Erfolgreiche Integration Das Wunder von Kreuzberg

Sie kamen aus Ostanatolien, sprachen kein Deutsch - trotzdem haben die Kadems es geschafft. Die türkisch-deutsche Familie hat sich nach vier Jahrzehnten in Berlin etabliert, sie ist ein Beispiel für gelungene Integration. Was ist das Geheimnis ihres Erfolgs? Ein Drei-Generationen-Familienporträt.

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Berlin - Es war ein kalter, regnerischer Tag im Winter 1971, als Cennet Kadem den Grundstein für die Zukunft ihrer Kinder und Enkelkinder legte. Cennet, damals 23 Jahre alt, irrte durch Berlin-Neukölln und Kreuzberg. Sie lief viele Kilometer weit, sie sprach kaum ein Wort Deutsch.

Cennet war auf der Suche nach einem neuen Job. Einem Job, bei dem sie mehr verdienen würde, als die 250 Mark, die ihr in der Nähfabrik gezahlt wurden.

Durchgefroren, müde und ohne Erfolg kam sie nach Hause - und fällte einen Entschluss: Sie musste Deutsch lernen. Nie mehr wollte sie sich abhängig fühlen, nie mehr unwissend hinter ihrem Mann hertrotten.

An diesem Abend vor knapp 40 Jahren setzte sich die junge Türkin Cennet an den Tisch ihrer Einzimmerwohnung und hörte Radio. Sie schrieb die Wörter, die der Mann in dem Rundfunk-Sprachkurs für Gastarbeiter sagte, in ein kleines Heft, sorgfältig geordnet. Sie machte das von nun an jeden Abend.

Nach ein paar Wochen war das Heftchen fast ganz gefüllt, Cennet notierte auf ihren Arm die Worte: "Mutter krank, Kinder allein, Türkei gehen". Es sollte ihre Kündigung in der Nähfabrik sein. Am Morgen ging sie zu ihrer Chefin, schaute verstohlen unter den Ärmelstoff ihrer Bluse und las ab. Am nächsten Tag konnte sie ihre neue Stelle am Fließband bei Siemens antreten.

Als 13-Jährige an die Familie ihres Mannes verkauft

Seitdem, sagt Cennet - eine kleine Frau mit dunklen, kurzen Haaren und lachenden Augen - heute, "musste ich nie mehr meinen Mann um Hilfe fragen".

Die Diagnose, die Thilo Sarrazin zu schlecht integrierten Einwanderern in Deutschland getroffen hat, passt nicht zu den Kadems. Viele Migranten leben in Deutschland auch nach Jahrzehnten abgeschottet in ihren Milieus, beherrschen kaum die deutsche Sprache. Ihre Kinder schneiden in der Schule schlecht ab. Die Kadems aus der Türkei aber haben es in die Mitte der deutschen Gesellschaft geschafft. Mit Mut, Offenheit, mit Engagement, mit ihrem Hunger nach Bildung. Sie haben Deutsch gelernt, in einer Zeit, in der es noch keine Integrationskurse gab. Und sie sagen: "Wir haben nie schlechte Erfahrungen mit den Deutschen gemacht."

Der Weg der Kadems nach Deutschland hatte im Jahr 1969 begonnen: Ende August packte Hassan Kadem, Arbeiter bei einer Militärfabrik, in der ostanatolischen Stadt Malatya seine Koffer, fuhr mit der Bahn nach Istanbul, stieg dort in den Zug nach München, in München in den Flieger nach Berlin. Dort fand er Arbeit in einer Metallfabrik und eine Einzimmerwohnung - ein Jahr später kam seine Frau Cennet nach.

Die Kadems kamen aus einer anderen Welt in das Deutschland der siebziger Jahre. Als 13-Jährige war Cennet für 5000 türkische Lira von ihren Eltern an die Familie von Hassan verkauft worden. Jahrelang schlief sie im Bett ihrer Schwiegermutter. Als Hassan zur Armee ging, weinte sie Tränen der Dankbarkeit. Aber sie hatte trotz allem Glück mit ihrem Mann. Hassan ist ein ruhiger, besonnener Mensch, mitunter etwas in sich gekehrt, mit einem guten Herzen.

Das junge Paar bekam drei Kinder, Ibrahim, Hatice und Güley. Als sie nach Deutschland gingen, um dort vielleicht für ein paar Jahre Geld zu verdienen und dann zurückzukehren in die Heimat, blieben die Kleinen bei Verwandten. Eltern, die sich für Jahre von ihren Kindern trennen, Kinder, denen die eigenen Eltern fremd werden - Familie Kadem teilte dieses Schicksal mit Millionen anderer türkischer Gastarbeiter.

Großes Vertrauen in die Lehrer

In Deutschland arbeiteten Cennet und Hassan Kadem manchmal 18 Stunden am Tag, sie standen am Fließband, sie putzten, sie gärtnerten. Wenn Mittagspause war in der Fabrik und alle Arbeiter ihre mitgebrachten Stullen auspackten, setzte sich Cennet zu den deutschen Frauen. Sie fragte sie nach ihrem Leben. "Ich wollte teilhaben", sagt sie.

