Europaparlamentarier Elmar Brok Kohls letzter Mann tritt ab

Nach mehr als einem Jahrzehnt gibt Elmar Brok den Vorsitz im Auswärtigen Ausschuss des EU-Parlaments an David McAllister ab. Wichtigste Aufgabe seines Nachfolgers: Kontaktaufnahme mit dem Team von Donald Trump.

Europapolitiker Elmar Brok
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Europapolitiker Elmar Brok

Von , Brüssel


Elmar Brok redet sich gerade wegen der Sanktionen gegen Russland in Rage, als er mit seinem Audi A7 beinahe einen Radfahrer überrollt. Der Chef des Auswärtigen Ausschusses im Europaparlament ist auf dem Weg zu einem Festvortrag im Städtchen Syke südlich von Bremen. Über die Freisprechanlage seines Wagens führt er ein Interview und versucht gleichzeitig, durch den wuseligen Brüsseler Stadtverkehr auf den Autobahnzubringer einzufädeln. Hinter ihm heult eine Polizeisirene auf.

"Mist, jetzt haben sie mich", schimpft Brok, doch die Polizei meint einen anderen, auch der Fahrradfahrer kommt unverletzt davon. Das Telefoninterview zu Putin und Trump geht weiter. "Wir müssen uns auf das Schlimmste vorbereiten", sagt Brok, "und versuchen, es zu verhindern."

Elmar Brok, 70, war mit Unterbrechung fast 13 Jahre Chef des Auswärtigen Ausschusses, eine der wichtigsten Positionen im Europaparlament. Am Dienstag wird der Mann mit dem Schnauzer aller Voraussicht nach sein Amt abgeben. Auch nach dem Willen von Kanzlerin Angela Merkel soll dann ein anderer das Gesicht der deutschen Europapolitik werden - der ehemalige niedersächsische Ministerpräsident David McAllister, 46.

Die Personalie ist mehr als nur ein Stabwechsel zweier CDU-Männer. Brok ist der letzte deutsche Außenpolitiker, der sein Geschäft bei Helmut Kohl gelernt hat. Für Kohls letzten Mann ist Europa eine Frage von Krieg und Frieden, McAllister gehört zu der Generation, die mit Europa eher Reisen ohne Grenzen und Studienaufenthalte mit Erasmus verbindet. Ausgerechnet am Tag vier nach Trumps Amtseinführung übernimmt ein Neuling den Posten des Parlamentsdiplomaten.

Brok steuert an Maastricht vorbei, der Stadt, in der sich die Europäer vor 25 Jahren darauf einigten, eine gemeinsame Währung einzuführen. Es war die Zeit, als er manchmal mit Kohl spätabends im Bonner Kanzleramt zusammensaß. "Kohl sagte immer: In der letzten Nacht der Verhandlung wird Deutschland an der Seite der kleinen Länder stehen", erinnert sich Brok. Entsprechend pflegt er seine Kontakte zu Niederländern, Belgiern und Luxemburgern. Doch die Zeiten ändern sich.

Als Brok 1999 zum ersten Mal Ausschussvorsitzender wurde, hatte die EU gerade mal 15 Mitglieder. Europapolitik war eine Herzensangelegenheit für eine kleine, verschworene und fast ausschließlich männliche Truppe. Neben seinem Posten als Parlamentarier arbeitete Brok jahrelang für den Bertelsmann-Konzern, ein Arrangement, das heute zumindest für Nachfragen sorgen würde. Zu Kohls Zeiten wuchs die EU immer enger zusammen, neue Mitglieder drängten um Aufnahme.

Nach dem Brexit-Votum geht es heute dagegen darum, zu verhindern, dass die Fliehkräfte die Gemeinschaft zerreißen. "Angela Merkel ist in die Krise hereingekommen", sagt Brok. Der gescheiterte Verfassungsvertrag, später die Rettung des Euro, der Streit über Flüchtlinge - "nichts davon war die Schuld der Kanzlerin", sagt er, "aber es hat ihre Europapolitik geprägt".

