Ein Scheich in Berlin "Wo sind hier die Deutschen?"

Der Regierungschef der Vereinigten Arabischen Emirate ist auf seinem ersten Staatsbesuch in Europa - in Berlin. Seine Leute frieren, bewundern Kultur und Geschichte und treffen einen Bürgermeister, der ihnen richtig gut gefällt.

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Berlin - Es werde kalt sein in Deutschland, hatte die Botschaft aus Berlin gewarnt, ein bis sieben Grad: "Vergessen Sie also nicht, den Bisht mitzunehmen." Womit sowohl dem Protokoll als auch der Gesundheit der Reisenden gedient war: Der Bisht ist das schmückende, wärmende Tuch, das die Araber über ihrem weißen Umhang tragen, manchmal ist er aus Wolle, meistens aus Seide.

Am Mittwoch traf Seine Hoheit Scheich Mohammed Ibn Raschid Al Maktum, Premierminister der Vereinigten Arabischen Emirate und Herrscher von Dubai, in Berlin ein. Er hat den Regierenden Bürgermeister und die Spitzen der deutschen Industrie getroffen, heute stehen Termine bei der Bundeskanzlerin und beim Außenminister auf dem Programm. Vor drei Monaten war der König von Saudi-Arabien in Deutschland, mit Schaudern hatten die anderen arabischen Botschaften das PR-Desaster zur Kenntnis genommen, das sein pompöser Auftritt auslöste: elf Jumbos, ein Tross von mehr als tausend Mann, Straßensperren rund ums Brandenburger Tor. "Das war uns ein warnendes Beispiel", sagt eine Diplomatin. Soll also nicht wieder vorkommen: Der Herrscher von Dubai hat sich auf zwei Jumbos beschränkt, seine Delegation soll sich dezent in das Straßenbild der Hauptstadt einfügen.

Die meisten Begleiter des Scheichs kennen Deutschland – wenn auch eher Baden-Baden im Sommer als Berlin im Winter. "Wo sind denn hier die Deutschen?", fragt ein Geschäftsmann aus Abu Dhabi auf dem Weg vom Flughafen zum Hotel: "Warum ist niemand auf der Straße?" Gut untergebracht fühlen sich die Gäste im Adlon am Pariser Platz, sehr gut sogar: "Das scheint eine Art Öko-Hotel zu sein", bemerkt einer, "alles hier ist aus Holz."

Für das Dubaier Pressecorps hat die Botschaft der Emirate ein kleines Programm zusammengestellt. Zuerst eine Führung durch den Reichstag, der, was sofort auffällt, deutlich größer ist als das Bundeskanzleramt, der "Palast der Regierungschefs". Die Vereinigten Arabischen Emirate haben kein Parlament, es gibt keine Parteien, keine Fraktionen, keine Opposition. Staunend schreiten die arabischen Chefredakteure und Korrespondenten durchs Plenum: Warum sind die Stühle blau? Warum so viel moderne Kunst? Hat Hitler hier gesprochen? Beeindruckt registrieren sie die Schlange der wartenden Besucher: "Müssen die Leute hier Eintritt bezahlen?" Nein, antwortet der Reichstagsführer, alles kostenlos.

"Kennen Sie einen guten Schiffsbauer?"

Ebenso wie der Spaziergang hinauf in die Kuppel, wo es dann allerdings schnell vorbei ist mit der beabsichtigten Unauffälligkeit. Männer in langen weißen Roben und mit einem Palästinensertuch auf dem Kopf sind immer noch die Ausnahme auf dem Dach des deutschen Parlaments. Eine Besucherin aus Karlsruhe fragt höflich, ob sie vielleicht ein Foto machen dürfe. "Why not?", sagt Abd al-Asis al-Tewadschiri schüchtern, der Korrespondent eines saudi-arabischen Wirtschaftsblattes.

