Eliten-Partei Wie sich die Grünen neu erfunden haben

SPD plus Grüne - das ist eine Konstellation von gestern. Die Grünen sind sehr nahe ans bürgerliche Lager gerückt: Die einst Alternativen zählen sich heute zur Elite der Gesellschaft, wirken auf Demos wie in Gorleben fast deplaziert. Franz Walter über neue Machtoptionen und riesige Risiken.

Viele Grüne wird man nicht finden, die noch heilige Schwüre auf eherne Bündnisse mit den Sozialdemokraten ablegen. Am Ende des Regierungspakts mir der SPD im Jahr 2005 stand die komplette Machtlosigkeit der Grünen, da sie zunächst weder im Bund noch in den Ländern weiterhin an einer Regierung beteiligt war. Und die Posse dieser Tage in Hessen dürfte die Strategen der Grünen noch ein Stück mehr von der SPD fortgetrieben haben.

Schließlich war es auch kein Zufall, dass die Grünen jüngst in Bayern 70.000 vormalige CSU-Wähler hinzugewonnen haben. Auch in den übrigen drei Landtagswahlen dieses Jahres gab es Zuwächse von der Union bei gleichzeitig teilweise enormen Verlusten an die Linken. Dadurch ist die Wählerschaft der Grünen im Jahr 2008 ein weiteres gutes Stück in das altbürgerliche Lager gerückt.

Überdies weisen aktuelle Lebensstilanalysen zunehmend auf Affinitäten zwischen den eher konservativen "Etablierten" und den libertären "Postmaterialisten" hin. Die postmaterialistischen Lebenswelten von ehedem bilden längst keine Kampfmilieus mehr. Die Forscher des Heidelberger Instituts Sinus Sociovision charakterisieren sie daher als "Statusmilieus", in denen nicht mehr Gesellschaftskritik geübt, sondern Luxuskonsum zelebriert wird.

Marketingexperten haben diese Gruppe als LOHAS ("Lifestyle Of Health And Sustainability") identifiziert, die einen ökologischen und nachhaltigen Konsumstil praktizieren, dabei aber keine Askese betreiben, sondern Genuss erleben wollen. Die neugrünen LOHAS legen hohen Wert auf Distinktion besonders gegenüber den Lebensgewohnheiten der Unterschichten, die man klassisch oberschichtig als ordinär und vulgär ansieht.

Der Postmaterialismus grüner LOHAS ist explizit elitär; man achtet darauf, "entre nous" zu kommunizieren, mit anderen "Gebildeten" in der gesellschaftlichen Beletage unter sich zu bleiben. Alt- und Neubürgerliche treffen sich daher zumindest im urbanen Raum auf den gleichen Ausstellungen, bei den üblichen Theaterpremieren, im besten Restaurant der Stadt.

Jedenfalls: Keine Partei ist in ihrer Wählerschaft so eindeutig durch die Dominanz der formal Hochgebildeten geprägt wie die grüne; würden allein Menschen mit Hauptschulabschluss (oder ohne jeden Abschluss) wählen, dann hätten die Grünen keine Chance, die Fünf-Prozent-Hürde zu nehmen.

Gewiss bezeichnend ist, dass gerade Sympathisanten der Grünen und des Postmaterialismus am wenigsten der Auffassung zustimmen können, dass das gesellschaftliche Fortkommen in erster Linie von Herkunft und Besitz abhängt. Arbeiter und Arbeitslose, auch traditionsverwurzelte Kleinbürger stimmen dieser Interpretation mit großer Mehrheit zu; in der Anhängerschaft der Grünen sieht es gut die Hälfte anders.

Keine Partei ist so beamtenhaft geprägt

Die Mehrheit der grünen Mitglieder ist nicht in den wilden achtziger Jahren, nicht zu den Zeiten fundamentaloppositioneller Allüren zur Partei gestoßen, sondern erst danach. Jetzt gehört man zum neuen Establishment der Republik. Und vor die Frage gestellt, ob man im Falle einer Direktwahl für das Kanzleramt die Stimme eher Frau Merkel oder den Kandidaten der Sozialdemokratie gegen würde, entschied sich eine deutliche Majorität des Grünen-Elektorats für die amtierende Regierungschefin der CDU.

