Eskalation auf Dorffest Ausländer in Mügeln fürchten neuen Gewaltexzess

Ein gezielter Angriff von Neonazis? Im sächsischen Mügeln soll ein wütender Mob acht Inder über den Marktplatz gehetzt haben. Augenzeugen berichten von rechtsextremen Parolen, der Bürgermeister versichert, es gebe keine Rechtsradikalen - und die Ausländer im Ort fürchten neue Übergriffe.

Von und Sven Heitkamp, Mügeln


Mügeln – Hochbetrieb auf dem Marktplatz in Mügeln. Handwerker räumen die Reste des Altstadtfestes weg, auf dem es in der Nacht zum Sonntag zur Massenschlägerei kam. Und Journalisten interviewen reihenweise Bürgermeister Gotthard Deuse (FDP), 59, der seit 1990 im Amt ist. "Suchet der Stadt Bestes" steht ins Portal seines 1882 aus roten Steinen erbauten Rathauses gemeißelt. Deuse hält sich daran.

Hier soll ein rasender Mob - mehrere Dutzend Menschen - am frühen Sonntagmorgen acht Inder über den Marktplatz des Ortes gehetzt haben. Zeugen berichten, dabei seien Neonazi-Parolen geschrien worden: "Ausländer raus" und "Hier regiert der nationale Widerstand". Die Inder retteten sich in eine nahe gelegene Pizzeria eines Bekannten.

Solche Krawalle gebe es auch in Leipzig und Dresden, sagt der Bürgermeister, "nun hat es Mügeln getroffen". Das tue ihm alles sehr leid. Doch ein negatives Image habe das Städtchen nicht verdient. "Bisher gab es hier keine Dinge, die mit rechts zu tun haben." Was sich genau in jener Nacht zugetragen hat, könne er nicht sagen, er sei kurz zuvor heimgegangen. "Wir müssen die Ermittlungen der Sonderkommission der Polizei abwarten."

Eine 36-Jährige, die in der Pizzeria Picobello arbeitet, war mittendrin, als es zur Schlägerei kam. Sie schildert SPIEGEL ONLINE den Ablauf: Im Festzelt spielte gegen Mitternacht die Kapelle Limit. Die Frau tanzte mit ein paar Indern, die dienstags und donnerstags auf dem Markt Textilien verkaufen. "Im Zelt hat der Streit angefangen", sagt sie. Vielleicht wurde mal gerempelt, vielleicht habe es auch manchem nicht gepasst, dass eine Deutsche mit Ausländern tanzt, vermutet sie. Dann habe es eine Warnung gegeben: "Wenn ihr in fünf Minuten nicht verschwunden seid, gibt's Stunk."

Die 36-Jährige und einige Inder verließen daraufhin die Tanzfläche - doch vor dem Festzelt begann die Schlägerei. "Die haben gewartet", sagt die Frau. Die Inder flüchteten sich schließlich ins Picobello. "Wir haben Schutz gesucht", sagt Herr Singh, der die Pizzeria betreibt. Er selbst habe das Zelt schnell verlassen, als er merkte, dass es Krach geben könnte. Singh sagt: Die zumeist jungen Angreifer haben "Ausländer raus" gebrüllt. Das sagt auch die 36-Jährige. Sie sei angepöbelt worden: "Wie kannst du bei Ausländern arbeiten?"

70 Polizisten drängen die wütende Meute ab

Die beiden Männer, die den Streit angefangen hätten, seien bekannt, sie kämen aus Mügeln, sagt die Frau. Sie seien sogar Stammkunden im Picobello gewesen. Doch viele andere, die an der Schlägerei beteiligt waren, seien von auswärts gekommen.

Klar ist: Johlend versammelte sich die wütende Meute vor dem Lokal, drohte mit dem Sturm des Restaurants, Scheiben gingen zu Bruch, Eingangs- und Hintertür wurden eingetreten, das Auto des Pizzeria-Besitzers stark beschädigt. Zahlreiche Schaulustige beobachteten das brutale Treiben. Das Großaufgebot von rund 70 Polizisten wurde mit Steinen, Flaschen und Gläsern beworfen, konnte die Menge schließlich abdrängen. Vorläufige Bilanz der blutigen Nacht: Alle acht Inder, Händler aus der Gegend, wurden verletzt. Sie sind inzwischen ebenso aus dem Krankenhaus entlassen wie vier verletzte Angreifer und zwei Beamte.

Herr Singh kocht seit fünf Jahren in Mügeln. Er verkauft Pizza, Döner und indische Gerichte. Angriffe habe er noch nie erlebt, sagt er. Jetzt habe er Angst, dass so etwas wieder passiert.

Die Jugendlichen im Jugendclub "Free Time Inn" wurden schon öfter in Schlägereien verwickelt, sagt Vizechef Alexander Striegler. Vor rund zwei Wochen hätten sie von einer E-Mail erfahren, die in einem rechten Netzwerk kursierte. Darin sei von einem geplanten Angriff auf das Jugendhaus die Rede gewesen. "Wir haben wegen der Warnung extra zugemacht, obwohl sonst das ganze Wochenende geöffnet ist", sagt der 25-Jährige. "Es war abzusehen, dass was passieren soll." Auch die Polizei wurde informiert. "Die Rechten haben sich wohl ein anderes Opfer gesucht." Ende der neunziger Jahre hatten die jungen Leute den Club von der rechtsextremen Szene übernommen. Seither steht "Neonazis stoppen" an der Eingangstür.



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