Mit handfesten Interessen sind die Chefs der großen Familien-Holdings angereist, die die boomende Wirtschaft am Golf dominieren. "Kennen Sie einen guten deutschen Schiffsbauer?" beginnt Chalifa al-Muhairi, Vorstand eines Versicherungs-, Immobilien- und Telekommunikationsunternehmens aus Abu Dhabi zum Beispiel ein Gespräch. "Schauen Sie: Wir kaufen den Holländern jetzt für 700 Millionen Dollar Baggerboote ab, um vor der Küste künstliche Inseln aufzuschütten. Wäre es nicht viel besser, ein deutscher Schiffsbauer würde uns seine Experten schicken und wir machen gemeinsam eine Werft in Abu Dhabi auf? Dann bauen wir uns unsere Boote selbst, exportieren noch ein paar - und teilen uns den Gewinn."

Auch Kritik am deutschen Unternehmertum - vor dem man ansonsten grenzenlosen Respekt hat - wird vorgebracht. Sehr korrekt, aber zu vorsichtig seien die Deutschen: Vor ein paar Jahren, erzählt ein Scheich, sei ein Manager von Siemens zu Besuch gekommen. Er sei ja nur ein einfacher Beduine, habe er sich dem Deutschen vorgestellt - doch er hätte da eine Idee: "Wenn du ein wohlhabender Golf-Araber bist, klingelt dauernd das Handy. Dauernd rufen die gleichen Leute an, dauernd musst du sie wegdrücken, weil du nicht mit ihnen reden willst." Da wäre es doch gut, wenn Siemens ein Handy entwickle, das eine programmierbare "Reject List" habe, einen Knopf, mit dem man bestimmte Anrufer grundsätzlich abweisen könnte. Nein, habe ihm der Siemens-Mann geantwortet, so eine Funktion rentiere sich nicht. "Vielleicht hatte es ja auch andere Gründe als meine 'Reject List'", sagt der Scheich, "aber ein paar Monate später hat Siemens seine Handy-Sparte verkauft ..."

"Viel Geschichte, viel Kultur"

Im Roten Rathaus trägt sich Scheich Mohammed in das Goldene Buch der Stadt Berlin ein. Tolle Stadt, tolles Land, Glückwunsch zur gelungenen Wiedervereinigung, hat ein Diplomat in arabischer Kalligrafie dort eingetragen, der Scheich muss nur noch unterschreiben. Gespannt folgen die Männer in ihren Bishts unterdessen den Worten des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit. Emirates, die rasant wachsende Fluggesellschaft aus Dubai, wolle endlich einen Direktflug nach Berlin, sagt er. Da gebe es leider "Widerstand" im Bund, er werde alles tun, dieses Problem zu lösen. Anerkennendes Nicken in der Runde: So einen Deutschen lobt man sich - und so direkt hätte selbst Scheich Ahmed, der Chef von Emirates, die Sache wohl nicht angesprochen.

Seit zwei Jahren ist Mohammed Ibn Raschid Premierminister des Wirtschaftswunderlands am Golf, und bevor er - zum ersten Mal in diesem Amt - jetzt nach Europa kam, hat er Asien besucht, China, Indien, Korea. Dort nämlich sitzen die Ölkunden der Zukunft. Europa hat andere Meriten. "Was habt ihr denn so gemacht? Was hat euch in Berlin gefallen?", fragt er im Vorbeigehen die mitgereisten Journalisten. "Viel Geschichte, viel Kultur", antwortet einer.

Heute Nachmittag traf sich der Scheich mit Intellektuellen im islamischen Museum. Dort brachte die libanesische Sängerin Jahida Wahba Verse des dichtenden Scheichs zu Gehör: "Und ich sah im Auge des Löwen die Schwäche der Wildkuh/Und in der Wildkuh Augen des Löwen Kampfesmut."

Und dass die Stadt so menschenleer scheint? "Kann ich verstehen. Berlin im Winter, das ist wie Dubai im Sommer. Da geht man nicht ohne guten Grund ins Freie."


"Tausendundeine Pracht": Lesen Sie in der Titelgeschichte des aktuellen SPIEGEL (seit Samstag am Kiosk) alles über den Goldrausch am Golf, über das "Über-Morgenland" Dubai.



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