Absturz über Mecklenburg Die "Eurofighter" und der tödliche Übungsflug

Deutschlands Jagdflieger im Fokus: Bei der Bundeswehr ist der "Eurofighter" seit 2004 im Einsatz. Nun sind zwei Maschinen zusammengestoßen und abgestürzt, ein Pilot starb. Wie wichtig ist der Jet für die Luftwaffe?

Abfangübung: Deutsche "Eurofighter" fliegen bei einem Manöver im Jahr 2018 wenige Meter neben einem belgischen Transportflugzeug.
Francois Lenoir/ REUTERS

Abfangübung: Deutsche "Eurofighter" fliegen bei einem Manöver im Jahr 2018 wenige Meter neben einem belgischen Transportflugzeug.


Am Montagmittag, etwa um 13.40 Uhr, stiegen drei "Eurofighter"-Jets der Bundeswehr vom Ausbildungsstandort Laage bei Rostock auf. Sie sollten im gesperrten Luftraum über Mecklenburg den Luftkampf üben.

20 Minuten nach dem Start stießen zwei Jets zusammen und stürzten ab. Die Piloten katapultierten sich mit ihren Schleudersitzen aus ihren Kampfflugzeugen. Einer überlebte, der zweite starb. Die beiden Flugdatenschreiber wurden gefunden. Die Bergung zumindest eines der beiden Geräte dauerte laut Luftwaffe zunächst noch an.

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"Eurofighter": Der Tag nach dem Absturz

Was ist über die Piloten bekannt? Wie viele "Eurofighter" hat die Bundeswehr? Und wo in Deutschland sind die Jets stationiert? Der Überblick.

Waren die verunglückten Piloten unerfahren?

Nein. Der tödlich verunglückte Pilot, ein 27-jähriger Oberleutnant, hatte seine Basisausbildung in Spanien bereits abgeschlossen und schon gut 300 Flugstunden absolviert, 100 davon auf dem "Eurofighter". Sein Kamerad, der sich mit dem Fallschirm retten konnte, gilt als einer der erfahrensten Fluglehrer der Luftwaffe. Der 51-jährige Oberstleutnant hat mehr als 1900 Stunden Erfahrung auf dem Flugzeugtyp.

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Bei welchem Manöver geschah der Zusammenstoß?

Grundsätzlich trainiert die Luftwaffe alle möglichen Luftkriegsszenarien. Am Unglückstag übten die Piloten mit drei "Eurofightern" die Verfolgung eines feindlichen Jets, den einer der Piloten für die Übung spielte. Die beiden anderen Jets verfolgten ihn und versuchten dabei, sich in gute Schusspositionen zu bringen. Bei dem Manöver wechseln sich die Verfolger hinter ihrem Ziel immer wieder ab. Insider gehen davon aus, dass die beiden Verfolger dabei zusammenstießen.

Wo werden Luftwaffenpiloten ausgebildet?

Ähnlich wie bei Verkehrspiloten findet ein Großteil der Ausbildung in den USA statt, da es dort große unbewohnte Übungsgelände gibt. In Deutschland werden die Piloten sowohl an Simulatoren als auch in der Luft geschult. Laage ist einer der größten deutschen Aus- und Weiterbildungsstandorte.

Wie funktioniert der Schleudersitz, mit dem die Piloten ausstiegen?

"Eurofighter" fliegen bis zu 2800 Stundenkilometer schnell, allerdings ist der verbaute Schleudersitz nur bis zu einer Ausstiegsgeschwindigkeit von 1100 Stundenkilometern getestet. Die Piloten konnten sich nach ihrem Zusammenstoß laut Bundeswehr "absprengen". Tatsächlich werden Schleudersitze mit einem Raketenantrieb hinausgeschossen, dann soll der Insasse mit einem Fallschirm sicher zu Boden sinken. (Mehr zur Funktionsweise eine Schleudersitzes im "Eurofighter" lesen Sie hier).

Seit wann hat die Luftwaffe "Eurofighter"?

Die "Eurofighter" der Bundeswehr waren bislang zwar eine Erfolgsgeschichte, aber mit Anlaufschwierigkeiten: Schon in den Achtzigerjahren geplant, wurden sie erst 2004 in Dienst gestellt - und wirkten nach Ende des Warschauer Pakts aus der Zeit gefallen.

Seither ist die Luftwaffe wie die anderen Waffengattungen der Bundeswehr auch von Ausfällen, Ausrüstungsmängeln und technischen Pannen geplagt. Der "Eurofighter" fiel dabei vergleichsweise selten negativ auf.

Versorgungsflugzeug A400M und zwei "Eurofighter" bei einem Manöver über dem niedersächsischen Munster
Christophe Gateau/ DPA

Versorgungsflugzeug A400M und zwei "Eurofighter" bei einem Manöver über dem niedersächsischen Munster

Wie viele "Eurofighter" hat Deutschland?

Die Luftwaffe hat 140 "Eurofighter". Davon ist allerdings nur etwas mehr als die Hälfte (rund 60 Prozent) flugfähig, da die Jets fortlaufend aufwendig gewartet werden müssen. Der von mehreren europäischen Partnern entwickelte Jet gilt als zuverlässig.

Pilot beim Start der Maschine, dem 100. "Eurofighter", der für Deutschland 2013 in Dienst ging
Michaela Rehle/ REUTERS

Pilot beim Start der Maschine, dem 100. "Eurofighter", der für Deutschland 2013 in Dienst ging

Wie alt waren die Unglücksmaschinen?

