EVP-Abschlusskundgebung zu Europawahlen Inszenierter Frohsinn beim "Finale dahoam"

In München stützen die Christdemokraten zum Abschluss des Europawahlkampfs routiniert den CSU-Spitzenkandidaten Manfred Weber. Der gibt sich heiter, doch die Regierungskrise in Österreich kann er nicht wegfeiern.

Zwischen der neuen und der alten CDU-Chefin: Manfred Weber ließ sich feiern.
Philipp Guelland/EPA-EFE/REX

Zwischen der neuen und der alten CDU-Chefin: Manfred Weber ließ sich feiern.

Von und , München


Um viertel nach sechs schaut der eigentliche Stargast des Freitagabends dann doch noch kurz vorbei in der Messehalle in München: Auf dem riesigen Videoschirm wird Sebastian Kurz zugeschaltet. Österreichs Bundeskanzler überbringt eine aufgezeichnete Videobotschaft an Manfred Weber: Der sei der richtige künftige Kommissionspräsident und der passende Mann, Europa zu führen.

"Viel Kraft in den letzten Stunden und hoffentlich auf bald", sagt Kurz. Es klingt ein bisschen wie ein Abschied, die Frage ist nur für wen. Dann spielt eine Geigerin im braunen Lederkorsett in der Halle den Donauwalzer, untermalt von Elektrobeats. Die Sportakrobatikgruppe aus Dobersberg in Niederösterreich tanzt die europäische Idee auf der Bühne.

Die seltsame Melange zum Wahlabschluss passt zur turbulenten Woche, die die Christdemokraten hinter sich haben. Mit dem österreichischen Regierungschef Kurz droht ihnen ein wichtiger Mitspieler im EU-Geführe verloren zu gehen, dann zog auch noch die CDU-Bundeszentrale nach dem Video des YouTubers Rezo den Spott der Netzgemeinde auf sich.

Das alles kann die Chancen des CSU-Politikers Weber beeinträchtigen, als Spitzenkandidat tatsächlich Kommissionspräsident zu werden. Die Lage ist ohnehin unübersichtlich: Bei der Wahl am Sonntag könnten die Parteien in der Mitte Stimmen verlieren und dafür die Ränder wachsen.

Prominenz und Showeinlagen

So bietet die EVP in München auch eher eine Selbstversicherungsveranstaltung als kantige politische Programmatik. Die Mischung aus Prominenz und Showeinlagen erinnert an eine Samstagabendshow, für jede Altersgruppe ist etwas dabei.

Fahnenschenkende Länderdelegationen laufen wie beim Eurovision Song Contest in die Halle ein. Gut 2000 Unterstützer aus ganz Europa sind gekommen, die Ministerpräsidenten von Bulgarien und Kroatien. Alles, um die nach eigener Auskunft prägende politische Kraft des Kontinents zu feiern - allerdings nur für geladene Gäste.

Fast alle waren für Manfred Weber gekommen.
Sina Schuldt/DPA

Fast alle waren für Manfred Weber gekommen.

Die CSU hat ihren Ministerpräsidenten Markus Söder aufgeboten, dazu mit Edmund Stoiber, Theo Waigel und Horst Seehofer ihre mittlerweile drei Ehrenvorsitzenden. Der Moderator auf der Bühne spricht vom "Finale dahoam" - ein schwieriger Vergleich, denn das Finale zuhause ging 2012 für den FC Bayern verloren.

Um ein solches Los zu vermeiden, bietet auch die CDU ihre Spitzenkräfte auf, Bundeskanzlerin Angela Merkel hat ihren einzigen Wahlkampfauftritt, die neue Parteivorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer ist da. Charlotte Knobloch spricht ein Grußwort, Lech Walesa will gar nicht mehr aufhören zu reden.

Und dann dürfen noch zwei ehemalige Bandmitglieder von Manfred Webers Band mit dem Namen "Peanuts" erzählen, dass er zwar nicht der versierteste Gitarrist gewesen sei. Jedoch: "Manfred war schon immer ein Leader."

"Keine Zusammenarbeit mit Rechtspopulisten"

Doch reicht das aus? Kurz hat am Vormittag kurzfristig abgesagt, "aufgrund der innenpolitischen Lage in Österreich", so ein EVP-Sprecher. Nur Markus Söder geht von den Hauptrednern auf das Nachbarland ein. "Die Aufkündigung der Zusammenarbeit mit der FPÖ ist richtig", sagt Söder. Sein Credo: "Eine Zusammenarbeit mit Rechtspopulisten ist für uns nicht akzeptabel."

Wie sich der Österreich-Faktor auswirken könnte, ist ein beliebtes Gesprächsthema auf den Gängen und an den Bierständen im Messezentrum. Einerseits könnten ehemals abtrünnige und nun angewiderte bürgerliche Wähler zurückkehren. Andererseits könnte Kurz gar nicht mehr im Amt sein, wenn ab Montag die Mehrheiten für einen künftigen Kommissionschef gesucht werden.

