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21. Juli 2008, 12:54 Uhr

Europa-Reise

Obamas Deutschland-Programm verärgert Sarkozy und Brown

Von , Washington

Barack Obamas ausführlicher Berlin-Besuch sorgt für Neid in Europas anderen Hauptstädten. Die Deutschen sind nicht nur Gastgeber für den größten Auftritt des Demokraten - sie haben auch mehr Gesprächstermine abbekommen als andere. Franzosen und Briten fühlen sich benachteiligt.

Barack Obama wird sich auf seiner Europa-Reise besonders um Deutschland bemühen, was Paris und London missfällt. SPIEGEL ONLINE erfuhr jetzt Details der vorläufigen Reiseplanung - einen Tag, nachdem der demokratische Präsidentschaftsbewerber bestätigt hatte, er werde seine Berliner Rede an der Siegessäule halten.

Kandidat Obama: Sein Team sieht Angela Merkel als momentan stärkste Führungsfigur in Europa
AP

Kandidat Obama: Sein Team sieht Angela Merkel als momentan stärkste Führungsfigur in Europa

Jetzt steht fest, dass Obama in Deutschland in jedem Fall Kanzlerin Angela Merkel und Außenminister Frank-Walter Steinmeier in Vier-Augen-Gesprächen treffen wird. In Paris und Großbritannien sind hingegen bislang nur Treffen mit Präsident Nicolas Sarkozy und Premier Gordon Brown fest eingeplant. Noch ist nicht entschieden, ob dort auch die jeweiligen Außenminister mit dem Demokraten zusammen kommen werden.

Das verärgert Pariser und Londoner Regierungskreise, erfährt man aus dem Obama-Umfeld. Sie sind ohnehin vergrätzt, weil die Debatte um die Berlin-Visite und Obamas Rede die Schlagzeilen zu seiner Europareise bestimmen. Obama hält sich derzeit in Afghanistan auf und plant die Weiterreise in den Irak - gefolgt von Stopps in Israel, Jordanien und ab Donnerstag in Berlin, Paris und London.

Merkel ist die Nummer eins

"Franzosen und Briten denken, dass Deutschland zu viel Aufmerksamkeit erhält", ist aus Kreisen des Obama-Teams zu vernehmen. Das ist pikant, weil die britisch-amerikanische Partnerschaft traditionell besonders eng ist. Die Briten sind auch wichtige Bündnispartner der Amerikaner im Irak. In London sorgte bereits für Verstimmung, dass Obama seine Reise nicht - wie ursprünglich vorgesehen - mit einem Besuch in London begann. Frankreichs Präsident Sarkozy wiederum bemüht sich seit seinem Amtsantritt demonstrativ um eine Annäherung an Washington.

Obamas Team hatte jedoch wenig Zweifel daran gelassen, dass es Angela Merkel als momentan stärkste Führungsfigur in Europa ansieht. Die Argumentation: Sarkozy sei noch nicht so lange im Amt, Brown stecke daheim in der Krise. Der demokratische Kongressabgeordnete Robert Wexler hob vorige Woche im Auftrag Obamas hervor, die deutsch-amerikanische Beziehung sei die "fundierteste".

Dennoch sind auch die Deutschen bislang nicht völlig zufrieden. Sie drängen wohl auf weitere Vier-Augen-Gespräche - werden nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen aber wohl keinen Erfolg damit haben. Immerhin: Sollte der Zeitplan eingehalten werden, wird Obama schon vor seiner Ansprache am Donnerstagabend den Austausch mit Berliner Politikern suchen.

"Es ist eine Wahlkampf-Show"

Der außenpolitische Berater des republikanischen Präsidentschaftsbewerbers John McCain, Randy Scheunemann, hielt Obama im SPIEGEL vor, dafür nicht genug Zeit einzuplanen. "Obama hält seine transatlantische Grundsatzrede in Berlin, bevor er überhaupt mit britischen und französischen Politiker gesprochen hat", sagte Scheunemann. "Vielleicht sogar, bevor er deutsche Politiker trifft. Es ist klar, dass er deren Gedanken nicht berücksichtigen will. Es ist eine Wahlkampf-Show."

Die Harmonie im Verhältnis zu Deutschland kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Obama auch ein stärkeres deutsches Engagement etwa in Afghanistan einfordern könnte. Seine außenpolitische Chefberaterin, Susan Rice, sagte dem SPIEGEL: "Weder Deutschland noch Amerika dürfen glauben, weiter halbherzige Maßnahmen in Afghanistan und Pakistan ergreifen zu können - ohne dafür den Preis zahlen zu müssen." Die USA müssten mehr Ressourcen und Truppen schicken, so Rice, aber die Nato auch. "Und deren Truppen sollten nicht durch Beschränkungen gehemmt werden, wo und wie sie eingesetzt werden dürfen."

SPD-Parteichef Kurt Beck hat auf Rice' Forderungen sehr reserviert geantwortet. "Es geht zumindest nichts mehr, was die Ausweitung des Auftrags angeht", sagte Beck am Wochenende.

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