Ersatz für Tietmeyer Finanzexperte Issing soll Reformkommission leiten

Der eine Ex-Bundesbanker scheiterte an der SPD - jetzt übernimmt ein anderer: Wirtschaftswissenschaftler Otmar Issing soll die Expertenkommission der Regierung leiten, in der eine Reform der internationalen Finanzmärkte entwerfen wird. Er gilt als Vater der europäischen Geldpolitik.

Berlin - Hans Tietmeyer kommt nicht mehr in Frage, nun soll der ehemalige Chefvolkswirt der Bundesbank, Otmar Issing, Leiter der Expertenkommission der Bundesregierung zur Reform der internationalen Finanzmärkte werden.

Außerdem wurde Issing in ein vergleichbares Beratergremium bei EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso berufen. Das verlautete aus Regierungskreisen.

Zunächst hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) den früheren Bundesbank-Präsidenten Hans Tietmeyer vorgeschlagen. Dieser zog seine Zusage aber nach Protesten zurück. Merkel hatte Tietmeyer in einer Regierungserklärung zur Finanzmarktkrise am vergangenen Mittwoch im Bundestag vorgeschlagen und umgehend Widerstand auch beim Koalitionspartner SPD ausgelöst.

Tietmeyer wurde vor allem seine Tätigkeit beim angeschlagenen Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate (HRE) vorgehalten. Trotz der Proteste gegen Tietmeyer wollte die Kanzlerin an der Expertenkommission festhalten und bis Anfang dieser Woche die Besetzung des Gremiums bekanntgeben.

Der Gruppe sollten zwei weitere Vertreter mit internationaler Erfahrung im Bankenbereich angehören. Zudem werde der Frankfurter Professor für Kreditwirtschaft, Jan Pieter Krahnen, teilnehmen. Hinzu kämen Finanzstaatssekretär Jörg Asmussen und Merkels Wirtschaftsberater Jens Weidmann.

Der Wirtschaftsprofessor Issing war zuletzt Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank (EZB). Zurzeit arbeitet Issing als Honorarprofessor und leitet als Präsident das Center for Financial Studies (CFS) an der Frankfurter Goethe-Universität. Seit Januar 2007 ist er auch als Berater bei dem US-amerikanischen Finanzinstitut Goldman Sachs tätig.

Der 72-Jährige gilt als ausgewiesener Geldtheoretiker und erwarb sich rasch den Ruf eines geldpolitischen Hardliners, weil er sich vehement für einen strikten Anti-Inflationskurs stark machte. Der Autor etlicher wirtschaftswissenschaftlicher Standardwerke lässt sich allerdings lieber als "ökonomischer Realist" bezeichnen.

Zunächst stand Issing dem Euro kritisch gegenüber, wurde aber später zum "heimlichen Herrscher" ("Süddeutsche Zeitung") der Europäischen Zentralbank und erwarb sich ein neues Etikett, das des "Architekten der europäischen Geldpolitik". Als besondere Leistung wird ihm somit auch der problemlose Start des Euro zugerechnet.

ffr/dpa/AP/ddp

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