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Aktionen von Migranten: Grundgesetze gegen Islamisten

Foto: Sabine Antonius

Engagierte Migranten Für Deutschland kämpfen

Unter deutschen Migranten spielt sich eine leise Revolution ab. Immer stärker bestimmen sie in den Großstädten die Zivilgesellschaft, kämpfen für bessere Schulen, für mehr Gleichberechtigung - und gegen Gewalt und Islamisten.

Berlin - Es war ein abscheulicher Mord. Auf dem Dach eines Hochhauses in Berlin-Kreuzberg schlug im Juni dieses Jahres ein aus der Türkei stammender Mann seiner Frau den Kopf ab und warf ihn in den Hinterhof. Die sechs Kinder des Paares haben den grässlichen Streit vermutlich mitbekommen, sie leben jetzt im Heim.

Am Tag nach der Tat waren Männer am Tatort, sie trugen T-Shirts, auf denen stand: "Männer gegen Gewalt". Die Männer kommen aus der ersten türkischen Vätergruppe in Deutschland, die der Psychologe Kazim Erdogan vor sechs Jahren in Berlin-Neukölln gegründet hat. Erdogan hat mit seiner Initiative große Bekanntheit erlangt, aber er baut noch an etwas Größerem. Ihm geht es nicht darum, nur den Kümmerer für die türkische Community zu spielen, er will sich für die ganze deutsche Gesellschaft engagieren. Erdogan tritt ein für Bildung, sein Neuköllner Projekt "Woche der Sprache und des Lesens" gibt es nun berlinweit, er kämpft mit seiner Gruppe gegen Spielsucht.

Erdogan ist ein Beispiel dafür, dass deutsche Migranten sich ihre Rolle nicht mehr aufdrängen lassen, sondern sie selbst bestimmen. Sie fühlen sich nicht ausreichend vertreten von den großen Organisationen, der Türkischen Gemeinde etwa, den religiösen Verbänden. Nach jedem sogenannten Ehrenmord gibt es die Erwartung, dass sich muslimische und/oder türkische Vertreter von der Tat distanzieren. Aber immer mehr Einwanderer wollen Stellung nehmen, nicht nur wenn man es von ihnen verlangt, nicht nur zu Themen, die für Migranten vermeintlich besonders wichtig sind. Es ist eine neue selbstbewusste Definition von zivilgesellschaftlichem Engagement - oft auf lokaler Ebene.

Kritik am Buschkowsky-Buch

Als in Neuss kürzlich eine Mitarbeiterin des Jobcenters erstochen wurde, verschickte Erdogan im Namen seines Vereins "Aufbruch Neukölln" eine Pressemitteilung, in der er die Tat verurteilte. Als ihn Journalisten fragten, ob er die Nachricht auch versandt hätte, wenn der Täter keinen Migrationshintergrund gehabt hätte, sagte Erdogan: Natürlich hätte er das, immer wenn Gewalt geschehe, wende er sich dagegen.

Das Buch des Neuköllner Bürgermeisters Heinz Buschkowsky "Neukölln ist überall" erregt in diesen Wochen die Gemüter - die einen finden, dass Buschkowsky Recht hat, dass die Wahrheit gesagt werden müsse über die großen Probleme, die unter vielen sozial schwachen Migranten herrschen, dass beschönigen nichts bringe. Die anderen - und darunter sind viele, die selbst einen Einwandererhintergrund haben - finden, dass Buschkowsky sich mit Thilo Sarrazin gemein mache, dass er mit platten Thesen Menschen und den Stadtteil diffamiere. Die Wissenschaftlerin Naika Foroutan schreibt im SPIEGEL, Buschkowskys Buch sei rassistisch, auch wenn der SPD-Mann das vielleicht gar nicht beabsichtigt habe.

Wie auch immer man seine Diagnose über Buschkowsky fällt - dass es Probleme unter armen Migranten gibt, ist unbestritten. Aber es gibt eine andere Seite, immer mehr Migranten wollen sich einmischen und Stellung beziehen: für die Demokratie in Deutschland. In den politischen Parteien sind einige Migranten längst nach ganz oben aufgestiegen. Das Wirken von Leuten wie Erdogan spielt sich von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt ab.

