Elendsprostitution in Berlin "Die Freier warten immer auf eine, die noch weiter unten ist"

Straßenstrich mit Dumpingpreisen, Zuhälter aus Osteuropa, jetzt auch noch ein Großbordell: In Berlin droht ein ganzer Kiez ins Elend der Billigprostitution abzugleiten. Die Szene wird immer aggressiver - die Anwohner verzweifeln.
Von Anna Reimann und Marie Preuß

Berlin - Sie stellt sich auf die Zehenspitzen, nestelt an seiner Jacke. Die Frau mit den spitzen roten Stiefeln, den schwarzen Haaren - nennen wir sie Laila* - versucht ein Lächeln. Sie blickt dem Mann, der an einem Bistrotisch vor einer Bäckerei seinen Kaffee trinkt, in die Augen.

Aber nichts in seinem Gesicht rührt sich, als sie ihre Offerte startet. Keine Abwehr, kein Mitleid, kein Interesse. Der Blick geht ins Leere. Geradeaus.

Nach fünf Minuten geht Laila zu den anderen, die seit Stunden vor dem Sexkaufhaus "LSD" an der Ecke auf Kunden warten. Zu der Blonden, die humpelt, zu der kleinen Brünetten mit dem ebenmäßigen Gesicht und einem Mund ohne Zähne. Zu der älteren Frau mit den Stützstrümpfen und den Hausschuhen unter dem Wollrock. Sie sei die Chefin der Bulgarinnen, heißt es. Sie soll auch 13-Jährige auf den Strich schicken, wird erzählt. Die Bulgarinnen, zu denen auch Laila gehört, arbeiten für wenig - manchmal für fünf Euro, behaupten deutsche Huren.

Den Straßenstrich an der Grenze der Berliner Stadtteile Schöneberg und Tiergarten gibt es seit Jahrzehnten. Man hatte sich daran gewöhnt im Kiez - an die Nutten auf dem Weg zur Arbeit. Man kannte sich vom Sehen, lebte argwöhnisch nebeneinander her.

Doch in den vergangenen Monaten kamen immer mehr Mädchen, viele aus Osteuropa. Viel zu viele für die paar Straßenzüge - und jetzt soll an der Kreuzung Kurfürstenstraße/Potsdamer Straße in Berlin-Schöneberg auch noch ein Großbordell eröffnen. Ein rot-grünes Reformgesetz von 2002 hat die Sittenwidrigkeit der Prostitution abgeschafft und sie damit faktisch legalisiert; das Gesetz erleichtert es den Betreibern, ein neues großes Laufhaus zu errichten. Zugleich erschwert es der Polizei Ermittlungen im Milieu - immer seltener schafft sie es, gegen Zuhälterei strafrechtlich vorzugehen.

"Warum bauen sie nicht am Potsdamer Platz?"

Der Antrag auf das Bordell in den Räumen über dem LSD-Sexshop ist schon gestellt. Die Bürger im Kiez laufen Sturm. Schon 20 Prozent der Anwohner haben laut "BZ" bei einer Aktion gegen die Eröffnung des Großbordells unterschrieben.

"Warum bauen sie ein Bordell nicht am Potsdamer Platz? Hier ist eh schon alles voll mit Prostitution - und die Familien haben Angst", sagt ein Obsthändler. Eine Anwohnerin: "Wenn das Bordell kommt, ziehen noch die letzten Familien weg. Und das sind gerade die Leute, die dieser Kiez braucht."

Nicht nur die Bewohner würden leiden, auch die Huren, sagt Pfarrer Andreas Fuhr von der Zwölf-Apostel-Kirche, wo Prostituierte und Drogenabhängige Essen, Kondome und Spritzen bekommen. Das geplante Großbordell werde die Situation im Kiez noch verschärfen. Auf der Straße vor dem Bordell könnte der Kampf um die Kunden noch härter werden.

Die Furcht ist, dass der Strich im Kiez endgültig ins Elend abrutscht - und das einst bürgerliche Viertel vollends kippt. Denn in den vergangenen Monaten, seit dem vermehrt Prostituierten aus Osteuropa kamen, hat sich die Lage im Viertel schon drastisch verschlechtert.

"Die Situation ist schrecklich geworden"

Bernd Weiß, Mitarbeiter der "Mittwochsinitiative" im Gemeindehaus der Zwölf-Apostel-Kirche, kennt die Szene durch seine ehrenamtliche Arbeit. Er hört von Prostituierten, die vorbeiziehende Pärchen belästigen, die Männer von ihren Frauen wegziehen. Er hört von Mädchen, die sich auf Motorhauben legen, um potentielle Kunden am Wegfahren zu hindern. Er hört von Freiern, die wegbleiben, weil die Huren ihnen zu aggressiv sind.

Anwohner berichten von prügelnden Zuhältern der osteuropäischen Mädchen. Von Sex am hellichten Tag im Gebüsch, auf Parkplätzen. Ihre Kinder könnten sie deswegen nicht mehr nach draußen zum Spielen schicken.

