Empfang beim Bundespräsidenten Das große Staatsschauspiel

Angela Merkel und die Polit-Prominenz der Republik machen Bundespräsident Christian Wulff ihre Aufwartung. Beim Neujahrsempfang im Schloss Bellevue versuchen sie, die Krise wegzulächeln. Die Kritik bleibt draußen - und überschattet das schöne Schauspiel doch.

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Berlin - Guido Westerwelle trägt am dicksten auf. Forsch und fröhlich greift er dem Bundespräsidenten beim Händedruck mit der freien, linken Hand an den Oberarm. Es ist der Ansatz einer Umarmung. Dann wendet er sich Bettina Wulff zu. Küsschen rechts, Küsschen links, der Außenminister ist der einzige, der das tut. Im Raum schwillt unter den Journalisten und Beobachtern ein Raunen an: "Ooooohhh…." Westerwelle dreht sich um, ruft in den Saal: "Man muss ja nicht verstecken, wenn man sich mag."

Es ist die mit Abstand eindrucksvollste Sympathiebekundung, die das Präsidentenpaar an diesem Donnerstag entgegennehmen kann. So gut wie Westerwelle kann das keiner, vielleicht auch, weil er Wulff nur allzugut nachfühlen kann, wie es ist, unter öffentlichem Dauerfeuer zu stehen. Aber eigentlich geben sich beim traditionellen Neujahrsempfang im Schloss Bellevue alle sichtlich Mühe, die inzwischen zur Dauerkrise ausgewachsene Kreditaffäre des Staatsoberhaupts wegzulächeln.

Demonstrative Harmonie und Herzlichkeit sind angesagt, wenigstens für ein paar Stunden, als Wulff mit seiner Frau zunächst verdiente Bürger, Verbands- und Vereinsvertreter und schließlich auch die Polit-Prominenz aus Bund und Ländern begrüßt. Die Kritik am höchsten Mann im Staat muss so lange draußen bleiben.

Was nicht bedeutet, dass sie verstummt. Im Gegenteil.

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Christian Wulff: Neujahrsempfang im Schloss Bellevue
Sogar die Kanzlerin, das kann der Bundespräsident am Morgen in der "Bild"-Zeitung lesen, soll inzwischen genervt sein von seiner Taktiererei. Am Donnerstag nun trifft Angela Merkel das erste Mal seit Ausbruch der Affäre öffentlich auf den Präsidenten. Milde lächelnd kommt sie im Langhanssaal auf Wulff zu. Handschlag, ein paar Worte. Viel ist es nicht, was sie sich in diesem Moment zu sagen haben. Große Gesten sind Merkels Sache ohnehin nicht, auch wenn sie Wulffs Frau Bettina kurz über den linken Arm streichelt. Die Kameras klicken wie wild. Dann sagt Merkel: "So." Der nächste bitte.

Gute Miene zum bösen Spiel

So geht es weiter. Vizekanzler Philipp Rösler, Finanzminister Wolfgang Schäuble, Kanzleramtschef Ronald Pofalla, alle machen gute Miene. Selbst scharfe Kritiker aus den Reihen des politischen Gegners verweigern sich nicht beim großen Staatsschauspiel im Schloss. Linke-Chef Klaus Ernst versucht es jovial und mit breitem Grinsen. Schleswig-Holsteins stellvertretender Ministerpräsident und FDP-Landeschef Heiner Garg wünscht alles Gute und sucht dann rasch das Weite. Garg hatte Wulffs Salamitaktik bei der Information der Öffentlichkeit jüngst "unerträglich" genannt.

Einer dagegen hält Wulffs Hand besonders lange fest: CSU-Chef Horst Seehofer, der zuletzt mehrfach ein Ende der Debatte um den Bundespräsidenten gefordert hat. Unter den Journalisten wird gewitzelt, ob er Wulff wohl gebeten habe, ihm anschließend noch kurz das Schloss zu zeigen, für den Fall, dass er den Job als derzeitiger Bundesratspräsident kommissarisch übernehmen müsse. Was er wirklich gesagt hat, will Seehofer später nicht preisgeben. Nur so viel: Er habe großen Wert gelegt, beim Empfang persönlich dabei zu sein.

