Erosion in der Mitte Warum der Union die Wähler weglaufen

Ärger über hektische Reformen, Angst um die Rente, Wut über Schulreformen - und dazu Politiker, die abgehoben agieren. Da reagieren CDU-Anhänger ebenso wie die der SPD: mit Verweigerung. Auch bei der Union hat die Erosion der Wählerschaft begonnen.

Von Franz Walter


Es ist kaum beachtet worden. Aber bei den Wahlen in diesem Jahr - in Hamburg, Hessen und Bayern - hat die CDU/CSU am stärksten unter einer wachsenden Zahl an Nichtwählern leiden müssen.

CDU-Chefin Merkel: Kehrtwende zur einst verspotteten Sozialstaatlichkeit
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CDU-Chefin Merkel: Kehrtwende zur einst verspotteten Sozialstaatlichkeit

Über Jahre war die Wahlverweigerung von Bürgern eher ein Charakteristikum sozialdemokratischer Stammwähler aus den Arbeiterquartieren der Republik. Doch was die SPD plagte, holt jetzt auch die CDU ein: die Erosion ihrer Wählerschaft aus der Mitte des eigenen Milieus heraus. Diese Entwicklung zeichnete sich bereits bei den Bundestagswahlen 2005 ab, als die Union netto den Absprung von rund 640.000 ihrer Wähler des Jahres 2002 in die Wahlenthaltung zu verkraften hatte - die SPD hingegen nur etwa 370.000.

Noch weit gefährlicher für die Union ist, dass die politischen Differenzen zwischen ihren früheren Kernwählern und den neuen Abtrünnigen gegenwärtig größer sind als beim sozialdemokratischen Rivalen. Der in den achtziger Jahren berühmt gewordene Spagat, den die SPD angesichts großer sozialkultureller Unterschiede in ihrer Anhängerschaft leisten musste, wird mehr und mehr zur komplizierten Turnübung der CDU/CSU.

Die verunsicherten, von Fall zu Fall den Wahlen fernbleibenden Bürger mit prinzipieller Präferenz für die CDU fürchten weit mehr als bürgerliche Kernwähler jede gesellschaftliche Veränderung. Sie sind geplagt von Sorgen um ihre materielle Zukunft. Sie bangen um ihre Rente, fühlen sich von der politischen Klasse chronisch allein gelassen, haben erhebliche Zweifel an der Substanz der Demokratie in Deutschland – und genau das unterscheidet sie deutlich von Mandatsträgern und Funktionären der Christlichen Union.

Das gilt auch für die soziale und kulturelle Mitte, deren Loyalität zur Christlichen Union zunehmend labil wird. Die seit jeher besonders adaptionsbereite Mitte hat im schnellen ökonomischen und gesellschaftlichen Wandel der vergangenen Jahre nicht aufbegehrt. Sie hat die abverlangten Einstellungswechsel in großer Eigenverantwortung mitvollzogen. Aber sie sieht ihre Anstrengungen nicht hinreichend anerkannt.

Dass der hektische Innovationseifer bürgerlicher Regierungsreformer dann auch noch zu Lasten von Bildung und kultureller Sozialisation der eigenen Töchter und Söhne ging, brachte einen Teil dieser Mitte vollends gegen die CDU auf - denn für diese Klientel bilden die Familie und die Zukunft der Kinder das Zentrum aller Anstrengungen und Lebenspläne.

Die überstürzten Installationen des Projekts "G8" in christdemokratisch regierten Ländern haben die Union ausgerechnet auf einem Politikfeld in die Defensive manövriert, das sie seit Mitte der siebziger Jahre aus der Perspektive mittelschichtiger Eltern weit besser zu bestellen verstand als der sozialdemokratische Konkurrent. Diese Wahrnehmung hat sich, zunächst kaum merklich, schon im Laufe des Jahres 2007 folgenreich verändert und ist bei den Wahlen 2008 einige Male deutlich durchgeschlagen.

Dazu: Die Mitte fürchtet derzeit weitere Positionsverluste. Die Mitte glaubt – so die Ergebnisse neuerer Studien – im Unterschied noch zu den siebziger und achtziger Jahren nicht mehr an einen weiteren Aufstieg nach oben; sie möchte lediglich den eigenen Status wahren und innerhalb der Mitte eine reputierliche Position für sich und den Nachwuchs halten, hat aber ärgste Zweifel, ob ihr das noch gelingt. Die Mitte gehörte nicht zu den Protagonisten der "New Economy", auch nicht zu den Avantgardisten postmoderner Zeitgeistigkeit spaßgesellschaftlicher Jahre. 2001 war dennoch auch für die Mitte ein Jahr der Zäsur, des Schocks – und der Bestätigung geheimer Befürchtungen. Man hatte zuletzt beim Aktienboom mit dabei sein wollen, war dann heftig auf die Nase gefallen und sah – wie nun auch im Herbst 2008 im Angesicht der Finanzkrise - bekräftigt, wovon man bis dahin stets fest überzeugt war. Dass eben nur Anstrengung und Leistung soliden und legitimen Ertrag bringen können.

