Ausfälle bei Hubschraubern, Kampfjets und Panzern Sanierungsfall Bundeswehr 

Die Verteidigungsministerin wirbt mit Nachdruck für mehr Bundeswehrmissionen. Aber wäre die Truppe dazu überhaupt in der Lage? Neue Zahlen zur Einsatzbereitschaft wecken nach SPIEGEL-Informationen Zweifel.

Wolfgang Kumm/ DPA

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Die Bundeswehr kämpft weiter mit erheblichen Einschränkungen der Einsatzbereitschaft wichtiger Waffensysteme. Vor allem betroffen sind Hubschrauber und Flugzeuge, die für mögliche neue Auslandseinsätze relevant wären. Sie sind nur bedingt einsatzbereit. Auch bei den Panzern gibt es nach wie vor erhebliche Ausfälle.

Nach SPIEGEL-Informationen sind die Probleme bei den Helikoptern NH90, dem Kampfhubschrauber "Tiger" und dem Transporthelikopter CH53 besonders groß. Entsprechende Zahlen legten die Teilstreitkräfte kürzlich im Haus von Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) vor. Die Listen werden seitdem unter Verschluss gehalten.

Die Zahlen bilden das Rohmaterial für einen Bericht an den Bundestag. Seit 2014 wurden diese jährlichen Reports zur materiellen Einsatzbereitschaft stets zu einem Offenbarungseid, wie schlecht es um die Waffensysteme der Bundeswehr bestellt ist. Den Bericht für 2019 will Kramp-Karrenbauer Anfang Dezember vorstellen.

Brisante Zahlen

  • Besonders drastisch zeigen sich technische Probleme bei neuen und komplexen Waffensystemen wie dem Helikopter NH90. Von den 75 Hubschraubern im Bestand der Bundeswehr sind laut den internen Listen derzeit nur 44 verfügbar, die übrigen sind für Reparaturen oder Wartungsarbeiten bei der Industrie. Von den 44 Helikoptern wiederum sind der Aufstellung zufolge nur neun Flieger wirklich einsatzbereit. 2018 waren es noch 17.
  • Beim "Tiger", dem modernen Kampfhubschrauber des Heeres, sieht es nicht viel besser aus: Von 53 ausgelieferten Kampfhubschraubern sind derzeit nur 36 verfügbar. Im sogenannten Klarstand findet man lediglich zwölf Maschinen, nur diese sind tatsächlich flugfähig. Ein "Tiger"-Einsatz wäre für jede neue Mission der Bundeswehr im Ausland militärisch unabdingbar, da der Kampfhelikopter dem Schutz von Bodentruppen aus der Luft dient.
  • Von den 71 CH53-Helikoptern, bis heute der Lastenesel in den Auslandseinsätzen, sind nur 48 verfügbar und nur ganze 18 flugfähig. Der Helikopter, mit dem Truppen und Material transportiert werden, gilt als Oldtimer der Bundeswehr. Besonders knapp sind die Modelle mit einer Selbstschutzausrüstung gegen Raketenangriffe, die für Einsätze im Ausland zwingend ist. Eine Besserung der Lage ist nicht in Sicht: Ein neuer Transporthubschrauber ist zwar in Planung, kommt aber frühestens ab dem Jahr 2023, weil die Verträge erst nächstes Jahr unterzeichnet werden sollen.
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Bundeswehr: Probleme mit Hubschraubern, Kampfjets, Panzern
  • Von den 93 "Tornado"-Kampfjets der Luftwaffe sind derzeit nur 57 verfügbar. Fliegen wiederum können nur 20 Jets. Der "Tornado" gilt international als Auslaufmodell. Die Koalition aber konnte sich bis heute nicht auf einen Nachfolger für den "Tornado" einigen, da sich die SPD gegen einen Ankauf von US-Kampfjets sperrte.
  • Bei den Transportflugzeugen sieht es auch nicht rosig aus. Von 31 A400M-Maschinen waren 2019 durchschnittlich nur 19 verfügbar. Fliegen aber konnten im Jahr 2019 im Schnitt nur acht der riesigen, grauen Luftwaffenflieger, von den geplanten 7200 Flugstunden wurden bisher nur gut 3700 absolviert.
    Derzeit ist die A400M-Flotte zusätzlich durch aufwendige Sicherheitsüberprüfungen an den Treibwerken stark eingeschränkt, was den Rückstand bei den Flugstunden und der Ausbildung der Piloten verschärft.
  • Ähnlich dramatisch fällt das Bild beim Schützenpanzer "Puma" aus, einem der neuesten Waffensysteme der Bundeswehr: Von 284 eingekauften Panzern sind nur 191 verfügbar, einsatzbereit sind nur 67. In einem internen Papier des Heeres heißt es nüchtern: "Bislang kompensieren die Neuzuläufe der Industrie nur die hohen Ausfallraten." Eine "spürbare Erhöhung der materiellen Einsatzbereitschaft" könne "nicht erreicht werden".

Einsatzbereitschaft im internationalen Vergleich gut

Kramp-Karrenbauer muss nun entscheiden, wie sie mit den brisanten Zahlen umgeht. Während die Berichte seit 2014 als "Verschlusssache - nur für den Dienstgebrauch" an den Bundestag gingen und öffentlich diskutiert wurden, entschied Ursula von der Leyen im vergangenen Jahr, den Bericht als "geheim" einzustufen. Folglich konnte er nur in der Geheimschutzstelle des Bundestags eingesehen werden.

