Erlebnispädagogik im Ausland Der Problemfall-Export

Holzhacken in Schweden, Plumpsklo ausheben in Sibirien, dazu pädagogische Einzelbetreuung: Fern der Heimat sollen jugendliche Straftäter resozialisiert werden. Doch die Abenteuerreisen für Verhaltensauffällige sind unter Forschern umstritten - und nicht alle entsprechen Recht und Gesetz.

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Wenn es mit der Erziehung in Deutschland nicht klappt, wird das Problem exportiert. Jedes Jahr schicken deutsche Jugendeinrichtungen Hunderte Teenager ins Ausland, wo sie nach erlebnispädagogischen Konzepten lernen sollen, ein Leben ohne Ausfälle zu führen. Meistens geht es in der Praxis darum, geregelte Tagesabläufe zu entwickeln, die Natur zu entdecken - und Holz zu hacken.

Jugendliche auf dem Segler "Undine": "Es muss schon mit Anstrengung zu tun haben"
undine-von-hamburg.de

Jugendliche auf dem Segler "Undine": "Es muss schon mit Anstrengung zu tun haben"

Der Fall eines 16-jährigen hessischen Gewalttäters, der für neun Monate in der sibirischen Tundra lebt und dort in eisiger Kälte sein eigenes Plumpsklo ausheben muss, brachte die Diskussion um Sinn und Unsinn der Erlebnispädagogik wieder auf. Der Junge soll in der reizarmen Umgebung seine Aggressivität in den Griff bekommen. Weil es kaum andere Ablenkung gibt, muss er sich in Sibirien mit der Unterstützung eines Betreuers hauptsächlich um die eigene Grundversorgung kümmern. Weglaufen ist zwecklos, außerhalb des 5000-Einwohner-Ortes gibt es nur Ödnis und Steppe.

Sein Fall ist möglicherweise besonders drastisch - aber nicht der einzige: Nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe (AGJ) liefen im Dezember 2006 noch 595 "intensivpädagogische Auslandsmaßnahmen", doch die Zahl ist nach Schätzungen von Experten inzwischen um etwa ein Drittel zurückgegangen.

Doch weder gibt es bisher verlässliche wissenschaftliche Studien über Erfolge des Problemkind-Exports, noch wird in allen Fällen transparent dokumentiert, was genau in der Ukraine, in Spanien oder Südafrika passiert. Denn eine Heimaufsicht wie in Deutschland, die schon mal unangemeldet zu Besuch kommt und den plangemäßen Ablauf erzieherischer Maßnahmen kontrolliert, gibt es im Ausland nicht. "Die deutsche Gesetzgebung endet an den deutschen Grenzen", sagt Professor Jörg Ziegenspeck, der an der Universität Lüneburg seit 25 Jahren zur Erlebnispädagogik forscht.

Mangelhafte Abstimmung mit deutschen Behörden

Mit seinen Mitarbeitern untersucht er derzeit knapp 60 Einrichtungen im Ausland, testet Jugendliche und Betreuer in Befragungen auf Erfolge und Schwächen der Auslandsstelle. Mit Videokameras werden Teenager losgeschickt, um Orte zu dokumentieren, an denen sie besonders gut lernen können. Anschließend werden die Antworten mit der Meinung der Betreuer abgeglichen. Die Ergebnisse der Studie sollen allerdings erst im Herbst 2008 veröffentlicht werden. Ziegenspeck berichtet von Problemen, die durch mangelhafte Kontrolle der Auslandsmaßnahmen entstehen.

"Wir sind dort auf Fälle von Schwarzarbeit gestoßen, Einrichtungen, die nicht offiziell gemeldet sind und sich auch nicht mit der Jugendbehörde abstimmen", sagt der Pädagogik-Professor. Auch wenn es sich dabei um Einzelfälle handelt: Einrichtungen, in denen straffällige Jugendliche ausgerechnet mit illegaler Arbeit resozialisiert werden sollen, gefährden den Ruf der personalaufwendigen Auslandsmaßnahmen. Oft mangele es zudem an kompetenter Vor- und Nachbereitung des Auslandsaufenthaltes: "Was die Jugendlichen brauchen, ist kontinuierliche, beziehungsstabile Betreuung." Ein Auslandsaufenthalt könne nur eine Station in einem "Kontinuum von Maßnahmen" der Resozialisierung sein.

Da zudem viele Pädagogen eher in der Universitätsbibliothek als in der Praxis zu Hause seien, fehle es oft auch an Kompetenz im Umgang mit den Teenagern. Schon 2003 hatte der damalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber gewettert: "Wir wollen keine Pädagogik unter Palmen."

"Man kann Leuten nicht in den Kopf gucken"

Beim Kölner Projekt "Husky" findet sie auch eher unter Tannen und Fichten statt. Dort werden verhaltensauffällige, schwer erziehbare und straffällige Jugendliche nach Schweden oder Polen geschickt. "Die Teenager erlernen in einem familienähnlichen Setting einen strukturierten Alltag mit Eins-zu-Eins-Betreuung", sagt Diplompädagoge Volker Harre, einer der beiden Leiter des Projekts. Es geht um einen Milieuwechsel, um das Unterbrechen von Routinen und um die Krise als Chance. Etwa 150 Euro pro Tag kostet die Indiviualbetreuung.

Eine gewisse Lernbereitschaft der Jugendlichen setzen die Pädagogen allerdings voraus, in einer vier- bis zwölfwöchigen Vorbereitungsphase leben die Teenager in einem Mehrfamilienhaus im niedersächsischen Obernkirchen. Die Betreuer versuchen so schon im Vorwege herauszufinden, ob ein Jugendlicher möglicherweise nur mit allen Mitteln dem Gefängnis entgehen möchte oder ob er sich wirklich ändern will. "Das ist immer ein schwieriges Unterfangen, man kann den Leuten nicht in den Kopf gucken", gibt Harre zu.

Holzhacken und Gartenarbeit gehören zum Alltag, per Fernunterricht wird Schulstoff gepaukt. "Es muss schon mit Anstrengung zu tun haben, reine Kuschelpädagogik ist für mich eine Witznummer", sagt Harre. Gleichzeitig betont er aber, dass man mit Zwangsmaßnahmen nichts lernen könne - der Teenager muss letztendlich selber erkennen, dass ihm eine Verhaltensänderung Vorteile bringt.

Für Ziegenspeck ist ein Projekt wie das Segelschiff "Undine" ein Beispiel für gelungene Erlebnispädagogik. "Es gibt dort einen abgegrenzten sozialen Raum und die Gemeinschaftsaufgabe, das Schiff von a nach b zu bringen." So sei das Lernen über die Sache definiert, nicht über pädagogisch-erzieherische Gespräche mit erhobenem Zeigefinger, die von Jugendlichen selten angenommen werden. Auch werde ein Schiff nicht als Gefängnis angesehen: "Eine Reling ist kein Stacheldraht."



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