Erfurts anderer 1. Mai "Robert, wieso hast du uns das angetan?"

In Erfurt war eine normale Maikundgebung unvorstellbar. Nicht die Angst um Arbeitsplätze oder Streiks waren das Thema, sondern das Schulmassaker vom 26. April. Deutlich mehr Menschen als in den Jahren zuvor gingen auf die Straße, um für eine selbstbewusstere Bürgergesellschaft zu demonstrieren.

Von Holger Kulick, Erfurt


Erfurts Trauermarsch am 1. Mai
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Erfurts Trauermarsch am 1. Mai

Erfurt - Als sich Erfurts 1.-Mai-Demo in Bewegung setzt, fallen neben den Gewerkschaftsfahnen nur zwei weiße Transparente auf, die über den Köpfen der 3000 Teilnehmer schweben. "Kein privater Waffenbesitz!" und "Realschulabschluss für alle Gymnasiasten".

Christiane und Claus haben selbst drei Töchter und wollen, dass denen nie Ähnliches passiert wie den Schülern und Lehrern des Erfurter Gutenberg-Gymnasiums. Zum ersten Mal nehmen beide an einer Mai-Kundgebung teil und haben kurzfristig ihr Transparent gegen den Waffenbesitz gebastelt.

Dass es so einfach sei, als Mitglied eines Schützenvereins in Deutschland an Waffen zu kommen, habe sie schockiert, sagt Christiane. Eine "Ächtung der Schützenvereine" wäre ihr am liebsten, "denn das ist kein Sport". Allenfalls Luftgewehrschießen oder Luftpistoleschießen könne sie als Disziplin noch nachvollziehen. Doch mit allen anderen Waffen sei "das Risiko viel zu groß, dass irgendwann wieder so ein durchgeknallter Typ solche Waffen missbraucht".

50 Meter vor ihnen läuft die achtfache Mutter Dorothea mit ihrer Nichte. Die beiden tragen das Plakat mit der Forderung, gescheiterten Gymnasiasten auch in Thüringen wenigstens einen Realschulabschluss auszuhändigen, wie es in anderen Bundesländern üblich ist. Den Erfurter Massenmörder Robert S., der als gescheiterter Abiturient möglicherweise aus Frust an seinen Lehrern Rache übte, weil er plötzlich ohne Abschluss dastand, hätte das vielleicht besänftigen können.

Dorothea ist enttäuscht, dass Thüringens Landespolitiker diesen Gesichtspunkt bislang kaum an sich herangelassen haben. Den Satz "Das Thema ist jetzt nicht dran" habe sie nun mehrfach in Minister-Interviews gehört. "Aber was muss denn dann alles noch passieren?", fragt sie sich. Was es für einen jungen Menschen bedeutet, ohne Abschluss dazustehen, weiß sie aus eigener Erfahrung: "In der DDR dufte ich auch nicht Abitur machen - weil ich nicht auf die Mai-Kundgebungen ging."

Denkanstöße statt Unterhaltung

Kundgebungsteilnehmer in Erfurt
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Kundgebungsteilnehmer in Erfurt

Auf Festivitäten ist an diesem 1. Mai überall in Thüringen verzichtet worden, auch auf hitzige Tarifdebatten. In Erfurt gab es stattdessen nur einen Schweigemarsch, mit kurzen Reden beim Start und am Ziel mit nur einem Thema: Lehren aus der Bluttat vom 26. April.

Dabei ergreift auch die Vorsitzende des Erfurter Ausländerbeirats, Irina Krause, das Wort und berichtet, wie sehr sie nachvollziehen kann, welche seelische Not junge Menschen ohne Schulabschluss plagen kann. 1997 sei auch ihre Tochter auf diese Weise an einem Erfurter Gymnasium gescheitert: "Das hat Spuren hinterlassen, die mein Kind heute noch zu tragen hat." Deshalb fordert sie, "das Schulgesetz zu ändern, auch wenn es meinem Kind und dem Amokläufer nichts mehr nützt, aber es hilft den Druck von anderen zu nehmen".

Die Angst, als Versager dazustehen

Ihre Tochter erzählt, dass sie vor allem daran gescheitert war, nur Lehrer zu haben, mit denen sie nicht klarkommen konnte. Sie berichtet vom demütigenden "Hohn und Spott", dem sie als Betroffene ausgesetzt war, aber das sei "ein Thema, worüber keiner redet". Viele Schüler mit ähnlichem Schicksal würden sich scheuen, sich zu outen, "weil wir in den Augen der anderen Versager sind".

Ähnlich äußert sich der örtliche Vertreter der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft. Viele Nöte einzelner Schüler seien weder überforderten Lehrern noch leistungsgestressten Mitschülern bewusst: "Leider ist auch ein Riesenstück Kommunikation zwischen Schule und Eltern weggebrochen."

Kurzsichtiges Bildungsministerium?

