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02. Februar 2004, 10:22 Uhr

Etikettenschwindel

Der doppelte Schill

Von Angelika Hensolt und Lars Langenau

Die einstigen Parteifreunde des ehemaligen Hamburger Innensenators Ronald Barnabas Schill haben ein possierliches Problem. Sie wollen auch nach der Wahl wieder in der Hamburger Bürgerschaft sitzen. Ohne Schill natürlich. Aber mit seinem Namen. Die Geschichte einer politischen Identitätskrise.

Belustigt über den Namensstreit: Ex-Senator Schill
DPA

Belustigt über den Namensstreit: Ex-Senator Schill

Hamburg - Mit beiden Händen stützt er sich auf den weißen Bistrotisch im Stehcafé des Supermarkts "Extra". Seine Schultern sind nach vorne gezogen, fast so, als wolle er sich kleiner machen als er ist. Ab und zu wiegt er ernst den Kopf. Ronald Barnabas Schills erster Wahlkampfauftritt als Spitzenkandidat der Pro DM/Schill begann kürzlich ungewöhnlich still und unauffällig. Eine Fernsehkamera, weniger als ein Dutzend Journalisten und nur wenige Fans.

Dabei wollte sich der Rechtspopulist im Hamburger Problemstadtteil Wilhelmsburg unters Volk mischen. Aber das Volk ignoriert ihn, und das, obwohl er bei der letzten Wahl mit seiner alten Partei Rechtsstaatliche Offensive hier noch 34,9 Prozent erreichte. Diesmal stehen gerade mal zehn Schaulustige um ihn herum. Drei Senioren im "Extra"-Stehcafé nicken eifrig, wenn Schill Sachen sagt wie: "Das Parlament ist eine Farce" oder "das wird doch alles in Küchenkabinetten entschieden". "Herr Schill, Wilhelmsburg braucht sie", sagt einer. Und man sieht Schill an: dieser Mann braucht solche Worte.

Da kommen ihm die Ex-Kollegen von der Partei Rechtsstaatliche Offensive gerade recht. Sie haben einen Info-Stand auf dem Wochenmarkt in Wilhelmsburg. Das gefällt Ronald Schill, das kann man sehen. Und weil von den Passanten sowieso kaum einer mit ihm reden will, redet Schill eben mit den Mitgliedern der Ex-Schill-Partei, die alle ein bisschen verlegen auf ihren ehemaligen Parteichef gucken. Nette Leute seien das, "die machen eine gute Figur", aber in Umfragen liege seine Ex-Partei nur im Promillebereich, deshalb sollten sie besser zu Hause bleiben, empfiehlt er. Für sich will Schill bei einem Spaziergang auf dem benachbarten Wochenmarkt eine "neunzigprozentige Zustimmung" erkannt haben. Drunter macht's einer wie er auch nicht.

"Im Zwiespalt mit dem Herrn"

"Im Zwiespalt mit dem Herrn": Schill (l.) und Ole von Beust
DDP

"Im Zwiespalt mit dem Herrn": Schill (l.) und Ole von Beust

Eine ältere Dame drängt sich an Schill, hält ihn an der Jacke und spricht leise auf ihn ein. Die Journalisten spitzen die Ohren. "Ich habe immer klare Worte gesprochen", sagt Schill zu der Frau. Besonders kraftvoll klingt das nicht. Die Dame ist da um einiges energischer: "Vor zwei Jahren hab ich ihn gewählt. Aber jetzt bin ich im Zwiespalt mit dem Herrn", erklärt sie spitz den Reportern. "Seine Äußerungen über Herrn von Beust haben mir nicht gefallen. Wahrscheinlich werde ich jetzt Herrn von Beust wählen."

Und Schill? Kein Kommentar, der Kandidat bahnt sich weiter seinen Weg durch die Stände, vorbei an Fischbrötchen, Obst und Brot, sagt "Moin" in alle Richtungen und wird kaum aufgehalten auf seinem Weg.

Dann ordert er eine Bratwurst und gesellt sich zu drei Renterinnen. Elegant dippt er die Wurst in den Senf, und will von ihnen wissen, wie es denn so ist in Wilhelmsburg. "Wir leben gut hier", sind sich die Damen einig. Gut leben, da ist sich Schill aber sicher, kann man in Wilhelmsburg aber erst seit zwei Jahren, denn "die SPD hat diesen Stadtteil immer vernachlässigt".

"Ist das besser geworden hier?"

"Ist das besser geworden hier? Mit den Dealern und den Kriminellen? Sicherer in den zwei Jahren?" Eigentlich kennt Schill die Antwort selbst. Die Damen tun ihm den Gefallen und nicken, "irgendwie schon ein bisschen" sagt eine. Ronald Schill sticht fröhlich Löcher in die Luft mit der Wurst: "Jaja. Und jetzt immer den Daumen drauf, sonst kommt der alte Schlendrian wieder."