Andere tun das weniger. Die Grünen sind gar nicht vertreten, was angeblich allein damit zu tun hat, dass sich alle Abgeordneten zur Klausurtagung versammelt haben. Das gilt allerdings auch für die SPD, die aber immerhin Fraktionsvize Gernot Erler schickt. Außerdem ist mit Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit auch ein Stellvertreter von SPD-Chef Sigmar Gabriel zugegen, dazu der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck. Beck erzählt hinterher, dem Empfang fernzubleiben sei keine Option gewesen. "Das macht man nicht, schon gar nicht, wenn einer unten ist."

Diese Rücksicht wollen die Vertreter von Transparency International und dem Deutschen Journalisten-Verband am Donnerstag nicht nehmen. Aus Protest über die schleppende Aufklärungsarbeit bleiben sie dem Empfang für die Repräsentanten der Gesellschaft am Vormittag fern. Dafür hat Unionsfraktionsgeschäftsführer Peter Altmaier kein Verständnis. "Das ist stillos und falsch", sagt Altmaier. Zur Aufklärung gehöre auch "der Respekt vor dem Amt und seinem Inhaber".

Keine Kritik von den Gästen

Die allermeisten der rund 80 engagierten Bürger, die Wulff stellvertretend für die Tausenden Ehrenamtler im Land eingeladen hat, sind gern gekommen. Sie sind dankbar, dass ihre Arbeit auf diese Weise gewürdigt wird, viele haben Geschenke mitgebracht, sich in historische Trachten gekleidet, mancher findet aufmunternde Worte. "Ich habe ihm gesagt, dass er durchhalten soll", berichtet einer später. Die Umstehenden nicken. Ein anderer erzählt, er habe die Präsidentengattin als "starke Frau" und "wahre First Lady" gelobt. Sie erwarte "Offenheit und Ehrlichkeit", betont eine Lehrerin, sagt aber auch: "Herr Wulff ist ein guter Bundespräsident, er sollte bleiben." Und immer wieder: "Irgendwann ist auch mal gut. Schluss mit der Debatte."

Wulff wird die unterstützenden Worte gern gehört haben. Er braucht jetzt die Solidarität der Menschen im Land. Doch ihm wird auch bewusst sein: Der Neujahrsempfang im Schloss Bellevue ist nun einmal nicht der Ort für kritische Worte, weder für den einfachen Bürger noch für die Politik. Die Bevölkerung ist laut Umfragen gespalten, und draußen im hektischen Berliner Politikbetrieb geht der Kampf um sein Amt weiter.

Vom "Stahlgewitter" hat Wulff jüngst selbst gesprochen, und die Einschläge kommen näher.

Selbst CDU-Abgeordnete legen dem Bundespräsidenten inzwischen einen Amtsverzicht nahe, wünschen sich ein "Ende mit Schrecken" statt Schrecken ohne Ende. Noch sind es Hinterbänkler, die das offen aussprechen, und doch sind ihre Stimmen ein Alarmsignal. Fraktionschef Volker Kauder (CDU) bemüht sich am Nachmittag, die bröckelnde Unterstützerfront wieder zu kitten. Die Fraktion vertraue dem Bundespräsidenten, beteuert er, Spekulationen über mögliche Nachfolger bezeichnet er in den "Kieler Nachrichten" als "Quatsch". Dabei ist klar, dass der Frust in den eigenen Reihen mit jedem Tag wächst, an dem die Debatte weitergeht.

Wulff selbst aber will von Rücktritt weiter nichts wissen. Wie groß sein Stehvermögen ist, kann er an diesem Donnerstag bestens beweisen. Nach gut zweieinhalb Stunden mit nur kurzer Pause hat der Bundespräsident mehr als 250 Hände geschüttelt, mehr als 250-mal für die Fotografen posiert, mehr als 250-mal Small Talk gehalten. Der frühere Fußballtrainer Klaus Schlappner - im Bellevue für sein Sport-Engagement in der Dritten Welt zu Gast - berichtet später vom kurzen Wortwechsel beim Defilee. "Ich hab' ihm gesagt: Ihr habt ja die Saison noch vor Euch." Wulff habe geantwortet: "Die Saison geht bis 2015."