Unterdessen umkreisen mehrere Jugendliche die Versammlungsteilnehmer und sammeln Unterschriften für einen offen Brief. "Sehr geehrte Damen und Herren des Kultusministeriums", heißt es dort. Bemängelt wird eine erschreckende Praxisferne in den Beamtenstuben des Ministeriums. "Noch nie sind Schüler unserer Schule mit Ihnen in Kontakt gekommen, noch nie sahen wir Sie bei Schulbesuchen oder sogar Schülerkonferenzen." Die dringliche Aufhebung dieser Distanz wird gefordert, genauso wie ein Ende der Praxis Thüringens, "als einziges Bundesland seine Abiturienten bei Nichtbestehen des Abiturs ohne Abschluss in die Zukunft zu schicken".

Plakat am Gutenberg-Gymnasium
DDP

Plakat am Gutenberg-Gymnasium

"Vielleicht hätte solch ein Vorfall auch durch ausreichende Betreuung und Kommunikation in den Schulen verhindert werden können, nur leider kann da ein Schüler wenig erreichen, wenn es an Fachpersonal (Lehrer, Psychologen, Sozialarbeiter) in den Schulen mangelt", heißt es in dem Schreiben aus der Erfurter Walter-Gropius-Schule an das Kultusministerium. Aber leider ist kein Vertreter des Ministeriums anwesend. Nur Gewerkschaften, SPD, Grüne und PDS haben zu der Kundgebung aufgerufen, nicht aber die regierende CDU. "Als vollkommen unnötig" kritisierte Thüringens SPD-Vorsitzende Christoph Matschie diese politische Abstinenz, gerade wo heute "deutlich mehr Menschen hier teilgenommen haben, die vielleicht sogar noch nie auf einer Maikundgebung waren und einen gesellschaftlichen Konsens suchen".

"Sicherheit vor Verbands-Lobbyismus"

Jetzt müsse es doch darum gehen, gemeinsam über Versäumnisse nachzudenken und Denkanstöße zu sammeln. Etwa ob es sinnvoll sei, dass Eltern nicht mehr über Versäumnisse ihrer Kinder in der Schule benachrichtigt werden müssten, sobald diese 18 sind. Und ob nicht tatsächlich noch in dieser Legislaturperiode eine "Regelung des Waffenrechts möglich ist, die sehr viel restriktiver ist, als bisher", fordert Matschie. Oberstes Ziel müsse die Sicherheit aller bleiben, da dürfe auch der Lobbyismus der Schützenvereine und ihrer Parteigänger keine Chance mehr haben.

Auch eine Rednerin der Polizeigewerkschaft macht sich dafür stark. "Vollkommen unverständlich" sei, dass junge Menschen, die noch keine 21 Jahre alt sind, Waffen kaufen und Munition horten könnten. Illegaler Waffenbesitz müsse "endlich zum Straftatbestand werden", und eine bundesweite Waffendatei müsse entstehen. Bedrückt berichtet Monika Pape dabei, dass der in Erfurt ermordete Polizist einer ihrer engagiertesten Kollegen war - besonders für Jugendarbeit.

Am Ende riefen noch zwei Schülerinnen zu einem weiteren Trauermarsch am kommenden Dienstag auf, bei dem der Schulverwaltung konkrete Forderungen vorgehalten werden sollen. Dazu zählen für sie auch kleinere Klassen mit nicht mehr als 20 Schülern, berichten die 17-jährigen Cindy Dorfmann und Claudia Döring. Stattdessen würden aber Schulen geschlossen und Klassen zusammengelegt.

Die Antwort: Verantwortung?

Informationstafel in Erfurt
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Informationstafel in Erfurt

Anschließend zerstreuten sich die Menschen, und nicht wenige liefen zu den drei Stellen in Erfurt, wo nach wie vor Blumen für die Opfer niedergelegt werden: vor und im Erfurter Dom, vor der Rathaustür oder auf dem Gutenbergplatz vor dem Gymnasium. "Robert S. wieso hast Du uns das angetan - In tiefer Trauer, die ehemaligen Schüler", steht dort auf einem Transparent.

Und neben den vielen anderen Mitteilungen und Bildern mahnt ein Bittbrief eines Schülers oder einer Schülerin: "Immer bleibt die Frage warum? Doch es wird immer jemand geben, der nur noch diesen 'einzigen' Ausweg sieht. Ich weiß, es ist unvorstellbar, aber man wird es auch nicht verstehen können. Wir können solche Taten nicht stoppen, aber verringern."

Genau das ist Erfurts Ziel. Und vielleicht ist das auch der Grund dafür, dass parteiübergreifend Ralf-Uwe Beck, der örtliche Sprecher der Initiative für "Mehr Demokratie", als erster Redner bei dieser anderen Erfurter Maikundgebung sprach. Die Initiative hat in Thüringen schon 400.000 Unterschriften für mehr Bürgermitbestimmung gesammelt. Gerade jetzt sei es "ein Gebot der Zeit", dafür zu sorgen, dass Bürger, egal wie alt sie sind, "nicht nur wahrgenommen, sondern ernst genommen" würden, "um eine verantwortungsbewusste Bürgergesellschaft zu bauen", mahnte Beck.

Im Wort Verantwortung stecke "Antwort" schließlich drin.

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