Abstimmung per Post Steigende Zahl an Briefwählern sorgt für Kritik

Immer mehr Menschen geben bei Wahlen ihre Stimme per Brief ab - und nicht an der Urne. Bundeswahlleiter Georg Thiel sieht darin ein Problem.

Stimmzettel zur Briefwahl
Chrophe Gateau/DPA

Stimmzettel zur Briefwahl


Bei der EU-Wahl 2014 hatten hierzulande 25,3 Prozent der Wähler vor dem eigentlichen Wahltag abgestimmt - und zwar per Brief. Es waren so viele wie nie zuvor. Bei der Bundestagswahl drei Jahre später waren es sogar 28,6 Prozent. Bei der EU-Wahl am kommenden Sonntag könnte die Zahl beziehungsweise der Anteil der Briefwähler möglicherweise nochmals steigen.

Doch Bundeswahlleiter Georg Thiel sieht genau das kritisch. Eine hohe Wahlbeteiligung sei zwar gut für den demokratischen Willensbildungsprozess, sagte er den Zeitungen der Funke Mediengruppe. "Die Verfassung und die darauf beruhenden Gesetze sehen aber die Stimmabgabe an der Urne, also am Wahlsonntag, als Grundsatz vor." Die Briefwahl beeinflusse die Prinzipien der gleichen und geheimen Wahl. Der Wahlzeitraum werde so "auf mehrere Wochen gestreckt".

Stimmenfang #99 - Europawahl: So funktioniert's und das ist wirklich wichtig

Der Präsident des Statistischen Bundesamts erinnerte daran, dass die Spitzenquote der Briefwähler bei der Bundestagswahl 2017 bei 45,7 Prozent im Wahlkreis Würzburg gelegen habe, der höchste Landesdurchschnitt mit 37,3 Prozent in Bayern.

Zur Notwendigkeit einer Reform wollte sich Thiel aber nicht äußern: "Ob es bei dem derzeitigen Verfahren der Briefwahl Änderungen geben sollte, ist nicht vom Bundeswahlleiter zu beurteilen, sondern vom Parlament oder gegebenenfalls vom Bundesverfassungsgericht."




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Wie funktioniert die Civey-Methodik?
Das Meinungsforschungsinstitut Civey arbeitet mit einem mehrstufigen vollautomatisierten Verfahren. Alle repräsentativen Echtzeitumfragen werden in einem deutschlandweiten Netzwerk aus mehr als 20.000 Websites ausgespielt ("Riversampling"), es werden also nicht nur Nutzer von SPIEGEL ONLINE befragt. Jeder kann online an den Befragungen teilnehmen und wird mit seinen Antworten im repräsentativen Ergebnis berücksichtigt, sofern er sich registriert hat. Aus diesen Nutzern zieht Civey eine quotierte Stichprobe, die sicherstellt, dass sie beispielsweise in den Merkmalen Alter, Geschlecht und Bevölkerungsdichte der Grundgesamtheit entspricht. In einem dritten Schritt werden die Ergebnisse schließlich nach weiteren soziodemografischen Faktoren und Wertehaltungen der Abstimmenden gewichtet, um Verzerrungen zu korrigieren und Manipulationen zu verhindern. Weitere Informationen hierzu finden Sie auch in den Civey FAQ.
Warum ist eine Registrierung nötig?
Die Registrierung hilft dabei, die Antworten zu gewichten, und ermöglicht so ein Ergebnis für die Umfragen, das für die Wahlbevölkerung in Deutschland repräsentativ ist. Jeder Teilnehmer wird dabei nach seinem Geschlecht, Geburtsjahr und Wohnort gefragt. Danach kann jeder seine Meinung auch in weiteren Umfragen zu unterschiedlichen Themen abgeben.
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Es gibt also bei beiden Methoden eine Gruppe von Personen, die nicht erreicht werden kann, weil sie entweder keinen Anschluss an das jeweilige Netz hat oder sich nicht an der Umfrage beteiligen möchte. Deshalb müssen für ein aussagekräftiges Ergebnis immer sehr viele Menschen angesprochen werden. Civey-Umfragen sind derzeit neben SPIEGEL ONLINE in mehr als 20.000 andere Webseiten eingebunden, darunter auch unterschiedliche Medien. So wird gewährleistet, dass möglichst alle Bevölkerungsgruppen gut erreicht werden können.
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Wer steckt hinter Civey-Umfragen?

An dieser Stelle haben Leser in der App und auf der mobilen/stationären Website die Möglichkeit, an einer repräsentativen Civey-Umfrage teilzunehmen. Civey ist ein Online-Meinungsforschungsinstitut mit Sitz in Berlin. Zur Erhebung seiner repräsentativen Umfragen schaltet die Software des 2015 gegründeten Unternehmens Websites zu einem deutschlandweiten Umfragenetzwerk zusammen. Neben SPIEGEL ONLINE gehören unter anderem auch der "Tagesspiegel", "Welt", "Wirtschaftswoche" und "Rheinische Post" dazu. Civey wurde durch das Förderprogramm ProFit der Investitionsbank Berlin und durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung finanziert.

kev/AFP/dpa



insgesamt 167 Beiträge
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bigroyaleddi 21.05.2019
1. Diese hohen Briefwählerzahlen sind schon verblüffend
Der Hinweis auf den "Wahltag", und zwar den einen Wahltag, ist vollkommen korrekt. Das mit der Briefwahl war zwar gut gemeint, aber wenn immer mehr Wäher die Briefwah bevorzugen, bekomme ich doch auch so meine Bedenken. Vielleicht sollte man wirklich mal back to the roots gehen und die persönliche Wahl vorschreiben. Das widerspricht zwar mitlerweile sämtlichen Internetgewohnheiten, wäre aber auf jeden Fall irgendwie ehrlicher. Nachdenken ist ganz bestimmt in dieser Angelegenheit angesagt.
Suppenelse 21.05.2019
2. Alternativlose Notlösung
Sobald auch in Deutschland zeitgemäße elektronische Abstimmungsmöglichkeiten existieren, die keine persönliche Anwesenheit am Wohnort voraussetzen, brauche ich keine Briefwahlunterlagen mehr anzufordern! Wie war das nochmal mit Digitalisierung?
spon-facebook-1797242984 21.05.2019
3. rückständig
Bitte, was soll das denn. Dann macht es passend! Es wird von zuhause gearbeitet, geschoppt und Sonntagsarbeit ist ja auch nicht grundsätzlich verboten. Dann wird auch so gewählt. Außerdem ist der Plenarsaal ja auch dauernd gähnend leer und dass stellt kein Problem dar?!
beachy1 21.05.2019
4. Kritik nicht nachvollziehbar
Wenn man "Kritik" übt, sollte man auch gewichtige Argumente vorbringen können. Sehe hier keins.
midnightswim 21.05.2019
5. in Estland wird online gewählt
und in Deutschland wünscht sich der Wahlleiter ein zurück. kopfschüttel, aber so richtig.
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