Enfant Terrible Grüne rechnen mit Metzger ab

Bleibt er oder geht er? Am Rande des grünen Parteitags gibt es nur ein Thema: die Zukunft des Finanzexperten Oswald Metzger. Der sorgt mit harschen Äußerungen über Hartz-IV-Empfänger für mächtig Ärger - schon wird er als "Gabriele Pauli der Partei" verspottet.
Von Yassin Musharbash

Nürnberg - Hätte er sich in Latex und Leder für ein Hochglanzmagazin ablichten lassen, er wäre auf dem grünen Parteitag bejubelt worden. "Aber Lack und Leder steht mir nicht", sagt Oswald Metzger, Finanzexperte der grünen Landtagsfraktion in Baden-Württemberg.

Metzger ist seit Jahren das Enfant Terrible vom Dienst bei den Grünen. Er ist Streit gewohnt. Doch so geballt wie im Moment war die Ablehnung, die ihm entgegenschlug, noch nie. Denn Metzger hat mit seinen jüngsten Äußerungen gegen das ungeschriebene grünen-interne Antidiskriminierungsgesetz verstoßen - und er weigert sich, auch nur eine Silbe zurückzunehmen.

Viele Sozialhilfeempfänger sähen "ihren Lebenssinn darin, Kohlenhydrate oder Alkohol in sich hineinzustopfen, vor dem Fernseher zu sitzen und das Gleiche den eigenen Kindern angedeihen zu lassen", sagte der Oberschwabe in einem Interview unmittelbar vor dem Parteitag.

Jetzt droht die Höchststrafe: fortdauernder Liebesentzug durch die grüne Basis. Wenn Metzger in der Nürnberger Frankenhalle, wo die Grünen tagen, Journalisten Interviews gibt, dann zischt schon einmal ein Delegierter im Vorbeigehen: "Hau ab!"

Der Ökoliberale sei jetzt "die Gabriele Pauli der Partei", formuliert es ein Bundestagsabgeordneter etwas vornehmer. Und in der Tat: Diesmal sieht es so aus, als könnten Metzger und die Grünen den Graben zwischen einander nicht mehr mit Wohlwollen auffüllen.

Denn da ist nicht nur das inkriminierte Zitat. Da ist auch noch Metzgers Fundamentalablehnung der beiden heute zur Abstimmung stehenden Konzepte zum Um- beziehungsweise Ausbau der Sozialsysteme. Egal ob "grüne Grundsicherung" mit höheren Hartz-IV-Sätzen oder bedingungsloses Grundeinkommen für jeden: Beides sei "Füllhorn-Politik", die sich eine Partei, die schon einmal im Bund regiert habe, nicht leisten könne.

Damit wirkt Metzger wirklich genauso entfernt vom Mainstream der Grünen wie die fesche Landrätin von dem der CSU, die sie mittlerweile ja auch verlassen hat.

Entscheidung am Dienstag

Metzger hat angekündigt, am kommenden Dienstag in der Fraktion in Stuttgart bekannt zu geben, ob er den Grünen den Rücken kehrt und sein Landtagsmandat zurückgibt - oder ob er bleibt. "Ich habe noch nicht entschieden", sagte er heute SPIEGEL ONLINE. Er werde seinen Entschluss davon abhängig machen, ob er auf dem Parteitag in der Sozialdebatte ober- oder unterhalb der Wahrnehmungsschwelle landet.

Diejenigen bei den Grünen, die es gut mit Metzger meinen, kann man am Samstagvormittag dabei beobachten, wie sie die Bänke der Delegierten abarbeiten, um darum zu bitten, dass diese den Metzger nicht ausbuhen, wenn er später sprechen wird. "Mir wäre es lieber, er bleibt", sagt ein Realo-Bundestagsabgeordneter. Der Metzger binde Wählerschichten, die kein anderer Grüner erreiche. Gemeint sind damit Wirtschaftskreise - Metzger gilt manchen als personifizierte schwarz-grüne Koalition.