Die beiden verunglückten Jets gehören zu den neueren "Eurofighter"-Modellen. Die Flieger der sogenannten Tranche 2 wurden ab 2009 ausgeliefert. Beide Maschinen hatten bisher rund 1000 Flugstunden absolviert. Deutschland verfügt noch über rund 30 Maschinen aus der älteren Baureihe, der sogenannten Tranche 1. Diese werden in den kommenden Jahren ausgemustert.

Welche Aufgaben haben die "Eurofighter"?

Der "Eurofighter" ist ein Jagdflugzeug, das hauptsächlich zur Verfolgung und Bekämpfung anderer Flugzeuge eingesetzt wird. Der Flieger ist extrem wendig und kann mit Raketen zum Abschuss anderer Flugzeuge ausgerüstet werden. Die abgestürzten "Eurofighter" waren laut Luftwaffe nicht bewaffnet.

In Deutschland übernehmen die "Eurofighter" teilweise die Bereitschaft der sogenannten Alarmrotten, die beim Eindringen von feindlichen Flugzeugen sofort aufsteigen. Sie würden aber auch bei Entführungen von Passagiermaschinen eingesetzt. Im Baltikum fliegen die deutschen "Eurofighter" beim sogenannten Air Policing der Nato regelmäßig, jedoch nicht aktuell.

In den vergangenen Jahren hat die Luftwaffe einige "Eurofighter" so modifiziert, dass sie wie die "Tornado"-Jets auch Bodenangriffe fliegen können.

Wo sind die größten Luftwaffenstützpunkte in Deutschland ?

Das Geschwader 31 "Boelcke" in Nörvenich/Kerpen wurde 1958 aufgestellt. Der Standort im Rheinland gehört zu den ältesten fliegenden Einsatzverbänden der Bundeswehr.

Geschwader 33 am Rand der Eifel in Cochem/Büchel beheimatet den größten Verband von "Tornado"-Kampfflugzeugen, die anders als der "Eurofighter" nur gegen Bodenziele eingesetzt werden.

51 "Immelmann" in Schleswig-Jagel verfügt über bemannte und unbemannte Aufklärungsflugzeuge, also auch Drohnen. Zusätzlich sind dort seit 2013 Kapazitäten des ehemaligen Jagdbombergeschwaders 32 aus Lechfeld untergebracht.

Das Geschwader 71 "Richthofen" hat seinen Standort in Wittmund, Ostfriesland, es sichert den Luftraum über Norddeutschland.

Das Geschwader 73 "Steinhoff" in Laage bei Rostock bildet alle Piloten, die in Deutschland den "Eurofighter" fliegen, auf diesem Waffensystem aus.

Geschwader 74 stellt die Alarmrotte für den süddeutschen Luftraum. Der in Neuburg an der Donau beheimatete Verband wurde als erstes Einsatzgeschwader der Luftwaffe auf den "Eurofighter" umgerüstet.

cht/mgb/dpa

insgesamt 118 Beiträge
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Seite 1
noalk 25.06.2019
1. nicht unerfahren?
100 Flugstunden auf einem Eurofighter - insgesamt 300. Ich bin kein Pilot, aber bei einer solch geringen Stundenzahl würde ich den Piloten nicht als nicht unerfahren bezeichnen.
Phildemos 25.06.2019
2. Sind Kampfflugzeuge heute noch überlebensfähig?
Ich frage mich, ob Kampfflugzeuge heute überhaupt noch sinnvoll sind. In der Ukraine hat sich gezeigt, dass zumindest die ukrainischen Flugzeuge keine Chance gegen die russische Luftabwehr haben und daher, soweit ich das gelesen habe, nicht mehr zum Einsatz über der Ostukraine kommen. Gegenüber Staaten, die keine moderne Luftabwehr haben, kann man sie sicher noch einsetzen. Außerdem sind Kampfflugzeuge außerordentlich teuer. Meine Frage ist, ob man nicht dieselbe Kampfkraft mit modernen Lenkraketen wesentlich günstiger erzielen kann.
rex_danny 25.06.2019
3.
2009 ausgeliefert, 1000 Flugstunden. Das macht 100 pro Jahr, also rund 2 Stunden die Woche. Das spricht wohl für sich... Und wenn man nun unterstellt, dass es nicht derselbe Pilot ist, der diese 2 Stunden fliegt, sondern dass die sich abwechseln, dann komme ich auf eine Flugstunde in der Woche - ein Wert, den ich schon einmal irgendwo gehört habe. Scheint also durchaus so zu sein. Kein Wunder dass die Piloten kündigen; die wollen fliegen und nicht herumsitzen. Da kann sich einer nun denken, was er will und selber seine Schlüsse draus ziehen.
heidelbeere0815 25.06.2019
4. Fragen
Wie hoch ist denn der CO2-Ausstoß von so einem Ding? Und wieviele KM Eisenbahnstrecke hätte man für den Kaufpreis von den Kriegsspielzeugen bauen können? Die Frage, wie wichtig der EF für die LW ist, wird nicht beantwortet. Eine Antwort auf die Frage, ob der EF wichtig für Deutschland ist, würde mich interessieren. Wer ist denn der Feind?
Mehrleser 25.06.2019
5.
Zitat: "wirkten nach Ende des Warschauer Pakts aus der Zeit gefallen." Was ist das für eine gewagte Behauptung ohne Begründung? Natürlich ändern sich die Anforderungen an ein solches Flugzeug während Planung und Beschaffung. Und auch die politischen Rahmenbedingungen. Aber der Eurofighter ist ein durchaus konkurrenzfähiges System - vielleicht gilt ja diese Eigenschaft heute als "aus der Zeit gefallen"?
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