Einwandererkinder Das Ende der Doppelpässe

Ihr Herz schlägt für die Heimat, doch ihre Zukunft liegt in Deutschland: Über 300.000 Kinder von Einwanderern haben die doppelte Staatsbürgerschaft. Die ersten sind nun volljährig und müssen sich für eine entscheiden - manche stürzt das in eine tiefe Identitätskrise.

Von Andrea Brandt und Caroline Schmidt


Hamburg - Verlegen rutscht Cem Sezek, 17, auf der Couch im Wohnzimmer seiner Eltern herum. Er trägt Jeans, wie man sie in diesem Alter so trägt, mit Löchern, an seinem Ohr glitzert ein Ring. "Bislang", sagt der Teenager, "habe ich in meinem Leben nur Kinderkram entschieden. Welches T-Shirt sieht cooler aus, besuche ich meine Freunde mit dem Fahrrad, oder nehme ich den Bus?" Ganz normale Fragen eben. "Und jetzt diese Riesensache, die ich gar nicht überblicken kann."

Der Realschüler Cem kennt sich gut aus im deutschen Staatsbürgerschaftsrecht, das 1999 reformiert wurde und Migranten wie ihm die doppelte Staatsbürgerschaft ermöglichte - wenigstens für eine Übergangszeit. Cem weiß, dass diese Zeit nun abläuft, dass ihn ein Brief vom Bürgerbüro der Stadt Leverkusen erreichen wird.

Bislang hat Cem nicht viel darüber nachgedacht, welches Land ihm wichtiger ist, Deutschland oder die Türkei. Seit seinem zehnten Lebensjahr besitzt er beide Pässe. Für ihn war das ganz normal. Aber mit dieser Normalität wird es bald vorbei sein. Die Stadtverwaltung wird ihn auffordern, sich zu entscheiden, wenn er 18 wird. Am 12. August ist es so weit; bis dahin muss er sich klarwerden über seine Zukunft, diese "Riesensache", wie er sagt.

Abschreckung aus den Ämtern?

In Deutschland leben über 300.000 Jungen und Mädchen, die sich wie Cem mit dem Tag ihrer Volljährigkeit entscheiden müssen, die Mehrzahl sind Deutschtürken. Die ersten 3316 werden dieses Jahr einen ihrer Pässe abgeben müssen.

Cem aber will beides bleiben, Deutscher und Türke. Leverkusen, die Stadt, in der er geboren wurde, ist seine Heimat. Und sein Verstand sagt ihm, dass seine Zukunft in Deutschland liegt. "Aber mein Herz", sagt er, "schlägt für die Türkei."

Neulich hat die Islamkonferenz ein Signal an die Migranten gesendet - sie hat sich für Islamunterricht in den Schulen ausgesprochen, Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) will "Fremdheit abbauen". Doch da rückt ins Bewusstsein, dass die Aufforderungen der Ämter zur Entscheidung vielleicht ein genau entgegengesetztes Zeichen sind - womöglich ein Signal der Abschreckung.

"Es waren die gut integrierten Einwanderer, die als Erste diesen Schritt gegangen sind und für ihre Kinder den deutschen Pass beantragten", erklärt Turan Özküçük vom Integrationsrat der Stadt Köln - und nicht jene, die jede Anpassung verweigern. Einwandererkinder, die heute geboren werden, bekommen automatisch den deutschen Pass.

Wie das Votum für "Ehefrau oder Mutter"

Cems Eltern mussten ihn noch beantragen. Sie wollten, dass ihr Kind in Deutschland dazugehört. Und Cem hat es geschafft: Er spricht perfekt Deutsch, er hat deutsche Freunde, er will hier eine Banklehre machen. Aber soll er sich deshalb gleich gegen die Türkei entscheiden?

Bislang haben erst ein paar hundert Jugendliche Post von ihrer Kommune bekommen, die politische Debatte ist indes schon im Gange. Weil es gerade die gut integrierten Türken trifft, wollen die Fraktionen der Grünen, der Linken und einige SPD-Politiker die Entscheidungspflicht aus dem Staatsangehörigkeitsgesetz so schnell wie möglich tilgen. Sie fürchten wie die SPD-Bundestagsabgeordnete Lale Akgün, dass einige Jugendliche sich ihre Zukunft in Deutschland mit dem Votum für den türkischen Pass verbauen könnten - aus Sentimentalität, aus übertriebener Treue zur türkischen Familie oder aus Trotz.

"Für viele Jugendliche ist die Entscheidung zwischen dem türkischen und dem deutschen Pass so, wie wenn einer zwischen seiner Ehefrau und seiner Mutter wählen muss", sagt die türkischstämmige Bundestagsabgeordnete Sevim Dagdelen von der Linken. "Wir sollten uns eher darauf konzentrieren, ihre Karrierechancen zu verbessern, als ihnen Steine in den Weg zu legen", argumentiert der Grüne Volker Beck.

Die Übergangslösung - ein ungeliebter Kompromiss

Dabei wollte die rot-grüne Bundesregierung diese Generation doch integrieren, nicht irritieren, als sie das neue Staatsbürgerschaftsrecht entwickelte. Es sollte einen großen Schritt vorangehen, Deutschland sollte endlich ein Einwanderungsland werden wie die USA oder Australien, ein Land, in dem sich alte wie neue Staatsbürger zu Hause fühlen.

Der Bundestag verabschiedete die Gesetzesänderung im Mai 1999 nach jahrelangen Auseinandersetzungen. Ganz zufrieden war keine Partei, es war halt ein Kompromiss. In Deutschland galt bis dahin das Abstammungsprinzip: Deutscher von Geburt ist, wer einen deutschen Vater oder eine deutsche Mutter hat. Nach dem neuen Recht werden auch all jene Einwandererkinder Deutsche, die nach dem 1. Januar 2000 in der Bundesrepublik geboren wurden.

Ein Elternteil musste schon seit acht Jahren hier leben und eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis besitzen. Für Kinder wie Cem, die noch keine zehn Jahre alt waren, gab es eine Übergangsregelung. Die Eltern konnten die deutsche Staatsangehörigkeit beantragen.

Wäre es nach Rot-Grün gegangen, hätten die neuen Staatsbürger ihren alten Pass behalten dürfen. Die Union aber war dagegen. Sie befürchtete Papierdeutsche, deren Herz einem anderen Land gehört. Der Kompromiss kam von der FDP, sie setzte die Entscheidungspflicht mit 18 Jahren durch, auch auf die Gefahr hin, dass es nun einigen das Herz bricht.



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