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26. Oktober 2010, 08:51 Uhr

Eintrag im Gästebuch

Chiles Präsident entschuldigt sich für "Deutschland über alles"

Es war eine peinliche Panne - bei seinem Besuch trug sich Chiles Präsident Piñera mit der geächteten ersten Zeile des Deutschlandlieds im Gästebuch des Bundespräsidenten ein. Jetzt entschuldigte sich Piñera - er habe nicht gewusst, dass die Zeile "Deutschland über alles" Erinnerungen an die NS-Zeit wecke.

Santiago de Chile - Der chilenische Präsident Sebastián Piñera hat sich dafür entschuldigt, dass er bei seinem Deutschland-Besuch ins Gästebuch des Bundespräsidenten eine Zeile aus der geächteten ersten Strophe der deutschen Nationalhymne geschrieben hatte. Er habe nicht gewusst, dass die von ihm auf Deutsch niedergeschriebene Zeile "Deutschland über alles" Erinnerungen an die NS-Zeit wach rufe, erklärte Piñera in Santiago de Chile. "Mir war es überhaupt nicht bewusst, dass dieser Satz in Verbindung mit einer dunklen Vergangenheit dieses Landes stehen könnte, und darum tut es mir leid und ich bitte in dem Fall um Entschuldigung", schrieb der Staatschef.

Piñera führte aus, er habe die Worte gelernt, als er in den fünfziger und sechziger Jahren als Kind eine deutsche Schule besucht habe. In seiner Erinnerung seien die Worte "Deutschland über alles" im Zusammenhang mit der Einigung des Deutschen Reiches unter Otto von Bismarck gefallen.

Piñera hatte am Samstag nach einem Frühstück mit Bundespräsident Christian Wulff in Berlin einige englische Dankesworte sowie "Deutschland über alles" ins Gästebuch des Bundespräsidialamtes geschrieben. Mit diesen Worten beginnt das 1841 von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben verfasste Deutschlandlied, das während der Weimarer Republik zur Nationalhymne erkoren wurde. Während des Nationalsozialismus wurde nur diese Strophe gesungen, und sie wird deshalb seither mit dem Nazi-Terror in Verbindung gebracht. Deutsche Nationalhymne ist heute nur noch die dritte Strophe des Deutschlandliedes, die erste ist geächtet.

SPIEGEL ONLINE hatte Details über die peinliche Panne berichtet: "Über alles, nicht wahr", soll sich Piñera die Worte sogar noch einmal in Erinnerung gerufen haben, als er sich über das Gästebuch beugte. Dann fragte er bei Jorge O'Ryan Schütz, Chiles Botschafter in Deutschland, nach, wie man "über" denn schreibe. Der Diplomat, seit vier Monaten in Berlin, diktierte bereitwillig. Bundespräsident Wulff soll erschrocken aufgehorcht haben, wollte den ausländischen Gast aber wohl nicht öffentlich düpieren.

Eine Sprecherin des Präsidialamtes hatte noch am Montag erklärt, Piñera habe sicher Positives über Deutschland äußern wollen. In der chilenischen Botschaft zeigte man sich überrascht: Dort hatte man den peinlichen Patzer offenbar noch nicht bemerkt.

In seiner Heimat ist der Milliardär und Unternehmer Piñera für seine seltsamen Äußerungen und Versprecher bekannt: Den Romanhelden Robinson Crusoe hielt er für eine reale Figur aus der Geschichte, den betagten, aber lebendigen chilenischen Dichter Nicanor Parra erklärte er für tot. Auch Entgleisungen im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus gab es in seiner Familie schon: Bruder José Piñera, einst Arbeitsminister unter Pinochet, verglich den sozialistischen Präsidenten Salvador Allende im vergangenen Sommer mit Hitler.

anr/AFP/dpa

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