Erich Mende Der Liberale aus dem Schützengraben

Guido Westerwelle will noch nicht so recht gelingen, was Erich Mende, einer seiner Vorgänger als FDP-Chef, einst schaffte: Er führte die Liberalen in den sechziger Jahren wieder ins bürgerliche Regierungslager.
Von Franz Walter

Fast hätte man es schon vergessen. Aber über Jahrzehnte galt die FDP als die klassische Regierungspartei schlechthin. In der bundesdeutschen Periode vor Westerwelle waren die Freien Demokraten nur zweimal für wenige Jahre mit den unbequemen Oppositionsbänken des Bonner Parlaments in Berührung gekommen: 1956-1961 und 1966-1969. Der Mann, der die Liberalen im Herbst der Ära Adenauer wieder zurück in das bürgerliche Regierungslager führte, war Erich Mende. Doch für einen Wechsel über dieses Lager hinaus, der zum Ende der sechziger Jahre anstand, taugte er nicht. Am Ende schied der lange durchaus erfolgreiche Vorsitzende der Freien Demokraten verbittert von seiner Partei.

1960 hatte es Mende, der Fraktionschef der FDP im Bundestag, endlich geschafft: Seine Partei kürte ihn zum Vorsitzenden. Ein gutes Jahrzehnt hatte er zielbewusst und zäh auf dieses Ziel hingearbeitet. Ehrgeiz, Geduld und Zielstrebigkeit – diese Tugenden zeichneten den neuen Parteichef der Liberalen aus. Mende war gewiss keine schillernde, keine charismatische Gestalt. Aber einen veränderten Typus in der Geschichte der liberalen Spitzenfiguren verkörperte er doch. Die Garde der großen alten, klassischen Liberalen in der FDP, von Reinhold Maier bis Theodor Heuss, hatten noch tief im kommunalen und regionalen Liberalismus gewurzelt, in den Honoratiorenmilieus des gebildeten, demokratischen, humanistischen Bürgertums. Viele von ihnen besaßen, selbst als Abgeordnete im Bundestag oder Landtag, noch ein zweites Standbein in einem bürgerlichen Beruf. Das war ihnen wichtig, galt ihnen als Voraussetzung für Ehrbarkeit und Unabhängigkeit.

Mende hingegen war Berufs- und Bundespolitiker, gewissermaßen einer der ersten unter den Liberalen. Mit Mende rückte die Frontgeneration des Zweiten Weltkrieges – zu denen ebenfalls die sogenannten "Jungtürken" wie Willy Weyer und Wolfgang Döring zählten - nach vorn. Der prägende Erfahrungsort dieser Generation war nicht mehr das Honoratiorenmilieu, sondern der Schützengraben und das Offizierskasino. Den Kasino-Ton wurden die Mendes, Weyers und Dörings jedenfalls nie vollständig los. Ein schneidiger Habitus blieb ihnen ein Leben lang zu eigen.

Mende war stets stolz auf seine soldatische Vergangenheit, seine Tapferkeitsauszeichnungen. Bei offiziellen Festivitäten pflegte er demonstrativ sein Ritterkreuz zu tragen. Das kam in der deutschen Gesellschaft der späten fünfziger und frühen sechziger Jahre nicht schlecht an. Denn schließlich machte sich die Frontgeneration zum Ausgang der Adenauer-Ära überall im Land breit, bildete die Achse und den Mittelpunkt im Berufsleben der Republik. Und die FDP war die erste Partei im Land, die diesen Generationswandel in ihrer Führungsstruktur mit vollzog. Etliche Hunderttausende Bundesbürger mittleren Alters und mittlerer Schicht konnten sich so mit dem ersten Mann der FDP identifizieren. In den Stationen seiner Biografie – Schule, Wehrmacht, Front, Verwundung, Gefangenschaft, Heimkehr, Aufstiegsanstrengung, Karriere – sahen sie auch ihre eigene Lebensgeschichte gespiegelt.