Die Kadems wollten in kurzer Zeit so viel Geld wie möglich verdienen. "Auch wenn ich hundert Jobs hätte haben müssen, meine Kinder sollten es besser haben als ich", sagt Cennet.

Für diesen Wunsch mussten sie manchmal schreckliche Lösungen finden. Bald war Cennet mit dem vierten Kind schwanger. Zur Frühschicht bei Siemens ging sie arbeiten, ihr Mann hatte sich für die Spätschicht einteilen lassen. Zwei Stunden bevor Cennet nach Hause kam, musste er los. Zwei Stunden, in denen das Baby alleine zu Hause bleiben musste. In denen niemand hörte, ob es schrie. "Wenn ich einen Bus verpasst habe, dann ist mir jedes Mal fast das Herz stehen geblieben", sagt Cennet.

Nach zwei Jahren Schufterei fuhr das junge Paar zurück nach Malatya, sie wollten ihre Kinder nach Deutschland holen und die Schwiegermutter. Zu siebt lebte die große Familie fortan in einem Zimmer in Kreuzberg, die Toilette war auf dem Hausflur. Bald fanden sie endlich eine größere Wohnung, drei Zimmer - allerdings im Keller, es war ständig feucht, es gab Ratten. Nach zwei Jahren starb die Schwiegermutter. Die Ärzte sagen, sie war nicht krank. "Sie starb an Sehnsucht", ist sich Cennet Kadem sicher.

Alle fünf Kinder haben studiert

Die Kinder wurden größer, kamen zur Schule. Mutter Cennet lief vor jeder Einschulung zum Schulleiter, um ihn davon zu überzeugen, dass ihr Kind bitte nicht in eine türkisch geprägte Klasse kommen soll, sondern in eine mit möglichst vielen deutschen Kindern.

Sie telefonierte häufig mit den Lehrern, ihr Deutsch war inzwischen fließend, sie wollte mitbekommen, wie es lief im Unterricht. Und sie hatte grenzenloses Vertrauen in die deutschen Pädagogen: "Wenn ein Lehrer gesagt hat, mein Kind habe sich nicht richtig verhalten, dann habe ich nie gesagt, er sei eben gegen Ausländer. Ich habe ihm immer geglaubt", sagt Cennet. Keinen Elternabend habe sie verpasst, noch heute hat sie Kontakt zu vielen Lehrern.

Die Wirkung von Mutter Cennets Engagement auf die Bildung ihrer fünf Kinder ist nicht zu übersehen - und sie überdauert die Generationen: Alle fünf haben studiert, die größeren der insgesamt acht Enkelkinder gehen auf das Gymnasium.

Seit mehreren Jahren sind Hassan und Cennet Frührentner. Heute leben sie in einem Haus mit Garten am Stadtrand von Berlin. Aus den Gastarbeitern aus Anatolien sind stolze Eigenheimer geworden.

Vielleicht war bei Hassan und Cennet Kadem auch Glück dabei. Glück, dass ihr Vertrauen in Deutschland nie enttäuscht wurde.

insgesamt 341 Beiträge
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Seite 1
chocochip, 13.09.2010
1. Das ist erfolgreiche Integration
Zitat von sysopSie kamen aus Ostanatolien, sprachen kein Deutsch - trotzdem haben die Kadems es geschafft: Die türkisch-deutsche Familie hat sich nach vier Jahrzehnten in Berlin etabliert, sie ist ein Beispiel für gelungene Integration. Was ist das Geheimnis ihres Erfolgs? Ein Drei-Generationen-Familienporträt. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,716334,00.html
"Seit mehreren Jahren sind Hassan und Cennet Frührentner. " Das ist erfolgreiche Integration in die Generation der heute 55 bis 70jährigen! Warum nur arbeiteten meine Eltern bis 65? Irgendwie scheinen wir uns nicht integriert zu haben, obwohl ich auch studierte.
Beduine, 13.09.2010
2. Spät kommt Ihr, doch Ihr kommt!
Da hat SPON anscheinend lange gesucht, das Thema Sarrazin ist doch schon längst wieder Schnee von vorgestern. Die aktuellen Säue, die derzeit durchs Dorf getrieben werden, lauten: Lady Gaga, Kachelmann (aber nur bis morgen), Klitschko und die S04-Krise. Bitte künftig etwas früher aufstehen...
Ichbinsleid, 13.09.2010
3. ....
Schönes Beispiel für gelungene Integration. Aber es hat ja auch nie jemand bestritten das es auch Beispiele für eine gelungene Integration gibt. Insofern frage ich mich, was der Artikel jetzt soll. Die von Sarrazin angestossene Diskussion dreht sich nicht um solche Einwanderer.
endbenutzer 13.09.2010
4. Beeindruckend!
Wie man sieht, kann Integration also doch funktionieren. Man muss es eben nur wollen als Einwanderer. Es wäre sicher angebracht, diesen Artikel auch mal in türkisch zu übersetzen und in diversen Wohngebieten zu verteilen.
wobbit 13.09.2010
5. Schön und gut!
Aber EIN Beispiel macht die Masse bei denen Integration eben nicht funktioniert nicht unexistent! Genauso wenig kann aufgrund eines Geige spielendes Kindes sagen, dass alle Kinder Wunderkinder sind!
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