EKD-Präses Kock Kritik am Paragrafen 218 wächst

Der Paragraf 218 steht zur Disposition. Angestoßen durch die Debatte über die Stammzellenforschung wächst die Kritik an dem Abtreibungsgesetz. Nun hat sich der Ratsvorsitzende der EKD, Manfred Kock, für eine Neuregelung bei der Spätabtreibung ausgesprochen.


EKD-Ratsvorsitzender Manfred Kock
DPA

EKD-Ratsvorsitzender Manfred Kock

Berlin - Kock, 64, sprach sich dafür aus, nicht den gesamten Paragrafen 218, wohl aber die Spätabtreibungen "neu zu überdenken". Zur Begründung sagte er gegenüber der Berliner "tageszeitung", diese Regelung sei als medizinische Indikation für werdende Mutter gefunden worden und nicht, um Kinder mit einer möglichen Behinderung abzutreiben. Die umstrittene Präimplantations-Diagnostik (PID) lehnte Kock kategorisch ab. Menschliches Leben habe seinen Wert in sich und nicht dadurch, dass wir ihm seinen Wert zubilligen, sagte Kock.

Nach bisheriger Praxis ist es eine Ermessensfrage, ob der Schwangerschaftsabbruch auf Grund eines genetischen Defekts des Embryos gemacht wird. Klar ist, dass seit 1995 nach Paragraf 218 abgetrieben werden darf, wenn die Mutter durch die Schwangerschaft unzumutbar körperlich oder seelisch beeinträchtigt ist.

Mit Kocks Äußerungen hat die Kritik am Paragrafen 218 einen weiteren prominenten Unterstützer gefunden. Ende Mai hatte die stellvertretende Fraktionsführerin der Union im Bundestag, Maria Böhmer, angekündigt, die Christdemokraten würden noch vor der Sommerpause einen Vorschlag zur Spätabtreibung und vorgeburtlichen Diagnostik (PID) vorlegen. Böhmer kritisierte, dass fast jeder Embryo, der das Down-Syndrom aufweise, abgetrieben werde. Diese Regelung verleite die Öffentlichkeit zu einer Mentalität, nach der eine diagnostizierte Behinderung eines Kindes ausreiche, um abzutreiben.

Kritik an der Spätabtreibung nach der zwölften Schwangerschaftswoche kam auch von den Grünen. Ärzte müssten die pränatale Diagnostik auf ein annehmbares Maß beschränken. Der Vizevorsitzende der CDU, Jürgen Rüttgers, plädierte Angaben des "Focus" zufolge für ein Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen, wenn der Fötus lebensfähig, das heißt mehr als etwa 24 Wochen alt, ist, und die Mutter nicht "akut" vom Tode bedroht sei. Die Präimplantationsdiagnostik (PID) hält Rüttgers für eine "wichtige Diagnoseform". Im Westdeutschen Rundfunk sagte er, sie stelle kein Selektionsverfahren dar.



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