für Adolf Hitler, bestätigen, geriete die Bundeswehr gegenüber den litauischen Gastgebern in echte Erklärungsnot. Wohl auch deshalb kündigte die Ministerin am Dienstag an, sie wolle bald mit ihrem litauischen Amtskollegen telefonieren.

Kramp-Karrenbauer, die nach rechtsextremen Vorfällen beim »Kommando Spezialkräfte« (KSK) eine Null-Toleranz-Linie ausrief, steht nun unter Zugzwang. Einen weiteren Skandal um rechtsextreme Soldaten bei einem Auslandseinsatz kann sie bei ihrem Versuch, sich für eine zweite Amtszeit zu empfehlen, so gar nicht gebrauchen. Als Beweis, dass die Ministerin weiter hart gegen Fehltritte in der Truppe durchgreift, wird wohl auch deshalb bereits der komplette Abzug des betroffenen Panzergrenadierzugs aus Litauen erwogen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.