Es ist kalt, später Abend, die Prostituierten Jeanette* und Melanie* sitzen auf einem Sofa im Gemeindehaus der Zwölf-Apostel-Kirche und trinken Tee. Seit zehn Jahren gehe sie auf den Strich an der Kurfürstenstraße. Sie brauche das Geld, sie sei spielsüchtig, sagt Jeanette. Kinder habe sie, einen Mann. Aber die wüssten nicht, dass sie sich prostituiere - oder wollten es nicht wissen, sagt sie. Melanie, braune Haare, Pferdeschwanz, Jeans und Turnschuhe, ist erst seit ein paar Monaten dabei. Sie ist 18.

"In den vergangenen Monaten ist die Situation schrecklich geworden", sagt Jeanette*. Die Osteuropäerinnen "versuchen uns zu vertreiben, sagen, wir müssten Standgeld zahlen", sagt Melanie. Wenn sie nicht zahle, "würden mich ihre Aufpasser verprügeln". Ohne die entsprechenden Kontakte zu älteren Huren wäre ihr das wahrscheinlich auch passiert, sagt Melanie und fügt hinzu, sie selbst habe keinen Zuhälter.

* Namen von der Redaktion geändert

"Ohne unsere Stammkunden hätten wir keine Chance"

Katharina Zetin von "Hydra", einer Berliner Beratungsstelle für Prostituierte, hat noch keine genauen Informationen darüber, wie die Bulgarinnen und Rumäninnen genau nach Berlin gekommen sind und inwieweit Menschenhändler involviert waren. Die Polizei will sich zur Lage in der Kurfürstenstraße derzeit nicht äußern.

"Ohne die Stammkunden hätten wir keine Chance"

Es sei schwer geworden, sagen Jeanette* und Melanie*. Sie wissen, dass es den Frauen aus Osteuropa noch schlechter geht als ihnen. Dass sie vielleicht aus ihrer Heimat nach Berlin gebracht wurden - möglicherweise gezwungen werden, auf den Strich zu gehen. Dass viele von ihnen schwer drogenabhängig sind, für den nächsten Schuss fast alles machen würden. Dass sie jeden Freier nehmen müssen. Auch jene Freier, bei denen man "gleich ein schlechtes Gefühl hat", weil man ahne, dass sie nicht zahlen werden, dass sie schlagen und vergewaltigen werden, sagt Melanie. Sie kenne keine Prostituierte, die nicht schon Schlimmes erlebt habe mit Kunden.

Die alteingesessenen Huren des Strichs drohen ins absolute Elend abzugleiten - sie werden von den Ärmsten ihres Gewerbes abgedrängt. 25.000 Mark in zwei Wochen verdiente sie früher, erzählt Jeanette und zieht an ihrer Zigarette. Jetzt sind es oft nur noch wenige Euro am Tag - 50 Euro, wenn es gut läuft. Stundenlang müssten sie oft auf Freier warten. "Viele Kunden wollen nur noch ohne Kondom, und sie finden immer Mädchen, die es ohne Gummi für weniger Geld machen als wir mit", sagt Melanie. "Wären unsere Stammkunden nicht, wir hätten keine Chance."

Draußen vor der Zwölf-Apostel-Kirche an der Straßenkreuzung schleicht ein älterer Mann in abgerissener Kleidung auf und ab, raucht Kette, blickt nervös in die ankommenden Autos. Er ist der Prototyp der Kunden, wie Melanie und Jeanette sie beschreiben. "Diese Freier warten darauf, dass eine kommt, die noch weiter unten ist und es für noch weniger Geld macht als die anderen", sagt ein Mann, der ein Geschäft in der Nähe hat.

Melanie sagt, die Preise würden weiter gedrückt, denn oft sei der Sex in Bordellen noch billiger. Und wenn es einen Sperrbezirk gebe, worüber Bezirksbürgermeister Ekkehard Band (SPD) nachdenkt, dann müssten die Frauen fliehen, die Drogenabhängigen gerieten noch mehr unter Beschaffungsdruck. "Besser wäre ein geschützter Straßenstrich wie in Köln."

Die Augen schließen, wenn der Freier besonders eklig ist

Es ist 22 Uhr, an der Kreuzung nahe der Kirche spucken die Autos Mädchen aus - andere laden sie wieder ein. Im Minutentakt. Die "Mittwochsinitiative" schließt ihre Türen. Die Mädchen stecken Kondome ein, nehmen sich Lunchpakete. Jeanette und Melanie gehen wieder auf die Straße. Ein paar Stunden nur, vielleicht auch die ganze Nacht. Melanie sagt, sie werde wieder die Augen zumachen, wenn der Freier "besonders eklig" ist. Und Jeanette wird sich die Nummernschilder merken, wenn Melanie zu einem Freier ins Auto steigt.

Laila und das Mädchen ohne Zähne stehen wieder an der Ecke. Sie sprechen kein Wort. Irgendwann sind beide verschwunden. Für ein paar Euro.

* Namen von der Redaktion geändert

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