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Alexander Neubacher

EU verbannt Mentholzigaretten Die schwarze Pädagogik der Menschheitsverbesserer

Alexander Neubacher
Eine Kolumne von Alexander Neubacher
Vom mündigen Menschen zum Trottelbürger: Warum das Verbot der Mentholzigarette auch Nichtraucher angeht.
aus DER SPIEGEL 21/2020
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Malte Christians/ picture alliance / dpa

Ab nächsten Mittwoch ist die Mentholzigarette verboten; sie verschwindet aus den Staaten der Europäischen Union. Proteste sind nicht zu erwarten, Helmut Schmidt ist tot, wer raucht heute noch Reyno Menthol? Für die Politik und weite Teile der Öffentlichkeit rangieren Raucher irgendwo zwischen Waffenhändlern und Menschen, die Katzenbabys töten.

Es ist Jahre her, dass ich eine Zigarette inhaliert habe. Doch ich glaube, dass das Mentholverbot auch für Nichtraucher von Bedeutung ist, denn es handelt sich um einen gefährlichen Regulierungsansatz. Die Gesundheitspolitiker der EU überschreiten eine Grenze im Verhältnis von Staat und Bürger. Sie geben sich nicht damit zufrieden, den Nichtraucher vor dem Raucher zu schützen. Sie zielen auf den Schutz des Rauchers vor sich selbst.

Menthol steht im Verdacht, die Strenge des Zigarettenrauchs zu mildern. Die EU spricht vom "charakteristischen Aroma", das den Tabakgeschmack überlagert. Das passt Brüssel nicht, denn wer sich eine Zigarette ansteckt, den soll es zur Strafe im Hals kratzen. Vor allem Jugendliche. Wer rauchen will, muss husten. So funktioniert die schwarze Pädagogik im Namen der Menschheitsverbesserung, die sich als Jugendschutz tarnt, aber in Wahrheit auf alle Raucher zielt.

Nun soll nicht behauptet werden, Rauchen wäre vernünftig. Die schädlichen Folgen sind wissenschaftlich so gut belegt, dass mittlerweile sogar Tabakhersteller von den herkömmlichen Zigaretten abraten. Rauchen tötet, also bitte fangen Sie, liebe Leserinnen und Leser, besser erst gar nicht damit an. Ich finde aber, dass es zur Freiheit erwachsener Menschen gehört, Warnungen in den Wind zu schlagen.

Freiheit bedeutet, sich an der Vervollkommnung der Welt nicht beteiligen zu müssen.

Solange kein anderer zu Schaden kommt, hat jeder das Recht, seine Gesundheit zu ruinieren. Versuchter Mord ist strafbar, versuchter Selbstmord nicht. Freiheit bedeutet, sich an der Vervollkommnung der Welt nicht beteiligen zu müssen.

Kritiker mögen nun einwenden, dass es die Solidargemeinschaft der Krankenkassen Geld kostet, wenn Raucher Lungenkrebs bekommen. Dazu zwei Anmerkungen: Erstens schrecken die Kassen selbst vor solchen Schuldzuweisungen zurück, denn dann wären auch die Übergewichtigen, Bewegungsmuffel, Risikosportler dran. Zweitens: Gerade weil Rauchen die Lebenserwartung statistisch signifikant verkürzt, sind Raucher für den Sozialstaat per saldo kein schlechtes Geschäft, vor allem bei der Rente. Das unterscheidet das Mentholverbot übrigens von der Gurtpflicht im Auto oder den temporären Kontaktbeschränkungen in der Coronakrise: In diesen Fällen ist der Nutzen für die Solidargemeinschaft belegt oder zumindest plausibel.

Mit dem Mentholverbot stellt die EU die Grundidee von 250 Jahren Aufklärung infrage. Sie pfeift auf das Leitbild vom mündigen Menschen; sie macht ihn zum Trottelbürger, der staatlicher Anleitung bedarf, weil er nicht weiß, was gut für ihn ist.

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