Die Mitte zog sich während der vergangenen Jahre daraufhin gesellschaftlich zurück, igelte sich im Nahbereich von Familie und engstem Umfeld ein, machte gewissermaßen gegenüber anderen Milieus die Schotten dicht. Und die Mitte war insbesondere zur Mitte des Jahrzehnts defensiv und pessimistisch gestimmt. Das Vertrauen in die Politik ging massiv zurück; das Misstrauen gegen Inszenierungstricks und opportunistische Scheinlösungen von Parteien und Regierungen stieg ebenso rasant an. Und es ist keineswegs sicher, ob die Milliarden-Pakete der Regierung diese Distanzen zurückdrängen können.



insgesamt 45 Beiträge
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Querspass 22.10.2008
1. Was denn nun?
Zitat von sysopÄrger über hektische Reformen, Angst um die Rente, Wut über Schulreformen - und dazu Politiker, die abgehoben agieren. Da reagieren CDU-Anhänger ebenso wie die der SPD: mit Verweigerung. Auch bei der Union hat die Erosion der Wählerschaft begonnen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,585270,00.html
Unter dem Artikel, folgendes: Forsa-Umfrage: Union profitiert von Finanzkrise
Balu2 22.10.2008
2. Erosion der Wählerschaft begonnen
Zitat von sysopÄrger über hektische Reformen, Angst um die Rente, Wut über Schulreformen - und dazu Politiker, die abgehoben agieren. Da reagieren CDU-Anhänger ebenso wie die der SPD: mit Verweigerung. Auch bei der Union hat die Erosion der Wählerschaft begonnen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,585270,00.html
Sollte trotz Pisa und einem schlechten Schulsystem die Bürger bzw. der deutsche Michel aufwachen? Ich kanns kaum Glauben. Also Bertelsmann und Hilde da ist noch viel zu Tun.
derweise 22.10.2008
3. Die Zeit der Union ist vorbei!
Die Freien Wähler sind für die Union eine ernste Gefahr: eine Partei, die solide kommunal verankert ist,mit Aufstiegstendenz, Stattdessen läufts in der Union hierarchisch von oben nach unten! Allein in Baden-Württemberg halten die FW 44 % der Gemeinderatssitze. Im Grunde kann Oettinger schon seinen Schreibtisch räumen. Merkel, insbesondere aber von der Leyen mit ihrer Familienpolitik, haben das konservative Milieu der CDU auf irreparable Weise zerrüttet. Man kann der Union nur raten, sich möglichst schnell den Veränderungen und Fehlern zu stellen!
heckerduesseldorf, 22.10.2008
4. Ob der
CDU die Wähler davonlaufen muß sich erst noch herausstellen dann wenn es darauf ankommt. Es wird sich erweisen ob es zutrifft oder ob es nicht vielmehr Wunschdenken mancher SPD-Parteiorgane ist. Apropos SPD, apropos Wähler. Wem laufen da denn die Wähler weg?..
Michael Giertz, 22.10.2008
5. CDU, SPD ... alles zum Sterben verdammt.
Zitat von sysopÄrger über hektische Reformen, Angst um die Rente, Wut über Schulreformen - und dazu Politiker, die abgehoben agieren. Da reagieren CDU-Anhänger ebenso wie die der SPD: mit Verweigerung. Auch bei der Union hat die Erosion der Wählerschaft begonnen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,585270,00.html
Einmal mehr muss ich anbringen, dass ich dafür streite, die Nichtwähler müssten gerecht berücksichtigt, d.h. nicht eine der gewählten Parteien als Stimmen zugeschlagen werden. Genaugenommen würden dann nämlich weder CDU noch SPD auf mehr als 20% Stimmanteil kommen. Die Realität ist die: Keine der beiden Parteien dürfte sich noch rühmen, "Volkspartei" zu sein. Klüngelpartei trifft es eher, denn statt das Volk zu vertreten, agieren CDU und SPD viel stärker nur noch als Vermittler zwischen Volk und Wirtschaft, ohne die Interessen ersterer auch nur im entferntesten zu berücksichtigen. Außer, es steht eine Wahl an, dann wird zumindest das Blaue vom Himmel versprochen. Rettung seh' ich nur, wenn unsere Volksvertreter aus ihrer eigenen Welt zurückkehren, und Politik betreiben, die vor allen Dingen das Interesse des von ihnen vertretenen Volkes berücksichtigen und nicht das der Interessenvertretungen oder Lobbyisten. Natürlich sollten auch die ihren Einfluss haben, aber im Zweifel sollte das VOLK einfach stärker einwirken als z.B. die Belange der Energiekonzerne. Achja, der Grund, warum viele von der CDU weglaufen ist weniger, weil sie sich nicht richtig vertreten fühlen, sondern vielmehr, weil mit solchen Figuren wie z.B. einem Herr Schäuble die Partei einen deutlich spürbaren Rechtsruck vollzogen haben und bei weitem nicht mehr die Mitte, sondern eben die eher rechts Gesinnten unterstützen.
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