Audienz bei Frankreichs Präsident Macron empfängt deutsche Grünenchefs zum Tête-à-Tête

Besuch im Élysée-Palast: Annalena Baerbock und Robert Habeck treffen nach SPIEGEL-Informationen Präsident Emmanuel Macron zum Strategiegespräch. Tickt der Franzose jetzt grün?

Annalena Baerbock und Robert Habeck: Suche nach neuen Allianzen
Patrick Pleul/ DPA

Annalena Baerbock und Robert Habeck: Suche nach neuen Allianzen

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Es wurde geplant, vertagt und wieder verworfen. Es hat rund ein Jahr gedauert. Jetzt aber sei es endlich so weit, lobt man sich diesseits und jenseits des Rheins: Emmanuel Macron, der französische Präsident, empfängt nach Informationen des SPIEGEL diese Woche die beiden deutschen Spitzengrünen Robert Habeck und Annalena Baerbock im Élysée-Palast.

Einzig ein Nuklearkrieg könne das Treffen noch platzen lassen, witzelt man in Macrons Entourage.

Es ist, so viel steht fest, nicht selbstverständlich für einen französischen Staatspräsidenten, die Vorsitzenden der kleinsten Oppositionspartei im deutschen Bundestag zu sich einzuladen.

Andererseits, was ist noch selbstverständlich?

Der Höhenflug der Grünen, ihre Erfolge - ob in Deutschland, in Österreich, oder eben auch, wie bei der Europawahl, in Frankreich - hat sie wie Ausrufezeichen auf die politische Landkarte gesetzt.

Dass Emmanuel Macron mittlerweile gediegene Lust hegen dürfte auf eine neue, anders geartete Regierung in Berlin, ist kein bloßes Raunen mehr.

Denn mit Kanzlerin Angela Merkel oder Finanzminister Olaf Scholz der routinierten Frustration deutsch-französischer Beziehungen entkommen zu können, daran glaubt in Paris niemand mehr. Die Hoffnung ist grün, und die Zukunft vielleicht ja auch - so das Kalkül. Greta Thunberg jedenfalls war bereits im Februar zu Besuch im Élysée.

Es macht durchaus ein bisschen Spaß, sich vorzustellen, wie Robert Habeck mit seiner Fahrradkurier-Umhängetasche und den ewigen Jeans um den geharkten Kieshof schlurft, wo sonst die Staatschefs dieser Welt aus ihren polierten Limousinen steigen und die republikanische Garde die Hacken aneinanderschlägt.

Dass auch Co-Chefin Annalena Baerbock neben ihm auf den goldenen Louis-XIV-Sesselchen in Macrons Büro Platz nehmen wird, das ist einer Planänderung geschuldet. Eigentlich wollte Habeck alleine zu Gesprächen reisen: von Brüssel nach Paris und von dort weiter nach Rom. "Robert will eigentlich einfach nur lernen", hört man in der Partei auf die Frage, worum es bei dieser Reise geht.

Aber Habeck vor Goldstuck allein im Gespräch mit Emmanuel Macron? Das hätte wohl selbst der harmonischsten aller Doppelspitzen zugesetzt. Deshalb reist Baerbock jetzt kurzerhand mit nach Paris. Die römische Bürgermeisterin Virginia Raggi darf Habeck dann wieder alleine treffen.

Emmanuel Macron: Wie grün ist der Präsident wirklich?
Yoan Valat/ AFP

Emmanuel Macron: Wie grün ist der Präsident wirklich?

Das Grünen-Duo zündet damit die zweite Stufe der gemeinsamen Politbiografie. Nach einer kleinen Flaute im Sommer sind sie wieder obenauf, soll heißen: liegen in den Umfragen derzeit nur knapp hinter den Unionsparteien auf Platz zwei.

Da das Regieren mittlerweile selbst in Deutschland zu einer eher fragilen Sache geworden ist, schaut man sich um. Sucht nach neuen Allianzen, möglichen Partnern, nicht mehr nur in Brandenburg oder Berlin, sondern auch eine Ebene drüber, der europäischen.

