Zum Tod von Erhard Eppler Seiner Zeit weit voraus

Erhard Eppler wollte die Ökologie zum großen SPD-Thema machen, die Nachrüstung verhindern, den Ost-West-Konflikt deeskalieren. Ein Kurs, der in der Schmidt-Ära keine Chance hatte. Geprägt hat er die Partei trotzdem.

Thomas Kienzle/AFP

Ein Nachruf von


Nur wenigen Politikern ist im fortgeschrittenen Alter das Glück beschieden, dass sich die eigene Partei auf sie zubewegt und ihnen das Schicksal erspart, in die Ecke der Unzeitgemäßen und Ewiggestrigen abgeschoben zu werden. Erhard Eppler hatte dieses Glück. Die SPD des Jahres 2019 ist wahrscheinlich die SPD, die sich Erhard Eppler so oder so ähnlich immer gewünscht hatte: eine eher linke, ökologisch und friedenspolitisch engagierte Partei.

Umso mehr litt er in seinen letzten Jahren unter der dramatischen Erfolglosigkeit der deutschen Sozialdemokratie, die von Wahl zu Wahl, von Umfrage zu Umfrage immer mehr an Zustimmung verliert. Bei seinem letzten SPIEGEL-Gespräch 2016 antwortete er auf die Frage, wie diese Misserfolge endlich gestoppt werden könnten, mit einer Empfehlung, die seine Parteifreunde allerdings wenig gefreut haben dürfte: "Um eine Wahl wirklich zu gewinnen", so Eppler, werde die SPD "auf eine ganz starke Spitzenfigur angewiesen sein", andernfalls werde sie "mit einer wohlwollenden Nichtachtung bestraft".

Eine "starke Spitzenfigur"? Jeder Genosse weiß heute nur zu gut, dass diese charismatische Person derzeit nirgends zu sehen ist, und schon gar nicht unter den Teilnehmern des aktuellen Kandidatenrennens um den nächsten Parteivorsitz. "Wohlwollende Nichtachtung"? Da kannte sich Eppler selbst sehr gut aus. Wann immer er in seiner aktiven Zeit zu wichtigen Wahlen antrat: Er hat sie verloren, zweimal gleich als Spitzenkandidat der SPD bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg, 1976 und 1980.

Intellektueller Außenseiter im Kampf um die Macht

Erhard Eppler war eben nie diese starke Spitzenfigur, und er war sich dessen auch bewusst. Vom Beginn seiner politischen Karriere an, von der Gründung der Gesamtdeutschen Volkspartei zusammen mit Gustav Heinemann, über den Eintritt in die SPD 1956 und den Einzug in den Deutschen Bundestag 1961, spielte Eppler immer die Rolle des intellektuellen Außenseiters im Kampf um die Macht.

Der 1926 geborene Sohn eines Gymnasialdirektors aus Schwäbisch Hall arbeitete ebenfalls zunächst als Lehrer. Seinen Aufstieg verdankte er nicht zuletzt der Förderung durch den späteren Bundeskanzler Willy Brandt. 1968, noch während der ersten Großen Koalition, übernahm Eppler das Amt des Bundesministers für wirtschaftliche Zusammenarbeit - ein Ministerium, das ganz auf sein politisches Profil zugeschnitten war. Ein massiver Ausbau der Entwicklungshilfe für die "Dritte Welt", wie es damals hieß, zählte nach Epplers Überzeugung zu den Kernelementen linker, emanzipatorischer Außenpolitik.

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Erhard Eppler: Vom Kanzlerkritiker zur Integrationsfigur

Die deutsche Sozialdemokratie war in den frühen siebziger Jahren durch eine parteiinterne Konkurrenz zwischen den Gefolgsleuten Brandts und Helmut Schmidts gezeichnet. Wenige Wochen nach Schmidts Regierungsantritt 1974 schied Eppler denn auch aus dem Bundeskabinett aus. Schon den Zeitgenossen war klar: Schmidt und Eppler konnten nicht miteinander. Und die beiden zelebrierten diesen Konflikt nun über mehr als ein Jahrzehnt als parteiinternen Richtungskampf. Eppler stand für all das, was Schmidt ablehnte.

Eppler wollte die Ökologie zum großen Thema der Sozialdemokratie machen, um die Grünen kleinzuhalten - Schmidt spottete nur über die "grünen Spinner". Eppler wollte die Nachrüstung verhindern und den Ost-West-Konflikt deeskalieren - Schmidt ließ die Raketen bauen und machte seine Partei erstmals zum Feindbild für eine ganze Generation junger Menschen.

Helmut Schmidt schmähte Eppler als "Gesinnungsethiker"

Eppler verlor wieder und wieder gegen Schmidt. Am Ende aber war zumindest ihm durchaus klar, dass sein Gegner nicht mit allem Unrecht gehabt hatte. Von Helmut Schmidt ist so viel Einsicht nicht überliefert. Stets schmähte Schmidt seinen Kontrahenten als naiven "Gesinnungsethiker", dem er, der "Verantwortungsethiker" im Sinne Max Webers, bei weitem überlegen sei.

Was Eppler mehr als viele andere Attacken verletzte, und zu Recht. Denn tatsächlich war diese Form der programmatischen Kontroverse für die Sozialdemokratie äußerst fruchtbar. Und natürlich hatte Eppler auf das richtige Thema gesetzt; die Umweltzerstörung diente eben schon in den achtziger Jahren als Hauptmotiv junger Menschen, die sich politisch engagieren wollten.

