Einbürgerungsfeier im Kanzleramt "Schön, dass Sie bei uns sind"

"Ja zu Deutschland": Angela Merkel hat 16 deutschen Neubürgern persönlich ihre Einbürgerungsurkunde überreicht. Die Kanzlerin will so auch andere Ausländer ermutigen, sich für den deutschen Pass zu entscheiden. Die Opposition findet das "peinlich", die neuen Deutschen sind glücklich.

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Berlin - Um kurz nach halb eins hat Violetta Nikolajewna Suppes offiziell eine Heimat - "endlich", sagt die junge Frau, "endlich". 14 Jahre lang habe sie für diesen Moment gekämpft. Violetta wurde in Kirgisien geboren, in Kant, einer Industriestadt im Norden, wo viele Deutschstämmige lebten. Schon mit drei kam sie in die Bundesrepublik, fühlte sich hier mit ihrer Familie zu Hause, und wurde doch nur geduldet, als Staatenlose, weil ein Fehler in ihren Dokumenten Probleme machte.

Jetzt, mit 17 Jahren, steht sie neben der Bundeskanzlerin, in den Händen hält sie ein DIN-A4-Blatt mit ihrem Namen und amtlichem Siegel. Violetta ist jetzt Deutsche.

Kanzlerin Merkel, Staatsministerin Böhmer mit Neubürgern Suppes (l.), Familie Kethiri: "Ein tolles Gefühl"
DPA

Kanzlerin Merkel, Staatsministerin Böhmer mit Neubürgern Suppes (l.), Familie Kethiri: "Ein tolles Gefühl"

Violetta Suppes ist eine von 16 Neubürgern, die Angela Merkel an diesem Dienstag ins Kanzleramt eingeladen hat - erstmals in der 60-jährigen Geschichte der Bundesrepublik findet hier eine offizielle Einbürgerungszeremonie statt. Persönlich will die Kanzlerin ihnen die Urkunden aushändigen, und damit ein Zeichen setzen, wie sie schon am Wochenende in ihrem Video-Podcast im Internet erklärte. Ein Zeichen dafür, "dass wir uns wünschen, dass mehr Menschen von der Möglichkeit der Einbürgerung Gebrauch machen".

Die Werbung hat einen Grund: Zwar liegt die endgültige Statistik noch nicht vor, aber die Zahl der Einbürgerungen ist im vergangenen Jahr wohl auf ein Rekordtief gesunken - wahrscheinlich auf weniger als 100.000. Wohl auch, weil vielen die Hürden für den deutschen Pass zu hoch sind. Dabei geht es gar nicht mal um den einst so umstrittenen Einbürgerungstest; den nennt die Kanzlerin eine "Erfolgsstory", weil rund 97 Prozent der Antragsteller ihn bestehen. Was viele Nicht-EU-Ausländer stört, ist, dass sie ihren alten Pass abgeben sollen, wenn sie deutscher Staatsbürger werden wollen.

An diesem Dienstag hat das Kanzleramt vor das Deutschsein ein italienisches Divertimento aus der Wiener Klassik gesetzt. Das Streichquartett des RIAS Jugendorchesters spielt Wolfgang Amadeus Mozart, während die Ehrengäste in der ersten Reihe im Informationssaal im ersten Stock der Berliner Regierungszentrale etwas nervös an Anzug, Kleid und Kostüm zupfen. Gerade hat sie die Hausherrin schon einzeln begrüßt: Während Merkel den "lieben Mitbürgerinnen und Mitbürgen in spe" die Hand gibt, souffliert hinter ihr die Integrationsbeauftragte Maria Böhmer: "Indien, Marokko, Brasilien, Kirgisien, Finnland, Türkei, Italien, Uruguay, Polen."