Dann ist die Wurst aufgegessen, es regnet, Schill ist nass. Durchweicht sind auch die Hamburger Bürger, die nur noch im Vorbeigehen auf den Kandidaten schielen. Schill will mit seinen Getreuen in eine Gaststätte gehen. Dann spricht ihn doch noch jemand an: "Unter welcher Partei läuft das denn jetzt", fragt einer. "Dahinten gibt es noch mal eine Schill-Partei", sagt Schill, aber "ich bin das Original".

Erbitterter Kampf um den "Markennamen"

In Umfragen zwischen ein und zwei Prozent: Bausenator Mettbach (r., mit Beust)
DDP

In Umfragen zwischen ein und zwei Prozent: Bausenator Mettbach (r., mit Beust)

Das sieht seine ehemalige Truppe, die "Partei Rechtsstaatliche Offensive", ein wenig anders: Obwohl sie ihren Parteigründer nach wiederholten Angriffen auf den Bürgermeister hochkant aus Fraktion und Partei warf, will sie nicht auf seinen Familiennamen verzichten.

Denn der sei schließlich ein "Markenname", heißt es in der Bürgerschaftsfraktion seiner früheren Parteifreunde. "Schill ist eine Marke, unter der Tausende Mitglieder seit Jahren gearbeitet haben", versucht Spitzenkandidat Dirk Nockemann das Verhalten seiner Gruppe zu erklären. Die Wähler, die unsere Politik unterstützen, kennen "uns nur als Schill-Partei". Und schließlich nehme ein Firmengründer, der sein Unternehmen verlasse, ja auch nicht seinen Namen mit. Trotz allem Streit: Beim Deutschen Patent- und Markenamt in München hat ihn bislang noch niemand als Parteinamen schützen lassen.

Hinter dieser Renitenz stehen Umfragen, die den weithin unbekannten Menschen um Nockemann und dem Zweiten Bürgermeister Mario Mettbach zwischen einem und höchstens zwei Prozent der Stimmen zutrauen. Jedem Wähler müsse klar sein, dass jede Stimme für Schill für das bürgerliche Lager eine verlorene Stimme sei, mahnt Nockemann. Schließlich wolle mit Schill nach all seinen Eskapaden und Outings wirklich niemand mehr zusammenarbeiten.

Erhebliche Verwechslungsgefahr

Besteht auf den "Markennamen": Innensenator Nockemann
DDP

Besteht auf den "Markennamen": Innensenator Nockemann

Auch der Landesvorsitzende Norbert Frühauf der Partei Rechtsstaatliche Offensive sieht ein "erhebliches Verwechslungsproblem" der Parteien, die beide für Sicherheit und Ordnung werben und deren Programme ununterscheidbar sind. Dabei würde er "liebend gern" auf den Namen "Schill" verzichten, sagt er.

Obwohl "das alles Irrsinn" sei, bezeichnet er sich als machtlos, denn nur der Beschluss eines Bundesparteitages könne den Namen ändern. Und der ist erst am 6. März - nach der Wahl. Für das größtes Problem hält Frühauf, dass Schill abermals mit dem Slogan "Mit Sicherheit Schill" wirbt, den die Partei schon vor zwei Jahren benutze und der zu sensationellen 19,4 Prozent führte. Drollig, dass Schill höchstpersönlich eine Namensänderung von "Schill" in "Offensive 21" im November noch verhindert hatte.

Nach Ansicht von Schills neuem Parteifreund und Geldgeber Bolko Hoffmann, will sich die "Partei Rechtsstaatliche Offensive" mit dem Namenszusatz lediglich Wählerstimmen "ergaunern". Noch vor ein paar Tagen erschien unter der Internetadresse Schill-Partei die Rechtsstaatliche Offensive, plötzlich gelangt man direkt zu Pro DM/Schill. Nach den Worten von Frühauf hat Schills neuer Partner, der Millionär Bolko Hoffmann, kurzerhand die Domain gekauft.

Das wirkt alles wie Sandkastenspiele, die unter Erwachsenen eigentlich nur in der Faschingszeit praktiziert werden, hier aber mit tierischem Ernst ausgefochten werden. Noch vor einer Woche äußert sich Schill belustigt und glaubte, dass seine ehemaligen Anhänger ihn wegen der seines "renommierten politischen Namens" "lobpreisen" müssten. Doch nun kündigt er "geeignete Maßnahmen" an: "Eine Partei unter meinem Namen Schill, der ich nicht mehr angehöre, wäre eine bewusste, klare und eklatante Wählertäuschung."

Am Freitag vergangener Woche entschied nun der Wahlausschuss über die Zulassung von 14 Parteien und Wählervereinigungen und vier Einzelkandidaten. Ronald Schill wird mit seiner neuen Partei Pro DM/Schill erst auf Platz zehn des Wahlzettels stehen, die Truppe aber, die ihn rausgeworfen hatte, bereits an dritter Stelle. Zum Verzicht des Kürzels "Schill" entschloss sich die Partei Rechtsstaatliche Offensive erst in letzter Minute.

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