Von der Leyens Nachfolgerin wird auch grundsätzlich überdenken müssen, wie die Schlagkraft der Bundeswehr unter ihrer Führung berechnet wird. So kam bei den Berichten der vergangenen Jahre meist heraus, dass die Bundeswehr mit einer Einsatzbereitschaft von gut 70 Prozent im internationalen Vergleich ordentlich dasteht. Für 2019 soll, so Insider, eine unterm Strich nur marginal schlechtere Zahl stehen.

Ein wichtiger Grund für den einigermaßen guten Gesamtwert ist die Menge an betrachteten Systemen. Statt nur die relevanten Hauptwaffensysteme der Bundeswehr zu analysieren, wurden in den letzten Jahren auch Server-Datenbanken und andere eher nicht militärische Komponenten mitaufgenommen. Ihre guten Werte glichen die schlechten Zahlen der wichtigen Einsatzsysteme aus und sorgten für ein vertretbares Ergebnis.

Kurioses Zahlenspiel

Die Berechnung der Einsatzbereitschaft ist zudem prinzipiell intransparent. So gibt das Ministerium stets nur die Quote der einsatzbereiten Systeme im Verhältnis zur Zahl der jeweils verfügbaren Panzer oder Flugzeuge an. Dass zum Beispiel 2019 von insgesamt 245 "Leopard"-Panzern der Truppe nur 183 überhaupt zur Verfügung standen, weil die anderen gewartet oder instandgesetzt wurden, ist nicht auf den ersten Blick zu erkennen.

Das Beispiel des Kampfpanzers eignet sich gut, das kuriose Zahlenspiel zu illustrieren. So wird in den Zahlen des Heeres für den Jahresbericht voraussichtlich eine Einsatzbereitschaft von gut 55 Prozent gemeldet, da von den 183 verfügbaren Panzern 101 einsatzbereit waren. Vergliche man diese Zahl allerdings mit dem "Leopard"-Gesamtbestand von 245 Panzern, läge die Quote der Einsatzbereitschaft nur bei knapp über 41 Prozent.



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Seite 1
MisterD 18.11.2019
1. Kurz und knapp...
selbst ein Engagement in Syrien, was nicht sonderlich weit weg ist, würde die Bundeswehr schon überfordern. Man fragt sich, wozu die Truppe eigentlich jedes Jahr 45 Milliarden EUR bekommt? Frankreich hat einen ähnlichen Etat und ist wahrscheinlich weit besser in Schuss und hat auch noch Kernwaffen...
vermutlichweissichnix 18.11.2019
2. traurig aber wahr ....
vielleicht könnte eine externe Beratungsgesellschaft AKK einen Weg aufzeigen das Problem zu lösen, weil offensichtlich schafft das die zivile Bundeswehrverwaltung selbst nicht.
Erika.Mustermann@spon.de 18.11.2019
3.
Vielleicht sollte man sich im Ministerium endlich einmal die Frage nach dem "Warum" stellen? Und danach dann den Personalstamm komplett neu aufbauen. Mit qualifiziertem Personal.
zudummzumzum 18.11.2019
4. Sich nicht künstlich in Sachzwänge begeben
Nach dem Grundgesetz besteht die Aufgabe der Bundeswehr aus Landesverteidigung. Dazu darf man auch internationalen Bündnissen nach Maßgabe des Völkerrechts beitreten und an hieraus folgenden Soldateneinsätzen teilnehmen. Nicht mehr. Die Bundeswehr ist kein Mittel deutscher Politik, auch wenn interessierte Kreise das gerne hätten. Und damit sind wir bei der Ausstattung der Truppe. Nein, wir brauchen keine Tropentauglichkeit von Kampfhubschraubern. Sogar die Flüchtlinge im Mittelmeer rechtfertigen keinen Einsatz der Bundeswehr - außer im vorübergehenden Weg der Amtshilfe (für den Bundesgrenzschutz). Ich bin ein Verfechter der verstärkten Übernahme von internationaler Verantwortung durch die Bundesrepublik. Aber nicht durch Soldaten!!!! Selbst die Ausbildungsmissionen in Mali oder Afghanistan könnten mindestens (!) genauso gut durch speziell zu schaffende Abteilungen der Entwicklungshilfe oder des auswärtigen Amtes durch Angestellte bewältigt werden. Das sind weder hoheitliche Aufgaben, noch Aufgaben der Landesverteidigung. Demnach braucht man keine Soldaten oder Beamte dazu. Aber was jetzt passiert, ist doch, dass man einen künstlichen Sachzwang schafft, der aus der Bundeswehr und ihrer Ausrüstung eine Interventionsarmee machen soll. Jeder Schritt auf diesem Weg erzeugt eine innere Logik, die in mehr Soldaten und besserer Ausrüstung mündet. Aber zu mehr Frieden und/oder Sicherheit wird das nicht führen.
sponuser936 18.11.2019
5. Ganz verrückte Idee
Wir wär's, wenn wir die Bundeswehr einfach komplett einstampfen und das gesparte Geld mal dort hin stecken, wo es wirklich gebraucht wird: Bildung und saubere Energie.
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