Kandidaten für die EU-Kommissionsspitze Auf der Suche nach Mister X

Die konservativen EU-Parlamentarier wollen Jean-Claude Juncker als neuen Kommissionschef, die Staats- und Regierungsschefs sich alles offen halten. Welche Alternativen für den wichtigsten Posten in Brüssel gibt es? Der Überblick.
Wer wird Chef der EU-Kommission? Pressekonferenz in Brüssel

Wer wird Chef der EU-Kommission? Pressekonferenz in Brüssel

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Berlin/Brüssel - Die Lage ist unübersichtlich. Die Europäische Volkspartei (EVP) ist stärkste Kraft im Europaparlament, ihr Spitzenkandidat Jean-Claude Juncker wäre eigentlich der geeignete Kandidat für den Posten des EU-Kommissionsvorsitzenden. Die Fraktionschefs im Parlament haben die Staats- und Regierungschef gebeten, ihm ein "klares Mandat" zu erteilen.

Doch die lassen sich Zeit. In ihrem Auftrag soll zunächst der Vorsitzende des Europäischen Rats, Hermann Van Rompuy, mit dem Parlament und den 28 Mitgliedstaaten über einen Personalvorschlag reden. Das kann dauern - vier Wochen sind eingeplant, der nächste EU-Gipfel findet Ende Juni statt. Die Entscheidung könne nur im Rahmen eines größeren Personalpaketes und mit klaren politischen Zielen für die neue Kommission getroffen werden, verteidigte Kanzlerin Angela Merkel diesen Zeitablauf. Ein klares Bekenntnis vermied sie, erklärte aber, sie jedenfalls habe Juncker als Spitzenkandidaten unterstützt. Doch unter den 28 Staats- und Regierungschefs werde es noch Diskussionen geben. "Wir müssen dafür sorgen, dass wir im Rat gut miteinander arbeiten können", so die Kanzlerin. Sie hat wohl im Hinterkopf, dass Briten, Schweden und Ungarn als Gegner Junckers gelten.

Wenn es nicht der frühere Ministerpräsident Luxemburgs werden sollte, wer dann? Gleich mehrere Personalien wären denkbar. SPIEGEL ONLINE zeigt Vorzüge und Nachteile möglicher Ersatzkandidaten.

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Christine Lagarde: Nach dem Ausgang der Wahlen in Frankreich mit dem Sieg der rechtsextremen "Front National" könnte es ein starkes Signal sein, mit der derzeitigen Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde, ausgerechnet eine Französin an die Spitze der EU-Kommission zu bringen. Sie wäre die erste Frau in diesem Amt und dank ihrer Erfahrung nicht nur eine starke Kommissionschefin, sondern auch geeignet, die deutsch-französische Achse in der EU zu stärken. Sie kennt Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) gut. Ihr Nachteil: Lagarde - die auch als EU-Ratspräsidentin in Frage kommt - ist Mitglied der konservativen UMP und wäre wohl allein schon deshalb keine Kandidatin des sozialistischen Präsidenten François Hollande.

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Donald Tusk: Der polnische Ministerpräsident galt bei der EVP auch schon mal als geeigneter Spitzenkandidat und Alternative zu Juncker. Tusk  ist pragmatisch, pflegt zudem enge Beziehungen zu Kanzlerin Merkel. Seine Wahl wäre ein politisches Zeichen an die östlichen Mitgliedsländer, die sich zuletzt während der Ukraine-Krise vom Rest der EU mitunter im Stich gelassen fühlten. Sein Problem: In Polen ist er als Integrationsfigur für seine Partei, die konservativ-liberale Bürgerplattform, unerlässlich.

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Enda Kenny: Der irische Premierminister hat sein Land bislang gut durch die Euro- und Finanzkrise geführt, die die Banken seines Landes besonders hart traf. Kenny, 63 Jahre alt, pflegt gute Kontakte zu Merkel, aber auch zum britischen Premier David Cameron. Kenny könnte ein Konsenskandidat sein, wegen seiner Erfahrungen in der Eurokrise auch für die südlichen Länder des Euroraumes.

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Jyrki Katainen: Der Finne hat angekündigt, im Juni als Ministerpräsident zurückzutreten. Sein Ziel sei es, Kommissar zu werden oder besondere Aufgaben außerhalb der Kommission wahrzunehmen, hat er erklärt. Katainen, der der konservativen Nationalen Sammlungspartei angehört, ist in der EVP gut vernetzt und pflegt seit Längerem den Kontakt zu Merkel und dem noch bis Oktober amtierenden EU-Kommissionspräsidenten José Manuel Barroso.

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Valdis Dombrovskis: Der Lette wollte selbst Spitzenkandidat der EVP werden, zog dann aber seine Kandidatur zurück. Seine Fähigkeiten sind - obwohl er 2013 als Ministerpräsident wegen eines eingestürzten Supermarkts mit mehreren Toten zurücktreten musste - erwiesen: Als Finanz- und späterer Ministerpräsident führte er sein Land in den Euroraum. Dombrovskis, der in Mainz studiert hat, kennt die EU-Interna - er war auch schon Mitglied im Europaparlament.

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Guy Verhofstadt: Der Spitzenkandidat der europäischen Liberalen hätte theoretisch das Zeug, die EU-Kommission zu führen. Durchsetzungsfähig und ein Mehrheitsbeschaffer ist er. Schließlich war er neun Jahre lang Ministerpräsident in Belgien, einem Land, das wegen der Konflikte zwischen Wallonen und Flamen schwierig zu regieren ist. Doch die Mitgliedschaft bei den Liberalen dürfte sein größtes Handicap sein.

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Enrico Letta: Schon in Italien war seine Durchsetzungsfähigkeit schwach, er musste seinen Platz als Regierungschef für den jetzt bei den Europawahlen erfolgreichen Matteo Renzi räumen. Sein Nachteil: Letta ist Mitglied der linksliberalen Partito Democratico, was ihm kaum Chancen bei den Briten und der EVP lässt. Nicht einmal aus Gründen des nationalen Proporzes käme er infrage, denn die Italiener stellen mit Mario Draghi den Chef der Europäischen Zentralbank (EZB).

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Helle Thorning-Schmidt: Auch Dänemarks Ministerpräsidentin wird gelegentlich als mögliche Kandidatin für die EU-Kommissionsspitze genannt. Doch gilt ihre Kandidatur als ähnlich aussichtslos wie die von Letta: Die 47-Jährige ist Sozialdemokratin. Es wäre widersinnig, wenn die Staats- und Regierungschefs sie dem Europaparlament vorschlagen. Denn mit dem Deutschen Martin Schulz als Ex-Spitzenkandidat der europäischen Sozialdemokraten steht ja bereits ein Kandidat dieses Lagers zur Verfügung.

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