Erster NRW-Integrationsbericht Eingebürgerte sind erfolgreicher als gebürtige Deutsche

Das Klischee vom chancenlosen Migranten in Deutschland bekommt Kratzer. Nordrhein-Westfalens erster Integrationsbericht belegt, dass eingebürgerte Ausländer sogar häufiger Abitur machen als Jugendliche aus alten deutschen Familien - und auch sonst auffällig gut abschneiden.

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Berlin - In den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik hießen sie Gastarbeiter - weil die meisten von ihnen nur zum Malochen gekommen waren. Als klar wurde, dass nicht alle wieder gehen würden, wurden diese im Sprachgebrauch zu Ausländern oder ausländischen Mitbürgern. Oder später zu Einwanderern oder Migranten.

Deutsch-türkische Schülerin: Viele Eingebürgerte machen Abitur
DPA

Deutsch-türkische Schülerin: Viele Eingebürgerte machen Abitur

Doch nicht alle diese Menschen sind gleich - weshalb der nordrhein-westfälische Integrationsminister Armin Laschet (CDU) für seinen ersten Integrationsbericht jetzt nicht einfach nur Ausländer und Deutsche vergleichen ließ. Sondern zum Beispiel auch eingebürgerte Ausländer. Oder Deutsche ohne jede Zuwanderungsgeschichte.

Das bemerkenswerte Ergebnis: Laschets Bericht, der an diesem Mittwoch vorgelegt wird, erlaubt erstmals Aufschlüsse darüber, was aus den rund 550.000 eingebürgerten Ausländern in Nordrhein-Westfalen geworden ist - und welche Erfolgsgeschichten diese oft schreiben.

Bisher gingen sie in der Statistik als Deutsche auf. Nicht so in Laschets Report: Um ihren Integrationsweg so gut wie möglich herauszufiltern, werden darin 13 größere Bevölkerungsgruppen separat betrachtet - zum Beispiel türkischstämmige Deutsche oder die Türken als größte Einwanderergruppe.

Der so ermöglichte Vergleich widerlegt nun das Vorurteil, dass jugendliche Migranten besonders schlechte Schulabschlüsse, Probleme bei der Ausbildung und keine Chancen am Arbeitsmarkt haben. Dies gilt nämlich nicht für jene Zuwanderer, die inzwischen einen deutschen Pass haben. Diese schaffen in der Regel sogar höhere Schulabschlüsse als gebürtige Deutsche. Die konkreten Erfolge der Neudeutschen:

  • Im Jahr 2006 hatten mehr als 30 Prozent der Eingebürgerten die Hochschulreife erlangt. Unter den nicht zugewanderten Deutschen brachten es rund 27 Prozent zum Abitur oder zu einem vergleichbaren Abschluss.
  • Auch auf dem Arbeitsmarkt zogen Ex-Ausländer mit den Alteingesessenen gleich. Mehr Eingebürgerte (10,7 Prozent) als gebürtige Deutsche (10,1 Prozent ) waren als Selbständige beschäftigt.
  • Die Erwerbsquote von Eingebürgerten lag bei 71,3 Prozent, nur rund zwei Prozentpunkte unter der gebürtiger Deutscher. Bei den Männern herrscht sogar Gleichstand.

Zuwanderer, die nicht eingebürgert wurden, schneiden dagegen in allen Bereichen schlechter ab als die Alt- und Neudeutschen. Nur knapp 15 Prozent von ihnen haben die Hochschulreife. 22 Prozent sind als arbeitslos registriert und knapp 15 Prozent brechen die Schule ab - beide Werte sind fast dreimal so hoch wie bei Deutschen.

"Das neue Bild über den Stand der Integration ist realistischer", sagt Laschet über seinen Bericht. Die bisherige Einteilung in Deutsche und Ausländer habe viele positive Geschichten überdeckt. Der deutsche Pass könne beim Erfolg eine Rolle spielen: "Hochqualifizierten kann es zwar egal sein, welchen Pass sie vorweisen, aber Zuwanderern mit mittleren Qualifikationen kann die deutsche Staatsbürgerschaft zum Beispiel die Jobsuche erleichtern", sagt Laschet.

Damit mehr Menschen davon profitieren, will das Bundesland im kommenden Monat mit einer Einbürgerungskampagne beginnen. Laschets zentrale Botschaft: "Wer sich einbürgert, wird mehr an der Gesellschaft beteiligt."

Der Bericht enthält auch eine Botschaft an den Bund: Das neue Zuwanderungsrecht von 2007 habe es nicht geschafft, Deutschland für Ingenieure und andere Hochqualifizierte aus der Restwelt attraktiver zu machen. Seit der Reform können Ausländerbehörden interessierten Nachwuchskräften eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis erteilen, wenn sie ein Jahresgehalt in Deutschland von mindestens 85.500 Euro nachweisen können. Früher war der Betrag noch höher angesetzt. Inzwischen hat die Bundesregierung weitere Schritte in Aussicht gestellt, um mehr ausländische Fachkräfte nach Deutschland zu locken.

Fest steht: Die aktuellen Möglichkeiten, in Deutschland Fuß zu fassen, fanden dem neuen Bericht zufolge im vergangenen Jahr offenbar nur 24 von ihnen attraktiv. Die Zahl der Selbständigen, die mit Eigenkapital und Ideen nach Deutschland kommen, lag bei 82. Attraktivität sieht anders aus.