Kurzum: Die FDP und ihr Vorsitzender waren ein Teil des Justemilieus der neuen bundesdeutschen Republik. Die meisten Anhänger der Liberalen hatten in ihren Berufen leitende Funktionen inne; sie bildeten in den Städten und Gemeinden, in denen sie wohnten, die führende Schicht, belegten gleichsam die Beletage der Lokalgesellschaft. Und deswegen passte die Rolle der Opposition im Bundestag seit 1965 nicht zur sozialen Lage und zum Selbstbild der Liberalen. Sie fühlten sich schließlich als neue Elite, die Entscheidungen traf, nicht als Randständige, die sich verweigerten. Die Liberalen schätzen es nicht, Opposition zu sein, wie man es seit jeher von den Sozialdemokraten - diesen notorischen Außenseitern und Verlierern - gewohnt war.

So dachten die Liberalen. Und so dachte Mende. Auch und gerade Mende fühlte sich unwohl als Oppositioneller. Sein ganzer Habitus war bürgerlich. Er liebte es, mit lateinischen Zitaten zu brillieren; er liebte den Lebensstil bürgerlicher Repräsentation und Feierlichkeiten. Habitus transferierte sich bei Mende unmittelbar in Politik. Die "bürgerliche Zugehörigkeit" der Liberalen übersetzte er in das strategische Paradigma von der "bürgerlichen Zusammenarbeit" der Freien Demokraten mit der CDU und CSU. Mit dieser Formel führte Mende die FDP wieder zurück in das Bündnis mit den Unionsparteien.

Aus Mende wurde ein uneinsichtiger Mann des rechten, nationalen Flügels.

Dabei empfahlen sich die Freien Demokraten mit Mende an der Spitze als behutsames Korrektiv im festen bürgerlichen Bündnis. An der prinzipiellen bürgerlichen Zugehörigkeit ließen sie folglich keinen Zweifel mehr zu. Aber sie warben jetzt mit der zusätzlichen Funktion, in einer Regierungsallianz mit den Unionsparteien die sozialpolitischen Übertreibungen und katholischen Dogmatismen des Koalitionspartners begrenzen und zurückdrängen zu wollen. Damit trafen sie exakt den Nerv und die Stimmungen der liberalen Klientel, dem gerade der Sozialkatholizismus nicht geheuer war, der aber doch die politische Einheit des Bürgertums Herzenssache war. Noch etwas missfiel dieser liberalen Klientel zu Beginn der sechziger Jahre an der Union: Konrad Adenauer. Er galt ihnen als unzeitgemäß, als Mann von gestern, als verstockt und unmodern. Deswegen erfand die Mende-FDP die Wahlkampfparole, in der sich ihre neue Strategie pointiert bündelte: "Mit der CDU ohne Adenauer".

Dieser Slogan wurde zum Erfolgsschlager. 12,8 Prozent der Stimmen erzielten die Freien Demokraten bei den Bundestagswahlen 1961. Mehr erreichten sie nie wieder in ihrer Geschichte.

Mende fehlten Phantasie, Kreativität, Courage, auch Härte und Konfliktbereitschaft

Doch der große Sieg war schnell verspielt. Und im Grunde begann damit der allmähliche Fall und Abstieg des Erich Mende. Denn die Freien Demokraten nahmen es zugunsten der eigenen Regierungsbeteiligung hin, dass Adenauer für weitere zwei Jahre in das Kanzleramt zog. Gerade die liberale Öffentlichkeit aber, gerade derjenige Teil der neumittelschichtigen Wähler, der 1961 erstmals für die FDP votiert hatte, war empört. Die Mende-FDP hatte ihr Wahlversprechen – "mit der CDU ohne Adenauer" – gebrochen, galt fortan als "Umfallerpartei". Von diesem Odium konnten sich die Freien Demokraten noch Jahrzehnte später nicht recht befreien. Und dieses Odium wurde nach 1961 zuallererst mit Erich Mende verbunden.