Es war ein langer Weg zu diesem Treffen mit Emmanuel Macron, trotz der Schnittmenge gemeinsamer Interessen.

Zum einen mag das an der überbordenden Agenda des Franzosen gelegen haben, zum anderen lag es an Animositäten bei den Grünen. Viele in der Partei halten Macron für einen eher fiesen Neoliberalen, der vor allem den Wohlfahrtsstaat schleifen will. Ein unberechtigter Vorwurf. Wahlweise auch für eine Art Möchtegern-Hegemon, der genuin französische Interessen als europäisch verbrämt. Ein nicht ganz unberechtigter Vorwurf.

Statt diese Befindlichkeiten im Sinne einer übergeordneten Sache, zum Beispiel der Europawahl, kurz beiseitezuschieben, lebten sie im Frühjahr noch mal richtig auf. Sven Giegold, europäischer Grünenabgeordneter - Baerbock und Habeck besuchen ihn an diesem Dienstag in Brüssel -, bezichtigte einen zu Macron übergelaufenen französischen Grünen öffentlich des Dolchstoßes.

Was Europa angehe, habe man bestimmt nicht auf Macron gewartet, schrieb Giegold beleidigt.

Das kann man auch anders sehen.

Und Ursula von der Leyen, von Macron vorgeschlagene Kommissionspräsidentin in spe, wollten die europäischen Grünen nicht mittragen, was zumindest bei Robert Habeck leichte Bauchschmerzen verursacht haben soll. Die "Quasi-Regierungspartei" (Habeck) mag im Wartestand verharren, zieht sich aber auch gern mal in die Trotzecke zurück.

Sprach man in den vergangenen Monaten Annalena Baerbock auf die regierenden Franzosen an, wurde sie recht schnippisch. Mit Finanzminister Bruno Le Maire, den das Grünen-Duo jetzt in Paris auch treffen wird, hatte sie in der Vergangenheit weniger sympathisiert. Le Maire ist allerdings auch ein besonders glattpoliertes Beispiel der herrschenden Klasse in Frankreich.

Das grüne Motto: Wir sind selbst groß

Kurz: Europapolitisch gesehen zeigten sich die Grünen bislang eher zickig gegenüber Macron. Nur nicht zu viele Zugeständnisse, nur kein zu lauter Beifall. Nach dem Motto: Wir sind selbst groß. Baerbock störte sich auch an Macrons "Kerneuropagedanken".

Ob der Ansatz des französischen Präsidenten "zu intergouvernemental" ist oder nicht, all das werden sie nun persönlich diskutieren können, bei diesem ersten Tête-à-Tête in der doch recht beeindruckenden Kulisse des Élysée.

Mal sehen, was Baerbock hinterher sagt. Es gibt im persönlichen Gespräch wenige Politiker, die einnehmender sein können als Emmanuel Macron.

Ein erstes Beschnuppern fand bereits am Freitag statt, in Berlin trafen sich die beiden Grünen mit Clément Beaune, Macrons Chefberater für Europa und einer seiner engsten Vertrauten. Aus dessen Umfeld hieß es hinterher, Beaune sei etwas enttäuscht gewesen von dieser Zusammenkunft.

Baerbock und Habeck hätten vor allem versucht, herauszufinden, wie "grün" Macron wirklich sei.