Winfried Kretschmann, dem Fraktionschef der Grünen im Stuttgarter Landtag, sind die Qualen geradezu anzusehen, die er zurzeit durchmacht. Die Stirn ist zerfurcht, die Seufzer kommen von ganz tief innen, wenn man ihn auf sein Sorgenkind anspricht. Er holte Metzger einst in die Landespolitik, hält große Stücke auf ihn - und dass er in vielem ähnlich denkt wie Metzger ist ebenfalls kein Geheimnis. Lossagen kommt für ihn schon deshalb nicht in Frage: "Ich bin auch für die schwarzen Schafe in meiner Fraktion verantwortlich", sagt er SPIEGEL ONLINE.

Zumindest einen guten Abgang, heißt es derweil bei den baden-württembergischen Delegierten, wolle man Metzger ermöglichen - das schulde man ihm. Ihm, der dafür gesorgt habe, dass praktisch jeder Mittelständler im Ländle die Grünen nicht für durchgeknallt, sondern für vernünftig hält.

Metzger wittert Unterstützung

Metzger gibt sich am Samstagmorgen aufgeräumt und vorsichtig optimistisch: Viele, "erstaunlich viele", würden ihm auf die Schulter klopfen und ließen ihn wissen: "Du hast Recht!" Gerade habe sich der "ökoliberale Zirkel" getroffen, mehr Grüne als sonst seien gekommen, da habe er Unterstützung gespürt. Jetzt hoffe er, dass er "wenigstens mit Anstand reden kann".

Metzger und die Grünen - sie haben sich wund gerieben aneinander. Eine Kette gegenseitiger Verletzungen verbindet sie. Der Bundestagsabgeordnete Josef Winkler wirft dem Schwaben vor, dass er die gesamte zweite rot-grüne Legislaturperiode hindurch den "Kronzeugen gegen unsere Politik gegeben hat. Normalerweise würde das als parteischädigendes Verhalten interpretiert." Winkler steht damit nicht allein. Metzger hat sich außerdem Feinde gemacht, als er sich von der neoliberalen "Initiative neue soziale Marktwirtschaft" vereinnahmen ließ.

Mit Blick auf die Sozialdebatte, die heute auf der Tagesordnung steht, heißt es bei den Metzger-Kritikern: Der Oswald hätte doch, wenn ihn das alles so stört, auf der Landesdelegiertenkonferenz im Südwesten die Forderung nach dem Grundeinkommen verhindern können. Aber er habe es ja vorgezogen, zu schwänzen und sich mit dem Kapital zu treffen. Metzger entgegnet: "Ich habe für die Fraktion bei der Mittelstandsvereinigung gesprochen, ich habe mich vorher vom Landesparteitag abgemeldet und keinen hat das gestört."

Eine Heimat bei der FDP?

Aber das sind nur Scharmützel. Über allem steht eine wichtigere Frage: Hat Metzger, das ewige Wunderkind, noch eine politische Heimat bei den Grünen? Er selbst macht keinen Hehl aus seinen Zweifeln, spricht von "unvernünftigen" und "ahnungslosen" Parteifreunden. Der leicht revisionistische Kurs, den die Basis ansteuert, ist nicht mehr seiner. Metzger ist sogar dagegen, den Regelsatz für Hartz IV anzuheben.

Von den Grünen meinen jetzt nicht wenige, Metzger habe seinen Abschied von langer Hand vorbereitet, den aktuellen Streit inszeniert. "Der will als Märtyrer gehen", schimpft ein Parteilinker. Die Umstehenden nicken.

Schon machen Gerüchte und Spekulationen die Runde: Metzgers wahres Ziel sei es, sich bei den Grünen hinauskomplimentieren zu lassen, um dann, 2009, für die FDP in den Bundestag einzuziehen. An allen Ecken wird in Nürnberg diese Verschwörungstheorie durchgehechelt.

Metzger winkt natürlich ab. Was soll er auch sonst tun. Aber die Zerrüttung ist groß - und alles deutet daraufhin, dass die grüne Karriere Metzgers am Dienstag zu Ende geht.

Metzgers Nachrücker wäre übrigens ein Mann, der ausgerechnet Schlachter heißt. "Und der denkt auch noch genauso wie der Oswald", sagt mit viel Galgenhumor ein Metzger-Freund aus dem Südwesten.

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