Auch in die Frage des Mindestlohns liegen Anhänger der CDU/CSU und der Grünen auf exakt dem gleichen Level. Ihr früher kräftiger Impetus in der sozialen Frage kommt bei den Grünen mittlerweile nur noch dann zur Geltung, wenn es um üppige Gehaltserhöhungen im öffentlichen Dienst geht. Denn keine Partei ist so beamtenhaft geprägt wie die der Grünen; von den Staatsdienern bekamen sie bei den jüngsten Landtagswahlen zwischen 15 und 19 Prozent der Voten. Und nicht zufällig fiel in den vergangenen Jahren die Zustimmung zu den Agenda 2010-Reformen Schröders in der Gruppe der "Postmaterialisten" und Beamten stets am höchsten aus – denn diese waren davon nicht betroffen.

Und doch: Einiges spricht dafür, dass sich gerade in der Frage der Ökologie aus dem Zentrum der Gesellschaft heraus ein Stück Reideologisierung entwickelt. Unverkennbar jedenfalls ist, dass mehr und mehr bessergestellte Bürger zu Beginn des 21. Jahrhunderts von ihrem genuinen Kernthema umgetrieben werden: Gesundheit, Klimawandel, Ernährung.

In diesen Dingen kennen insbesondere die neugrünen LOHAS keinen Pardon mehr. Wer weiterhin Nikotin inhaliert, weder joggt noch regelmäßig Nordic Walking betreibt, muss mit Acht und Bann durch die Elite der Lebensreform rechnen. Und auch der Zulauf zu den Demonstrationen jüngst gegen den Castor-Transport zeigt an, dass vor allem in jüngeren Teilen der Bevölkerung ein neues Bedürfnis nach ökologischer Rigidität nachwächst.

Die Konkurrenz kommt von links

Kurzum: Es sind jedenfalls im weiten Sinne ökologische Imperative, die derzeit die Gemüter in neu-bürgerlichen Kreisen bewegen. Allerdings ist es nicht so, dass grüne Politiker die aktualisierten Debatten um Umweltfrage inspirationsreich prägen, dass sie mit originären Konzepten an der Spitze neuer Sensibilitäten und Bewegtheiten marschieren.

Selbst wenn sie sich – wie vergangenes Wochenende Cem Özdemir und andere – auf Demonstrationsvisite in das Wendland begeben, wirken sie "deplaziert, fast fremd und verloren", wie die Journalistin Monika Dunkel ihre Eindrücke festhielt. Doch immerhin hatten Anführer der Grünen noch Gespür genug für die neue Protestbereitschaft, die sich nicht zuletzt bei den eignen Kindern der inzwischen ergrauten Alt-Grünen ausbreitet.

Grüne Kreisverbände charterten für die Reise nach Gorleben so viele Busse wie seit vielen Jahren nicht mehr. Die Grünen ahnen, dass ihnen sonst Konkurrenz droht, nicht zuletzt von den "Linken", die ebenfalls demonstrativ die Durchfahrt der strahlenden Behälter blockierten.

Was heißt das nun für die künftige parlamentarische Rolle der Öko-Partei? Es bleibt dabei: An den Grünen mögen bei künftigen Koalitionsbildungen sowohl die CDU als auch die SPD kaum noch vorbeikommen. Die Grünen könnten insofern als Scharnier des deutschen Parteiensystems fungieren.

In der Opposition blass geblieben

Solche Parteien aber sehen sich stets der Gefahr ausgesetzt, als prinzipienlos und machtversessen verschrien zu sein, in diffuser Mittigkeit zu verschwimmen und ihre zuvor klaren Konturen zu verwischen. Eben das ist die Ambivalenz, die den Grünen seit einigen Jahren zu schaffen macht, weshalb sie in der Bundestagsopposition seit 2005 auch so blass geblieben sind.

Die Grünen stecken im Dilemma aller Zentrums-Parteien. Sie müssen sich weit spreizen, den ständigen Spagat praktizieren, im konkreten Fall: feurige Appelle an die neuen Protestkohorten senden, zugleich beruhigende Worte an die nun etablierten, konservativ gewordenen Postmaterialisten von ehedem richten.

Die Grünen werden die Abwanderer nach links im Auge behalten müssen und die neuen Zuwanderer von rechts binden wollen. Sie dürfen die Kontakte zu den Sozialdemokraten nicht vernachlässigen, haben aber die Beziehungen zu Christ- und Freidemokraten auszubauen.

Die Scharnierposition mag die machtpolitische Option der Grünen vermehren, doch zugleich kann sie dann die programmatische Schärfe mindern, die politische Sprache verdünnen, die kulturelle Eindeutigkeit von ehedem vernebeln – und der Flair von Authentizität und Alternative wäre endgültig dahin.

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