David McAllister
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David McAllister

Broks letzte Reise als Ausschussvorsitzender führte ihn Anfang Januar noch einmal nach Israel, als junger Mann wollte er sich 1967 im Sechstagekrieg freiwillig zum Militär melden. Engen Vertrauten in der Knesset, dem israelischen Parlament, stellt er McAllister bereits als seinen Nachfolger vor.

Der Wechsel deutete sich seit dem Herbst 2015 an. Damals ging es darum, wer stellvertretender Chef der europäischen EVP-Parteienfamilie werden sollte. Obwohl es eigentlich anders ausgemacht war, kam nicht Brok zum Zug, sondern McAllister, vorausgegangen war eine deutliche Anweisung aus der CDU-Spitze.

Früher busselte der CDU-Mann aus Bad Bederkesa niedersächsische Grünkohlköniginnen, heute kümmert McAllister sich um die Probleme serbischer Oppositionsführer - im Europaparlament ist er für den EU-Beitritt der Westbalkanstaaten zuständig. Eine komplizierte Materie, in der er es bald zum Experten brachte. Zudem gehörte die Verbindung des Parlaments zu den USA zu seinen Aufgaben. Ob die Kontakte, die er dort aufbaute, ihm jetzt auf dem neuen Posten helfen, Termine mit Trumps inner circle zu bekommen, muss sich erst noch erweisen.

"Das soll jetzt McAllister machen"

McAllister stammt von einem schottischen Vater ab, Merkel schätzt seine Loyalität und seine Volksnähe. Anfang Januar redet McAllister in einem Hafenlokal in Cuxhaven, der Raum ist voll, obwohl es um den Brexit geht und nicht um den Ausbau der hiesigen Autobahn A27. "Erzähl mal, wie das war bei deinem Abendessen mit dem Boris Johnson", will einer wissen.

Kurz vor Duisburg kehrt Brok an einer Raststätte ein, er bestellt "lippische Landplatte", Currywurst mit Pommes rot-weiß. Für die Weiterfahrt Richtung Bremen hat er Zigarren auf dem Rücksitz gebunkert. Brok wird als Abgeordneter in Brüssel bleiben, und natürlich auch weiterhin Dauergast in deutschen Talkshows sein. Schon wegen seines engen Drahts zu Kommissionschef Jean-Claude Juncker bleibt sein Rat gefragt.

Als Brok vor Kurzem in seinem Büro die Post erledigte, bat der ehemalige Präsident von Moldawien um einen Termin, genauso wie der Handelsminister aus Pakistan und der Botschafter Ruandas. Brok zog an seiner Zigarre, zückte einen dicken Stift und schrieb unter die Briefe: "Das soll jetzt McAllister machen."

insgesamt 41 Beiträge
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Seite 1
panzerknacker 51 23.01.2017
1. Diesen ...
EU-trunkenen Dampfplauderer werden wir aber vermissen ...
mittelstadtuwe 23.01.2017
2. Und....?
Ein Schwätzer geht - ein neuer kommt........
eriatlov 23.01.2017
3. Teurer Mann!
35 Jahre in Brüssel - und will weitermachen! Ob sein sein Leistungsauweis allerdings Letzteres rechtfertigt - keine Ahnung. Aber am Zustand der EU will er nicht Schuld sein, wie er in einer Talkshow mal von sich gab.
umbhaki 23.01.2017
4. Da kann man nur hoffen,
dass Herr Brok sich auch aus all den Talkshows zurückzieht, in denen er das geneigte Fernsehpublikum Jahrelang „auf Linie“ bramabassieren wollte.
herbert 23.01.2017
5. Ich kenne Herrn Brock nur manchmal von den Talkshows
Wusste gar nicht, dass er im grossen Sammelbecken fuer Politiker im EU Parlament sitzt. Auch ist mir unbekannt, was sein Job seit ewigen Zeiten dort ist und war. Hat er politisch was bewegt oder geaendert´? Ja, dass EU Parlament die grosse Unbekannte fuer viele Buerger.
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