Eppler war ehrlich genug, um am Ende seines Lebens einzugestehen, dass auch er nicht wisse, ob ein dezidiert ökologischer Kurs der SPD das Aufkommen der Grünen am Ende gestoppt hätte. Aber einen Versuch wäre es allemal wert gewesen.

Dem zutiefst protestantischen Schwaben fehlte ohnehin jenes Gen der Besserwisserei, das machthungrige Politiker nun einmal auszeichnet. Eppler konzentrierte sich fortan aufs Schreiben kluger politischer Bücher und auf seine Arbeit im Präsidium des Deutschen Kirchentages. Eine seiner letzten Einmischungen in die aktuelle Politik kam ausgerechnet Gerhard Schröder zugute, also einem Sozialdemokraten, der zumindest in dessen Kanzler-Jahren ganz im Schmidt-Lager verankert war.

Eppler unterstützte den deutschen Einsatz im Kosovo-Krieg ebenso wie Schröders Agenda 2010 und bewies damit eine aus Sicht von Epplers Weggefährten ziemlich überraschende Wendigkeit. Den Führungskräften der Sozialdemokratie heute könnte das vielleicht ein Vorbild sein - ein Vorbild dafür, wie man seine Zeitgenossen mit Gesten politischer Beweglichkeit und Unabhängigkeit beeindrucken kann.



insgesamt 18 Beiträge
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Haarfoen 19.10.2019
1. Erhard Eppler ...
war für mich eines der Hauptmotive, über lange Zeit der SPD die Stange zu halten. In diesem Kontext sei auch an Egon Bahr erinnert. Männer mit scharfen Verstand, tragfähigem Konzept und großem Herz. Die dumpfen Zeiten des Stillstandes unter Kohl und Merkel haben Männern wie Erhard Eppler keine große Bühne beschert: Die Deutschen denken nicht mehr, sie klammern träge und ideenlos am materiellen Wohlstand und sind nicht befähigt, die anstehende ökologische Katastrophe adäquat zu beantworten. Dies gilt insbesondere für die SPD und das ist sowohl ärgerlich, wie auch sehr betrüblich. Lebe wohl, Erhard Eppler.
stefangr 19.10.2019
2. Verneigung vor einem großen Sozialdemokraten
Eppler fehlt heute mehr denn je. Vordenker hat die SPD nicht mehr, nur noch solche die ihr Fähnchen nach dem Zeitgeist hängen bzw. sich das letzte Stück Eigenständigkeit von einem Koalitionspartner abpressen lassen. Eppler hat meinen höchsten Respekt. Lieber Gesinnungsethiker als Machtmensch, gibt es in der Politik da noch welche? Ich sehe keinen. Mit Eppler ist ein Stück der Gesinnung und des Nachdenkens gegangen, das fehlen wird, sehr sogar. Ein Rufer in der Wüste, kehrt um und denkt daran, dass der Planet nur einmal zur Verfügung steht. 92 Jahre ist aber ein biblisches Alter, schön, dass er noch bis vor zwei Jahren sehen konnte, dass er recht behielt. Heute sind die Rechthaber und die Presseantreiber leider nur auf den kurzfristigen Erfolg geeicht, während Eppler noch Visionen hatte und Folgen in der fernen Zukunft abschätzen konnte. Weit und breit keinen zu sehen, nur austauschbare Lakaien. Kein Wunder, dass die einfach gestrickten Wähler, solche Parteien wählen, die ohne Visionen und auf das ewig gestrige fixiert sind. Wer nicht zu träumen wagt, wird auch die Zukunft nicht bestehen. Eppler wusste es, aber wissen es unsere Politiker/-innen auch?
kelcht 19.10.2019
3.
Mit der Unterstützung der Politik Schröders kam es das viele linke friedensbewegte Sozialdemokraten zur "Linkspartei" überliefen. Auch könnten sich neue eher smarte und etwas linke protestparteien wie die partei als protest etablieren. Wenn die SPD eher links ist ist das die Union zugegebenermaßen auch. Ein ganz großes Hauruck bei der SPD wird es nicht mehr geben. So schaue ich von der katholischen schwäbischen Scholle nach Württemberg und sage das leben des Herrn Eppler war interessant.
betzebub 19.10.2019
4. Mal ernsthaft
"Die SPD des Jahres 2019 ist wahrscheinlich die SPD, die sich Erhard Eppler so oder so ähnlich immer gewünscht hatte: eine eher linke, ökologisch und friedenspolitisch engagierte Partei." In welchem Universum ist die SPD 2019 eine linke, ökologisch und friedenspolitisch engagierte Partei? Aber der Autor sagt ja auch "eher"...ok, also im Vergleich zur AFD schon, aber jetzt nochmal ohne Witz: der Satz in einem Nachruf auf Eppler ist eine Frechheit!
Aberlour A ' Bunadh 19.10.2019
5. Ein großer Sozialdemokrat,
trotzdem war es Erhard Eppler, der entscheidenden Anteil daran hatte, dass Gerhard Schröder die Agenda 2010 auf dem damaligen Parteitag durchgekriegt hat. Denn die Zustimmung stand auf der Kippe. Erst als Erhard Eppler ans Mikro ging und Partei für Schröder ergriff (oder sich benutzen ließ?) kam die Zustimmung für die Agenda zustande. Ein Tag, von dem sich die SPD nie wieder erholen sollte. Das gehört zur ganzen Wahrheit. Wir sehen hier auch die Ambivalenz zwischen Ökologie und Arbeiterpartei, die immer virulent ist.
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