Angela Merkel hat dem Spitzenkandidaten Weber warme Worte mitgebracht. "Er ist der richtige Mann für unsere Zeit", so Merkel. "Wir brauchen Brückenbauer und nicht Spalter." Die europäische Wertegemeinschaft sei derzeit Angriffen ausgesetzt. Merkel: "Jede Art von Nationalismus ist ein Angriff auf diese Werte."

Auf Merkel wird es ankommen in den Verhandlungen nach der Wahl. Er vertraue auf die "kluge Führung von Angela Merkel", sagt der EVP-Vorsitzende Joseph Daul auf der Bühne. Schon am Dienstag wollen sich die Staats- und Regierungschefs zu einem Sondergipfel in Brüssel treffen.

Manfred Weber könnte der CSU in Bayern Aufwind geben.
Philipp Guelland/EPA-EFE/REX

Manfred Weber könnte der CSU in Bayern Aufwind geben.

Einigermaßen entspannt zurücklehnen kann sich die CSU. In Bayern dürfte sie vom Weber-Faktor profitieren, womöglich sind mehr als die etwa 40 Prozent bei der Vorgängerwahl 2014 drin. "Es war eine ganz andere Stimmung als vor fünf Jahren", berichtet der Bezirksvorsitzende der CSU Schwaben, der Europaabgeordnete Markus Ferber, am Rande der Veranstaltungen vom Wahlkampf.

Seinerzeit konnten sich die Christsozialen nicht entscheiden, ob sie für oder gegen Europa Wahlkampf machen wollten. "Dieses Mal haben wir nur Pro im Angebot gehabt, und das war richtig so", sagt Ferber. Für den Europa-Kurs steht auch Parteichef Söder ein, jener Politiker, der noch vor einem knappen Jahr den "geordneten Multilateralismus" in Europa für beendet erklärt hatte.

Weber ist für Söder Schutzengel und potenzieller Sündenbock zugleich. Fällt das Wahlergebnis für die CSU schwächer aus als in den Umfragen vorhergesagt, wird es an der Strategie des Spitzenkandidaten gelegen haben, nicht am Einsatz des Parteivorsitzenden. Den Parteivorsitz wird Weber Söder vorerst nicht mehr streitig machen können.

Zum Schluss versammeln sich alle auf der Bühne, die Polit-Promis, die Wahlkampfhelfer von der Jungen Union, die Akrobaten aus Österreich. Angela Merkel wird am häufigsten nach Selfies gefragt, dann muss sie schnell hinaus.

Weber lässt sich Zeit beim Verlassen der Messehalle. Er schüttelt Hände und nimmt Ermutigungen entgegen. Die Fernsehkameras sind da schon längst abgebaut.



insgesamt 55 Beiträge
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Sensør 24.05.2019
1. Wer wählt den so einen?
Manfred Weber grinst genau kaltblütig wie Lars Windhorst zwischen seinen vielen Pleiten, und der Gehalt seiner Ansprachen zur Europawahl wurden auf Youtube schon neutralisiert ...
rainer82 24.05.2019
2. Dass die Union es nötig hat,
mit dem gerade eben erst als Regierungschef krachend gescheiterten Ex-Kanzler Kurz aus Österreich zu werben, macht mich fassungslos. Mit so einem Loser, der sich mit den Braunen ins Bett gelegt und dann als impotent erwiesen hat, kann man doch keine Wahl gewinnen.
n.acker 24.05.2019
3. Schauspieler
Die Überschrift sagt schon alles. Bei der Politik von Merkel & Co. wird einem seit Jahren nur noch übel, wegen vielen falschen Ent- scheidungen oder Aussitzen von Themen. Merkel hat D & EU geschadet, dass könnte Weber den Sieg kosten. Die Verdrossenheit ist nicht nur im Netz bei den Jungen. Die Reaktionen der letzten Tage sind ja ein jämmerliches Armutszeugnis von AKK bis zum Generalsekretär ohne Berufsausbildung. Sie haben noch nichts begriffen. Ist irgenwie logisch, promotet von Merkel, der erfolglosesten Kanzlerin der deutschen Geschichte.
Walther Kempinski 24.05.2019
4. Und?
Inszenierten Frohsinn gibts überall, bei anderen Parteien, Familienfesten, im Büro, überall. Diese oberflächliche Influencer-Sicht geht mir immer mehr auf den Senkel. Deutschland geht es gut und wer meckert solls besser machen. Ist es in Russland besser? In Ungarn mit 27% Mehrwertsteuer? In der Türkei? Lächerlich! Die CDU wähle ich zwar nicht, gibt aber wahrlich Schlimmeres auf der Welt.
mirage122 24.05.2019
5. Schon immer ein Leader!
Wenn das mit der Gitarre auch nicht sonderlich geklappt hat, dann wird das mit der Wahl zum EU-Kommissionspräsident ganz bestimmt was. Und wie hieß die Band? "Peanuts": Na, das passt doch. Und mich freut auch wieder die Begeisterung von unserer zukünftigen Bundeskanzlerin Annegret. Schau'n mer doch mal, wie sie denn am Sonntagabend gucken wird.
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