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03. August 2009, 21:30 Uhr

EU-Studie

Von der Leyen wehrt sich gegen Baby-Statistik

Elterngeld hin oder her, Deutschland muss als einziger EU-Staat einen Geburtenrückgang hinnehmen: Zu diesem Ergebnis kommt eine Vergleichsstudie aus Brüssel. Das Familienministerium weist die Untersuchung zurück - und bescheinigt den Statistikern Ahnungslosigkeit.

Berlin - Neue Zahlen zur Geburtenrate in der EU lassen Deutschland miserabel dastehen: Laut einer Studie des europäischen Statistikamts Eurostat kommen in keinem anderen Mitgliedstaat so wenig Kinder zur Welt wie in Deutschland.

Die alarmierende Bilanz der am Montag veröffentlichten Untersuchung: Pro 1000 Einwohner wurden im vergangenen Jahr rechnerisch nur 8,2 Kinder geboren - 2007 betrug die Quote noch 8,3.

Doch das Familienministerium in Berlin stellt eine andere Rechnung auf - und weist die Erhebung zurück. Die Eurostat-Zahlen für Deutschland seien "entweder falsch oder veraltet", sagte Ministeriumssprecher Jens Flosdorff am Montag SPIEGEL ONLINE.

Zwar werde das Statistische Bundesamt erst im September eine offizielle Geburtenrate für das Jahr 2008 veröffentlichen. "Ziemlich sicher" sei jedoch, dass im vergangenen Jahr 682.524 Kinder geboren wurden - die Brüsseler Studie geht lediglich von 675.000 Neugeborenen für 2008 aus.

Auch den aus Brüssel bescheinigten Negativtrend wies die Behörde von Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) zurück. Den deutschen Statistikern zufolge seien 2008 rund 2300 Kinder weniger als im Vorjahr geboren worden. Der Unterschied zu 2007 liege "lediglich im Promillebereich" und sei damit "statistisch nicht mehr aussagefähig", sagte Flosdorff.

Im Gegensatz zur Studie aus Brüssel sehe das Statistische Bundesamt die Zahl der Geburten pro 1000 Einwohner konstant bei 8,3. "Wir können sagen: Die Zahl der Geburten ist stabil geblieben."

Glaubt man allerdings den Brüsseler Experten, ist Deutschland im europäischen Baby-Vergleich nach wie vor das Schlusslicht - und hat in der aktuellen Erhebung als einziges EU-Land einen Geburtenrückgang zu verzeichnen. Weil Deutschland laut Eurostat nicht nur die geringste Geburtenrate, sondern auch die höchste Sterbeziffer hat, schrumpft die Bevölkerung hierzulande weiter:

Über die wahre Geburtenentwicklung in Deutschland hatte es bereits im Februar Verwirrung gegeben: Zunächst hatte das Statistische Bundesamt die Gesamtzahl der neugeborenen Kinder für 2008 auf bis zu 690.000 geschätzt - und die Zahl später nach unten korrigiert. Momentan geht das Bundesamt von 682.534 Neugeborenen aus, auf diese Angabe stützt sich mittlerweile auch das Familienministerium.

Von der Leyen hatte den vermeintlichen "Geburtenanstieg" zunächst öffentlich als Erfolg gefeiert und musste sich anschließend von der Opposition den Vorwurf von "Schönfärberei" gefallen lassen.

Die CDU-Ministerin will mit dem Elterngeld Familien motivieren, mehr Kindern zu bekommen. Seit Anfang 2007 können Eltern, die mindestens zwei Monate lang bei ihrem Kind bleiben, bis zu 1800 Euro monatlich beziehen.

amz

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