Mit Material von AFP

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Seite 1
glaubblosnix 12.01.2012
1. Lusti Lustig trallallala..
Zitat von sysopAngela Merkel und die Polit-Prominenz der Republik machen Bundespräsident Christian Wulff ihre Aufwartung. Beim Neujahrsempfang im Schloss Bellevue versuchen sie, die Krise wegzulächeln. Die Kritik bleibt draußen - und überschattet das schöne Schauspiel doch. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,808795,00.html
..heut ist unser Guido wieder da. Lange nicht gesehen den Aussenkasper. Richtig lustig das Video als auch noch Merkel ins Bild kommt, könnte es sein das sie schwanger ist - so wie sie dasteht?
IsaDellaBaviera 12.01.2012
2. Und dann auch noch der Seehofer...
Zitat von glaubblosnix..heut ist unser Guido wieder da. Lange nicht gesehen den Aussenkasper. Richtig lustig das Video als auch noch Merkel ins Bild kommt, könnte es sein das sie schwanger ist - so wie sie dasteht?
Einfach eine geniale Komödie! The Usual Suspects (Die üblen - nee, halt - ähm, sorry - meinte Die Üblichen Verdächtigen) Teil 2! Also dafür gibt der Bürger seine Steuergelder doch ausnahmsweise freiwillig her. Habe mich länger nicht derart amüsiert! Großen Dank auch an all die Komparsen! Wir werden diese Aufführung noch lange in Erinnerung behalten...
leopoldy 12.01.2012
3. Tragikomödie
Zitat von sysopAngela Merkel und die Polit-Prominenz der Republik machen Bundespräsident Christian Wulff ihre Aufwartung. Beim Neujahrsempfang im Schloss Bellevue versuchen sie, die Krise wegzulächeln. Die Kritik bleibt draußen - und überschattet das schöne Schauspiel doch. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,808795,00.html
Ja, irgendwie wird etwas gequält gelächelt. Ob die Saison bis 2015 geht wird sich noch heraustellen. Ein Vorteil für das Land wäre es sicher nicht. Dazu paßt natürlich, das der andere Hoffnungsträger die eindrucksvollste Sympathiedarstellung ausführt. Schauspiel ist nicht so richtig passend, besser finde ich Tragikomödie.
doc 123 12.01.2012
4. Ganz großer Komödienstadel!
Zitat von sysopAngela Merkel und die Polit-Prominenz der Republik machen Bundespräsident Christian Wulff ihre Aufwartung. Beim Neujahrsempfang im Schloss Bellevue versuchen sie, die Krise wegzulächeln. Die Kritik bleibt draußen - und überschattet das schöne Schauspiel doch. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,808795,00.html
Einfach köstlich wie sich Frau Merkel regelrecht wegduckt, um nicht allzulange neben Wulff stehen zu müssen. Einfach lange einstudiert das Parallel-Lächeln von Wulff und Ehefrau. Meine Güte, wie lange müssen die wohl geübt habe, um dies in dieser Perfektion hinzugekommen? Einfach genial, wie einem dieses abstruse Polit-Gesockse, Wulff, Merkel, Rösler, Westerwelle in ihrer gesamten Absurdität so vorgeführt wird.
erwin777sti 12.01.2012
5. die Landtagswahl in Schleswig-Holstein lässt sich nicht aussitzen ..
die Landtagswahl im Land "zwischen den Meeren" ist fest terminiert, die Bürger geben ihre Stimmen ab, und damit ihre Stimmungen wider, für die einen Parteien werden sich die Stimmen mehren, für die anderen werden sie sich mindern .. Chrischtian Wulff ist mit dabei, zumindest im Hinterkopf der Bürger, hat jemand den Mut, eine Prognose abzugeben nach all den Heldentaten des "ranghöchsten Schnorrers der Nation": . _vergünstigte_ Kredite (Wiederholungstäter), . _Belügen_ des niedersächsischen Landtags, . _Angriff_ auf die Pressefreiheit (Wiederholungstäter), . _Vertuschung_ über Staatsfernsehen - daneben charakterlich so wenig geeignet als Bundespräsident, wie Mappus als Ministerpräsident vom Ländle ..
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