Mende fand nun die Fortune nicht mehr, die ihm in den fünfziger Jahren ganz selbstverständlich zugefallen war. Im Grunde waren die sechziger Jahre nicht das Jahrzehnt für den Major a.D. und Ritterkreuzträger. Die Gesellschaft liberalisierte sich wirklich; aber die neuen Formen kultureller und sozialer Liberalität waren Mende fremd. Er verstand sie nicht. Für die soziologischen Veränderungen in der Mitte besaß er überhaupt kein Sensorium. Auch die Wandlungen in den beiden Volksparteien – die Sozialdemokraten waren nicht mehr so rot wie ehedem, die Christdemokraten blieben nicht mehr so schwarz wie noch zuvor – ignorierte er. So ließ er seine Partei, wie sie bis dahin war, bereitete sie auf die anstehenden Veränderungen nicht vor. Dafür fehlten Mende Phantasie, Kreativität, Courage, auch Härte und Konfliktbereitschaft.

Infolgedessen landete die FDP Ende 1966 wieder dort, wo Mende sie doch einige Jahre zuvor erst herausgeholt hatte: in der Opposition. Mende traf das vollkommen unvorbereitet. Er hätte nun in eine neue Rolle schlüpfen müssen, in die Rolle des forschen Oppositionspolitikers. Doch dafür taugte er partout nicht. Mende konnte keine konfrontativen Reden halten, konnte nicht aggressiv die Regierenden von der Rednertribüne aus attackieren und jagen. Dafür war Mende selbst zu sehr Würdenträger, Honoratior, Repräsentant des bürgerlichen Staates. Alle Welt konnte beobachten, wie Mende getroffen war, wie er gleichsam taumelte, als ihm die Insignien staatlicher Macht – er hatte seit 1963 (und das keineswegs schlecht) als Gesamtdeutscher Minister amtiert – verloren gingen.

Die Freien Demokraten zeigen gewohnheitsmäßig nicht sehr viel Erbarmen mit Parteichefs, denen ganz offensichtlich das Glück abhanden kommt. So auch in diesem Fall. Alles, was die Liberalen anfangs an Mende noch geschätzt hatten, war ihnen nun regelrecht zuwider. Von Hamburg bis Stuttgart lästerten die Freien Demokraten jetzt höhnisch über die aalglatte, lavierende Art Mendes. Zuvor hatten sie eben dies als hohe Kunst politischer Vermittlung und Moderation gepriesen. Vor allem die selbstbewusst und laut agierenden Jungdemokraten wählten sich Mende als Zielscheibe ihrer ätzenden Kritik am Altliberalismus aus. Wenn Mende auf Parteitagen sprach, zischelten und spotteten die jungen Liberalen. Für sie war er ein nationalistisches Fossil, das weg musste. Mende kam schwer mit dieser Form der Kritik, der rebellischen, ja unbürgerlichen Pose zurecht. Mende verstand es nicht, auf den provokativen Gestus der Jungen mit Gelassenheit, subtilem Humor und der ihn bis dahin auszeichnenden Kompromissfähigkeit zu reagieren. Aus dem früheren Mittler Mende wurde nun innerparteilich ein verbohrter Dogmatiker, ein uneinsichtiger Mann des rechten, nationalen Flügels.

Anfang 1968 verzichtete Mende, als er erkannte, wie isoliert er nun in seiner Partei dastand, auf eine neuerliche Kandidatur für den Parteivorsitz. Er war gerade 52 Jahre alt. Lange war seine Karriere geradlinig verlaufen; nun war sie faktisch zu Ende. Mende war ungeheuer verbittert. Anfang der siebziger Jahre verließ er seine Partei in bösem Unfrieden und wechselte zur CDU, für die er dann bis 1980 als Abgeordneter im Bundestag saß. Somit war Mende nach Franz Blücher, der den Liberalen zwischen 1949 und 1954 vorstand, schon der zweite Vorsitzende der FDP, der sich im Streit von der Partei trennte, die er doch mehrere Jahre nicht ohne Erfolg geführt hatte. Lange hielt man solche Konversionen für eine Eigentümlichkeit des individualistischen Liberalismus – bis Oskar Lafontaine dann 2005 ebenfalls "den Mende" machte.

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