Erosion in der Mitte Warum der Union die Wähler weglaufen

Von Franz Walter

2. Teil: Warum Merkel dem britischen Vorbild folgt


Allerdings darf man die Konzentration der Mitte-Menschen auf die own little world nicht einfach als Spießerei denunzieren. Darauf haben besonders die Studien des Heidelberger Instituts "Sinus Sociovision" hingewiesen: Bei Überforderungen ziehen sich unterschiedliche Gruppen in der Regel stets zunächst auf sich selbst zurück, um zumindest in Teilen des Alltags der massiv gewachsen gesellschaftlichen Komplexität zu entgehen, um so gewissermaßen eine Pause zu nehmen, in der sie Kraft neu auftanken können – die ihnen dann ermöglicht, die komplexen Herausforderungen in Beruf und Öffentlichkeit fortan besser bewältigen zu können.

Doch die erwartete Resonanz darauf blieb aus. Mindestens bis in den September hinein befand sich die deutsche Republik auf den Weg zu einer politikentfremdeten, vielleicht sogar explizit politikfeindlichen Bürgergesellschaft.

Wohl auch deshalb kann man zurzeit in der europäischen Christdemokratie eine markante Rückwendung zu der unlängst noch als überholt verspotteten Sozialstaatlichkeit erkennen. An die rauschhafte Party entgrenzter Märkte – wie sie die CDU 2003 in Leipzig auf ihrem Bundesparteitag gefeiert hatte – will derzeit kaum jemand in den "C"-Parteien noch erinnert werden.

Die konservativen oder christdemokratischen Mitte-Rechts-Parteien zwischen Stockholm und London haben stattdessen die soziale Empathie, die Sorgen der Arbeitnehmerschaft, die Bedeutung regelnder Staatlichkeit auch für Ökonomie und Gesellschaft wiederentdeckt. Mokante Bemerkungen über "Gutmenschen" und "Sozialkitsch" leistet sich dort niemand mehr; man möchte nun selbst von den Bürgern als guter Mensch in der Politik gelten.

Meinungsführend war dabei der Zirkel um den englischen Chef der Konservativen, David Cameron, der – mit dem Motto "freiheitlicher Paternalismus" - dezidiert für eine auch intervenierende Rolle des Staates in die Gesellschaft hinein und für eine ausgleichende Politik zugunsten der unteren Schichten eintrat. Auch die Merkel-Union ist dieser Richtung gefolgt.

Damit versucht die Christdemokratie ein Terrain zu erobern, das sie in Ländern wie Deutschland vor Jahrzehnten selbst erschlossen, dann aber in den achtziger und neunziger Jahren Zug um Zug freigegeben hatte. Mittlerweile haben sich allerdings andere politische Kräfte auf dem Gelände mit schützendem staatlichem Schirm breitgemacht.

Auch die SPD, die nach 1999 ebenfalls neue Ufer suchte und zusammen mit den Grünen in der Koalition den Finanzkapitalismus entfesselte wie noch keine Bundesregierung zuvor, ist in den vergangenen Monate zumindest rhetorisch wieder dorthin zurückgekehrt.

Schon deshalb also steht die Renaissance der CDU als große Sammelpartei eines neu vitalvisierten Rheinischen Kapitalismus gewiss nicht an. Paradox vor allem: Die Verunsicherten aus dem Lager der CDU stehen in vielen Fällen – nicht zuletzt in ihren hohen Erwartungen an das Schutzversprechen des Staats - den Sympathisanten der "Linken" mental näher als den wirtschaftsbürgerlichen Formationen der Christlichen Union, die derzeit zwar still sind, aber auf ihre neuerliche Stunde nur warten. Offen ausgebrochen ist der Flügelstreit in der Union noch nicht.

