Einwanderung Eine Party für den neuen Pass

Einwanderer bekamen ihren bundesdeutschen Pass bisher meist in einer Amtsstube überreicht. Doch immer mehr Städte wollen das trockene Zeremoniell durch Parties auflockern. SPIEGEL ONLINE hat mitgefeiert - und viele stolze Neudeutsche gefunden.

Von , Solingen


Solingen - An einem Tisch im Kammermusiksaal des Theater- und Konzerthauses sitzt die ehemalige Kenianerin Susan Muzhemi, 37, und ist vertieft in ein Heftchen, das sie in ihren Händen hält - das deutsche Grundgesetz. Das hat sie vor wenigen Minuten vom Oberbürgermeister höchstpersönlich in einem großen weißen Umschlag gereicht bekommen. Zusammen mit ihrer Staatsbürgerschafts-Urkunde, einem DIN-A 4 Blatt mit zwei blauen Stempeln und wenig Text. Jetzt ist es amtlich: Die Frau mit den vielen kleinen Zöpfen am Haarsansatz und der dunklen Haut ist eine Deutsche.

Festliche Zeremonie: Eine Feier für vier Neubürger aus Italien, Polen, Frankreich und Kenia
Ferda Ataman

Festliche Zeremonie: Eine Feier für vier Neubürger aus Italien, Polen, Frankreich und Kenia

Die Getränke sind umsonst, das Licht ist gedimmt, Kerzen brennen und das Buffet ("Mit Schweinefleisch", "Ohne Schweinefleisch") wartet, bis die vier Neubürger aus Italien, Polen, Frankreich und Kenia ihre deutsche Passlizenz in den Händen halten.

Seit September 2006 macht die Stadt Solingen fast wöchentlich Einbürgerungspartys. Und Solingen ist nicht die einzige Stadt, die neuerdings ihre Neudeutschen feiert. Besonders im letzten Jahr haben sich zahlreiche Kommunen in Nordrhein-Westfalen, sowie Hamburg, München und Berlin bewusst entschlossen, Einbürgerungsfeiern auszurichten.

Damit soll Einbürgerung nicht länger ein rein formaler Staatsakt sein. Früher erhielt der erfolgreiche Bewerber seine Urkunde über den Schreibtisch gereicht, während den Dienstzeiten, in der Amtsstube. "Die Anmeldung eines PKWs ist in Deutschland häufig feierlicher als die Einbürgerung", konstatiert Thomas Kufen, Integrationsbeauftragter des Landes Nordrhein-Westfalen. Er ist diesmal ebenso anwesend wie der Oberbürgermeister, denn diese Feier ist etwas Besonderes. Alle 289 Neudeutschen vom letzten Jahr sind zur ersten großen Staatsbürger-Party in Solingen eingeladen worden.

Mit der Reform des deutschen Staatsangehörigkeitsrechts 2000 ist die Einbürgerung für Ausländer erleichtert worden. Doch erst 2006 haben sich die Bundesländer auf der Innenministerkonferenz auf bundesweit einheitliche Standards geeinigt. Die unionsregierten Länder verzichteten auf ihre Fragenkataloge und Gewissenstests, dafür stimmten die SPD-regierten Länder verpflichtenden Einbürgerungskursen zu. Der Verfassungseid, den manche Länderminister forderten, ist seither nicht mehr in der Diskussion, dafür aber eine feierliche Einbürgerungszeremonie.

Einbürgerung - ein Siegel für Integration

Die gibt es in klassischen Einwanderungsländern wie den USA, Kanada, Australien und Neuseeland schon lange. Die Verleihung der Staatsangehörigkeit wurde dort von Anfang an als Anlass zur Feier betrachtet und nicht als bürokratische Transaktion.

Die reine Übergabe einer Urkunde bringe nicht die richtige Atmosphäre rüber, "da entstehen keine Emotionen", meint auch Solingens Oberbürgermeister Franz Haug (CDU). Erst eine festliche Zeremonie verdeutliche die Anerkennung, sagt er. Daher sagt er in seiner Festrede auch: "Es ist schön, dass Sie sich entschlossen haben, deutsche Staatsbürger zu werden".

Solingen, das 1993 bundesweit bekannt wurde, als bei einem ausländerfeindlichen Brandanschlag fünf Menschen ums Leben kamen, ist besonders bemüht in seiner Integrationspolitik. Nicht zuletzt deswegen will das Ausländer- und Integrationsbüro "von der Ordnungsbehörde zum Dienstleister" werden, wie Anne Wehkamp, die Ausländerbeauftragte der Stadt Solingen betont.

Um die Integration der Zuwanderer und ihrer Kinder in Solingen zu fördern, sei eine Einbürgerungskampagne gestartet worden. 1034 Solinger ohne deutschen Pass im Alter zwischen 16 und 23 Jahren wurden im letzten Jahr angeschrieben, unter dem Motto "Einbürgerung jetzt". Denn "Einbürgerung ist der entscheidende Schritt auf dem Weg zur Identifikation mit Deutschland und mit Solingen", meint Bürgermeister Haug.

Einbürgerungsparty ohne deutsche Politur

Viele junge Leute hätten sich auf die Briefe gemeldet, um über die Einbürgerungswege informiert zu werden. Wie viele aufgrund der Kampagne eine Einbürgerung beantragen, könne man noch nicht absehen, so Anne Wehkamp. Aber ein paar würden es schon sein.

Nach dem offiziellen Teil der Veranstaltung wird der Bürgermeister von seinen neudeutschen Bürgern umlagert. Sie alle wollen ein Foto mit ihm oder einen Händedruck. Am liebsten aber wollen sie ihm ihre Geschichte erzählen. So wie Pesoc Stojan, der sich für diesen Anlass im schwarzen Anzug mit rosa Krawatte zurecht gemacht hat. Er sei "stolz, endlich Deutscher zu sein".

Der 44-jährige Elektrotechniker meint lachend, dass er sich nach einiger Zeit in Deutschland entscheiden musste: "Werde ich Deutscher oder bleibe ich Tourist?". Und er freue sich jeden Tag aufs Neue, dass er hier endlich zuhause sei. Diese Feier mache ihn glücklich, sie helfe ihm, sich willkommen zu fühlen.

So viel neudeutsche Leidenschaft ist bei der Einbürgerungs-Fete im Festsaal ansonsten nicht zu finden. Die Nationalhymne steht lediglich auf der Rückseite des Grundgesetz-Heftchens, das die neuen Staatsbürger erhalten haben. Gesungen wird sie an diesem Abend nicht. Die deutsche Fahne kennen die eingebürgerten Partygäste vermutlich noch von der Fussball-WM im letzten Jahr. Falls nicht, lernen sie sie heute Abend nicht kennen.



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