"Wir sind schon lange nicht mehr die Putzfrauen der Nation"

Die drei "Zeit"-Journalistinnen Alice Bota, Özlem Topçu und Khuê Pham haben in ihrem Buch "Die neuen Deutschen" eine neue Haltung beschrieben. "Unsere Eltern sind hier eingewandert, wir sind hier aufgewachsen - deshalb fühlen wir uns dem Land zugehöriger als sie. Wir fordern und erwarten mehr." Fordern und selbst etwas anbieten - darum geht es vielen deutschen Migranten. "Die kleinen Vereine haben jahrelang darauf gewartet, dass die religiösen und säkularen Dachverbände etwas auf die Beine stellen - passiert ist wenig. Deshalb machen sich jetzt die Menschen selbst auf den Weg", sagt Kazim Erdogan.

Viele von ihnen sind Frauen, wie die Frankfurter Headhunterin Sunay Capkan. Als im Frühjahr Salafisten in den Fußgängerzonen deutscher Großstädte Korane verteilten, wuchs bei Capkan und den anderen Frauen der "Frankfurter Initiative progressiver Frauen" (fraINfra), einem Netzwerk säkularer Migrantinnen, die Wut - auch über die große Aufmerksamkeit, die die Islamisten bekamen. Nachdem kurz darauf Christen Bibeln verteilten, starteten Capkan und ihre Mitstreiterinnen Zeliha Dikmen und Gönül Halat-Mec eine Gegenaktion - statt religiösen Büchern brachten sie das Grundgesetz unter die Leute. In Frankfurt, Köln und Berlin wurden sie innerhalb weniger Wochen insgesamt 4500 deutsche Verfassungen los. "Wir finden, das Grundgesetz ist das einzige Buch, das für uns alle gilt", sagt Capkan. Migranten würden oft auf ihre Religion reduziert, aber "uns verbindet nicht die Religion, sondern die Überzeugung, dass Religion ins Private gehört", sagt die 45 Jahre alte Mutter zweier Töchter. "Wir wollten mit der Grundgesetzaktion die gesamte Gesellschaft aufrütteln", sagt Halat-Mec.

Gegründet haben die Frankfurterinnen das Netzwerk vor drei Jahren. "Wir haben uns als Migrantinnen immer in eine Schiene geschoben gefühlt. Wir sind integriert, aber wir haben auch Sorgen und Ansprüche und wollten eine wahrnehmbare Stimme werden." Rund 170 Migrantinnen aus unterschiedlichen Ländern haben sich der Initiative angeschlossen, sie haben auch weitere Ziele: Karriere und Familie müssen besser vereinbar werden, das Bildungswesen müsse den gesellschaftlichen Anforderungen angepasst werden. "Wir kämpfen für alle Frauen in Deutschland", sagt Capkan.

Direkt dort vor Buschkowskys Amtssitz, dem Rathaus von Berlin-Neukölln, trafen sich im Juni Dutzende Frauen zu einer Kundgebung. Sie machten sich Sorgen um ihre Kinder, die steigende Gewalt im Viertel hatte sie zutiefst verstört. Mehrere Jugendliche waren in den Monaten zuvor getötet worden, an der Bushaltestelle, nach einem Fußballspiel. Organisiert hat die Demonstration der "Treff- und Informationsort türkischer Frauen" (Tio). Ihr Slogan lautete: "Wir wollen weder Opfer noch Täter sein." Die zunehmende Gewalt auf den Straßen Berlins lasse sie - Frauen mit und ohne Migrationshintergrund - nicht gleichgültig, hieß es in der Pressemitteilung zu der Kundgebung. Und: "Wir als Teil der deutschen Gesellschaft tragen für alles, was in unserer Stadt passiert, Mitverantwortung." Die Frauen forderten bessere Schulen, mehr Streetworker.

"Ich bin hier aufgewachsen, habe hier studiert. Ich habe den Anspruch, mich in gesellschaftliche Prozesse einzumischen und sie mitzugestalten", sagt Nesrin Tekin von Tio. Das sei nicht immer einfach. Sie erlebe auch, dass die Forderung, Migranten müssten sich einbringen, nicht wirklich ernst gemeint sei. Manchmal sei Engagement, wenn es auch mit Ansprüchen verbunden sei, gar nicht erwünscht. Viele Migrantinnen wollten aber ein Zeichen setzen: "Wir sind schon lange nicht mehr die Putzfrauen der Nation", sagt Tekin.