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b00ze 20.08.2008
1. Rückschluss
Das beweist doch nur, dass die, die sich nicht einbürgern lassen wollen, nicht zu dumm sein können, sondern sich einfach nur bewusst gegen uns und unsere Gesellschaft bzw. ihre Werte stellen. Wer will, kann also. Daran sollten sich die ganzen uneingebürgerten ein Beispiel nehmen.
madamef 20.08.2008
2. erfolgreiche Migranten
Die Wirtschaft jammert über fehlende Facharbeiter! Migranten sind ja so erfolgreich! Der Bürgermeister von Neukölln hat Letzteres wohl nicht mitbekommen, als er über einen über 50% Anteil von Hartz4 Familien unter den Migranten sprach. Den Lesern soll mit diesem Artikel wohl signalisiert werden, dass 1. alles gut läuft mit der Migration 2. Einwanderer die Sozialkassen nicht belasten.
Hermes8 20.08.2008
3. Vergleichbarkeit
Was den Mut zur Selbständigkeit angeht - keine Frage: Da können sich die 'Alteingesessenen' an den 'Neu-Deutschen' sicherlich ein Beispiel nehmen. Und auch die Zahlen über die Erwerbsquote sind erfreulich, auch wenn wir insgesamt noch höhere Erwerbsquoten anpeilen sollten, um das in der Bevölkerung vorhandene Potential besser zu nutzen. Schwieriger wird es bei der Aussage über Schulabschlüsse. Denn die Zugewanderten sind im Schnitt deutlich jünger als der in Deutschland geborene Teil der Bevölkerung. Da sich nun im Laufe der Zeit die Anteile der erworbenen Schulabschlüsse deutlich zu Gunsten des Abiturs verschoben haben, ist es wenig verwunderlich, dass eine im Schnitt jüngere Bevölkerungsgruppe eine deutlich höhere Abiturientenquote aufweist als eine ältere Gruppe. Und auch wenn keine Zahlen vorliegen, gehe ich davon aus, dass das Durchschnittsalter der betrachteten Gruppe eingebürgerter Zuwanderer mindestens 15 Jahre unter dem Durchschnittsalter der betrachteten 'Ur-Deutschen' liegt. Nichtsdestoweniger: Schritte in die richtige Richtung sind festzustellen, wenn die langjährige Praxis einer 'Zuwanderung in die Sozialsysteme' ein Ende findet. Deutschland ist derzeit vergleichsweise schlecht aufgestellt, was das Bildungs- und Qualifikationsniveau seiner Bevölkerung angeht und wird daher in den kommenden Jahren und Jahrzehnten Einschnitte beim Lebensstandard hinnehmen müssen. 'Einheimischen' wie auch Zuwanderern muss deutlich gemacht werden, dass hier erhöhtes Engagement erforderlich ist - wobei auch die entsprechenden Anreize geschaffen werden müssen, indem z.B. sichergestellt wird, dass bei gleicher Qualifikation die Herkunft die Berufsaussichten nicht maßgeblich beeinflusst. Gleichzeitig sollte angesichts kaum erzogener oder der deutschen Sprache nicht mächtiger Grundschulkinder über verpflichtenden Besuch von Erziehungs- bzw. Bildungseinrichtungen (nicht Verwahranstalten!) im Kindergartenalter nachgedacht werden. Fazit: Der Bericht macht einige erfreuliche Aussagen, meist sogar zu Recht. Es bleibt aber noch viel zu tun, bei der alteingesessenen Bevölkerung wie auch bei den Zuwanderern.
straff&locker 20.08.2008
4. ...
Eingebürgerte Ausländer müssen besser sein als die "Deutschen" hier. Ob sie bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben, wenn sie sich gegen deutsche Bewerber durchsetzen müssen, wage ich zu bezweifeln.
chrome_koran 20.08.2008
5. Die folgenden Fehler traten bei der Verarbeitung auf:
Mir persönlich sind aus meiner nahen Umgebung zahlreiche Fälle bekannt, in denen die Integration einwandfrei funktioniert hat. Es handelt sich dabei um Einwanderer aus Polen, Finnland, Schweden, Ex-UdSSR - nahezu ohne Ausnahme sprechen (und schreiben) sie perfektes Deutsch, sind beruflich zwar nicht im Top-Management, aber auch nicht im Prekariat (ordentliche, gesunde Middle Class eben), wohnen in normalen, nicht ghettoisierten Stadteilen, hängen nicht krampfhaft an ihren Herkunftsländern und fallen als "Ausländer" so gut wie gar nicht auf. Das Einzige, worüber sich z.B. meine schwedischen Freunde beschweren: "Wenn Du nach Schweden kommst und Dich rudimentär verständigen kannst, wirst Du gefragt: 'Wo hast Du so gut Schwedisch gelernt?'. Wenn Du in D perfektes Deutsch sprichst, aber auch nur durch den Hauch eines fremden Akzents auffällst, wirst Du sofort gefragt: 'Wo kommse denn her?'". Wo sie Recht haben, haben Sie Recht...
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