Doch das dürfte lediglich eine Frage der Zeit sein.



insgesamt 45 Beiträge
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Querspass 22.10.2008
1. Was denn nun?
Zitat von sysopÄrger über hektische Reformen, Angst um die Rente, Wut über Schulreformen - und dazu Politiker, die abgehoben agieren. Da reagieren CDU-Anhänger ebenso wie die der SPD: mit Verweigerung. Auch bei der Union hat die Erosion der Wählerschaft begonnen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,585270,00.html
Unter dem Artikel, folgendes: Forsa-Umfrage: Union profitiert von Finanzkrise
Balu2 22.10.2008
2. Erosion der Wählerschaft begonnen
Zitat von sysopÄrger über hektische Reformen, Angst um die Rente, Wut über Schulreformen - und dazu Politiker, die abgehoben agieren. Da reagieren CDU-Anhänger ebenso wie die der SPD: mit Verweigerung. Auch bei der Union hat die Erosion der Wählerschaft begonnen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,585270,00.html
Sollte trotz Pisa und einem schlechten Schulsystem die Bürger bzw. der deutsche Michel aufwachen? Ich kanns kaum Glauben. Also Bertelsmann und Hilde da ist noch viel zu Tun.
derweise 22.10.2008
3. Die Zeit der Union ist vorbei!
Die Freien Wähler sind für die Union eine ernste Gefahr: eine Partei, die solide kommunal verankert ist,mit Aufstiegstendenz, Stattdessen läufts in der Union hierarchisch von oben nach unten! Allein in Baden-Württemberg halten die FW 44 % der Gemeinderatssitze. Im Grunde kann Oettinger schon seinen Schreibtisch räumen. Merkel, insbesondere aber von der Leyen mit ihrer Familienpolitik, haben das konservative Milieu der CDU auf irreparable Weise zerrüttet. Man kann der Union nur raten, sich möglichst schnell den Veränderungen und Fehlern zu stellen!
heckerduesseldorf, 22.10.2008
4. Ob der
CDU die Wähler davonlaufen muß sich erst noch herausstellen dann wenn es darauf ankommt. Es wird sich erweisen ob es zutrifft oder ob es nicht vielmehr Wunschdenken mancher SPD-Parteiorgane ist. Apropos SPD, apropos Wähler. Wem laufen da denn die Wähler weg?..
Michael Giertz, 22.10.2008
5. CDU, SPD ... alles zum Sterben verdammt.
Zitat von sysopÄrger über hektische Reformen, Angst um die Rente, Wut über Schulreformen - und dazu Politiker, die abgehoben agieren. Da reagieren CDU-Anhänger ebenso wie die der SPD: mit Verweigerung. Auch bei der Union hat die Erosion der Wählerschaft begonnen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,585270,00.html
Einmal mehr muss ich anbringen, dass ich dafür streite, die Nichtwähler müssten gerecht berücksichtigt, d.h. nicht eine der gewählten Parteien als Stimmen zugeschlagen werden. Genaugenommen würden dann nämlich weder CDU noch SPD auf mehr als 20% Stimmanteil kommen. Die Realität ist die: Keine der beiden Parteien dürfte sich noch rühmen, "Volkspartei" zu sein. Klüngelpartei trifft es eher, denn statt das Volk zu vertreten, agieren CDU und SPD viel stärker nur noch als Vermittler zwischen Volk und Wirtschaft, ohne die Interessen ersterer auch nur im entferntesten zu berücksichtigen. Außer, es steht eine Wahl an, dann wird zumindest das Blaue vom Himmel versprochen. Rettung seh' ich nur, wenn unsere Volksvertreter aus ihrer eigenen Welt zurückkehren, und Politik betreiben, die vor allen Dingen das Interesse des von ihnen vertretenen Volkes berücksichtigen und nicht das der Interessenvertretungen oder Lobbyisten. Natürlich sollten auch die ihren Einfluss haben, aber im Zweifel sollte das VOLK einfach stärker einwirken als z.B. die Belange der Energiekonzerne. Achja, der Grund, warum viele von der CDU weglaufen ist weniger, weil sie sich nicht richtig vertreten fühlen, sondern vielmehr, weil mit solchen Figuren wie z.B. einem Herr Schäuble die Partei einen deutlich spürbaren Rechtsruck vollzogen haben und bei weitem nicht mehr die Mitte, sondern eben die eher rechts Gesinnten unterstützen.
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