Die Neubürger sind ohne Frage Vorzeige-Migranten: Da ist Raghava Reddy Kethiri, in Indien geborener Wissenschaftler von Technischen Universität, der mit seinen beiden kleinen Kindern gekommen ist; oder der türkischstämmige Gymnasiast Tufan Avci, 17, der in einem Duisburger Taekwondo-Verein Kinder trainiert, während sein Vater sich im örtlichen "Beirat für Zuwanderung und Integration" engagiert; oder eben Violetta Suppes, die ein Berufskolleg besucht und 2007 den westdeutschen Landesmeistertitel in Lateintänzen gewann.

Freude bei den Vorzeige-Migranten

In ihrer kurzen Ansprache lobt Merkel die eigene Integrationspolitik. Die habe in den vergangenen Jahren einen neuen Stellenwert bekommen, mit der Integrationsbeauftragten im Range einer Staatsministerin, mit dem nationalen Integrationsplan, mit den Integrationsgipfeln unter der Leitung von Innenminister Wolfgang Schäuble. "Sie können Vertrauen haben zu diesem Land", sagt die CDU-Chefin an die Einzubürgernden gewandt, erinnert sie daran, dass die deutsche Staatsbürgerschaft neben Rechten auch Pflichten mit sich bringe.

Schließlich der große Moment: Gemeinsam sprechen die 16 Neudeutschen der Integrationsbeauftragten ihr Bekenntnis zu Deutschland nach. "Ich erkläre feierlich, dass ich das Grundgesetz und die Gesetze der Bundesrepublik Deutschland achten und alles unterlassen werde, was ihr schaden könnte."

Einzeln nehmen sie dann aus den Händen der Bundeskanzlerin die Einbürgerungsurkunde entgegen. "Herzlichen Glückwunsch", gratuliert Merkel, "schön, dass Sie bei uns sind", sekundiert Böhmer und reicht den Neubürgern eine Ausgabe des Grundgesetzes. Von den Stühlen im Zuschauerraum halten die Angehörigen den Augenblick mit ihren Digitalkameras fest.

Dann die gemeinsame Nationalhymne. Der ein oder andere muss noch auf das Programm zur Feier schielen, auf der Rückseite ist vorsichtshalber der Text abgedruckt. "Den kann ich noch nicht", sagt der neunjährige Shashrut Reddy Kethiri und lacht ein bisschen verschämt. Neben ihm blättert seine sechsjährige Schwester Shaktisena lieber in einem Märchenbuch.

Kritik aus der Opposition

"Es ist ein tolles Gefühl", sagt ihr Vater Rghava Kethiri stolz. "Für meine Kinder öffnet sich jetzt die Welt." Der Wissenschaftler lebt schon seit zwölf Jahren in Deutschland, 2007 entschied er sich, Deutscher zu werden. "Jetzt wird vieles einfacher, unbürokratischer", sagt er und stellt sich auf Wunsch der Fotografen mit den beiden Kleinen noch mal zum Familienbild mit Urkunde auf.

Genau daran stört sich die Opposition. "Ich finde das empörend, dass sie diese Leute missbrauchen für solch billige Symbolpolitik", wettert der migrationspolitische Sprecher der Grünen, Josef Winkler. Die Feierstunde sei eine "ziemliche peinliche Veranstaltung". Merkel und Böhmer "zelebrieren werbewirksam ihr vorgebliches Interesse an der Einbürgerung" von Migranten, kritisiert auch Sevim Dagdelen, Winklers Kollegin aus der Linksfraktion.

Die neuen Deutschen im Kanzleramt bekommen von der harschen Kritik am Mittag noch nichts mit. Bei ihnen überwiegt die Freude. "Ich wollte schon immer einen deutschen Pass", sagt Tufan Avci, nun sei er "total glücklich". Gern wiederholt er den Satz gegenüber den türkischen Journalisten auch in der Sprache des Landes, dessen Pass er soeben aufgegeben hat.

Violetta Suppes hatte erst gar nichts, was sie aufgeben musste oder konnte. Sie ist einfach nur froh, bald überhaupt ein richtiges Ausweisdokument zu bekommen: "Es fühlt sich super an."



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