insgesamt 18 Beiträge
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hausfeen 01.10.2019
1. Nix Sensationelles. Macron ist auch eng mit Cohn-Bendit, der ...
... ja auch Deutscher ist und wohl auch hier Parteimitglied. Naja, so ein frisch aus dem Ei geschlüpfter Kollege kann ja nicht wissen, was gestern oder vorgestern war. Tatsächlich scheint Macron offen für neue Positionen. So etwas gibt es hier wohl nicht.
berlin333 01.10.2019
2. Er wird wohl die Grünen
in ihrem anti-industriellen Kurs bestärken – wenn D weiter Industrie-Arbeitsplätze sowie natürlich Industriebetriebe verliert, profitiert F und seine Wirtschaft. Nicht vergessen: Macron hat bereits Luisa Neubauer "empfangen" – dass ist die, die gegen Atomkraft ist und die die D als ein vorindustrielles Land sehen will. Aber im Elisée-Palast empfangen zu werden, das wertet natürlich das eigene Ego auf. Macron umgarnt sie alle, um die EU nach seinem Bild zu formen – U. v.d.Leyen, Lagarde ...
RaKader 01.10.2019
3. Gemengelage ausgezeichnet beschrieben
Das sich ein Personaltableau liest wie ein geostrategischer Entwurf, ist eine Seltenheit im deutschen Journalismus. Denn dazu bedarf es nicht nur profunder Kenntnis und der Kunst über den deutschen Tellerrand zu schauen, es bedarf auch der Kunst Hierarchieebenen zu schleifen, um das Personal inhaltlich zu betrachten. Hat mir ausgezeichnet gefallen, diese Analyse. Kenne ich sonst nur von den Blättern oder der IP. Trotzdem ist's nichts mehr als eine Momentaufnahme und bedient des Lesers Bedürfnis nach Personalisierung.
Wolfgang Heubach 01.10.2019
4. Macron schillert in allen Farben
Macron macht das, was ihm in den Kram passt und ihm das politische Überleben bei den französischen Präsidentenwahlen sichert. Und er will den Ton in der EU sowie in ganz Europa angeben. Das ist absolute politische Verblendung. Durch seine Machenschaften hat der der EU bereits die in Deutschland ausgebrannte von der Leyen beschert. Im übrigen passen Baerbock und Habeck zu Macron: Politische Blender.
christoph.bohr 01.10.2019
5. und ab jetzt werden Kompromisse geplant !
grün ist es nicht, schon vor einer Regierungsbeteiligung zu verhandeln und damit Ziele teilweise aufzugeben. Eine Energiewende schafft in ganz Europa sinnvolle Arbeitsplätze finanziert durch weniger Öl,Gas und Kohleimporte. Viel mehr als eine CO2 Steuer bringt es – Photovoltaik und Windkraft nicht weiter zu behindern. Weniger Erderwärmung funktioniert nur wenn weniger Öl, Gas und Kohle verbrannt werden. Die bestechend einfache Logik ist, wir brauchen Photovoltaik möglichst auf allen Dächern, Windräder und große preisgünstige Stromspeicher wie Redox FLow Batterien die in Japan schon erfolgreich eingesetzt werden. Es ist einfach viel billiger und sauber mit Wind und Sonne Energie bereitzustellen und diese zu speichern. Ein weltweiter Markt mit echter Einsparung an Schadstoffen und CO2. Für Europa wäre es ein riesiges Konjunkturprogramm mit vielen sinnvollen neuen Arbeitsplätzen – bezahlt aus eingespartem Öl, Gas und Kohle. Nur wenn weniger verbannt wird, macht Klimapolitik einen Sinn. Abgaben verleiten zur Verlagerung beispielsweise zum Kauf von Zertifikaten aus anderen Ländern z.B. dürre Bäumchen in Kenia. Die Energie fällt ja nicht vom Himmel, aber fast. Wir haben Photovoltaik und Windkraft, aber wir haben keine Wasserstofftankstellen und keinen schnellen Brüter – darauf zu warten ist nur eine Ausrede zum Schaden aller. Unsere GroKo verhindert den sinnvollen Einsatz bewährter Technik - damit wird ein Aufschub auf unbestimmte Zeit erreicht - und solange wird die Luft verpestet. Vorschriften und Ausschreibungen welche Herr Gabriel einführte erreichen aber genau das Gegenteil von einem Ausbau bei Wind und auch bei Photovoltaik. In Bayern wird dieses Jahr nur noch ein letztes Windkraftwerk errichtet. Nach der Photovoltaikbranche wird jetzt die Windbranche platt gemacht bisher minus 36.000 Arbeitsplätze.
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