Schlechtes CDU-Ergebnis Kretschmer kritisiert Wahlkampf als "inhaltslos", Oettinger prangert Langsamkeit an

Nach dem schlechten CDU-Ergebnis bei der Europawahl kritisieren Parteigranden nun den eigenen Kurs: Sachsens Ministerpräsident Kretschmer fehlen Inhalte, EU-Kommissar Oettinger wünscht sich eine coolere Union.

Michael Kretschmer und Günther Oettinger rechnen mit dem CDU-Wahlkampf ab
Monika Skolimowska/ DPA; Christoph Schmidt DPA

Michael Kretschmer und Günther Oettinger rechnen mit dem CDU-Wahlkampf ab


Bundesweit hat die CDU bei der Europawahl an Zustimmung verloren, besonders hart traf es die Christdemokraten in Sachsen von Ministerpräsident Michael Kretschmer. Dort fiel die Union mit 23 Prozent der Stimmen landesweit hinter die rechtspopulistische AfD zurück, die mit 25,3 Prozent stärkste Kraft in dem Bundesland wurde.

Nun geht Kretschmer mit dem Europawahlkampf seiner Partei hart ins Gericht. "Er hat aus meiner Sicht keine richtigen Inhalte gehabt. Das geht so nicht, das muss allen klar sein", sagt Kretschmer der Wochenzeitung "Die Zeit".

Die CDU habe auf die großen europäischen Ideen gesetzt, Frieden und Zusammenhalt, die an ihrer Richtigkeit zwar nichts eingebüßt hätten. "Aber heute treiben die Menschen andere Themen gerade stärker um: Grenzkriminalität, Migration, auch das Urheberrecht", sagt Kretschmer.

Kretschmer warnt zudem davor, einseitig über den Klimaschutz zu debattieren. Man müsse zur Kenntnis nehmen, "dass es dazu in Deutschland offensichtlich sehr unterschiedliche Ansichten gibt. Viele Menschen bei uns in Sachsen fremdeln mit dem Kohleausstieg", so Kretschmer. Die Bürger fragten sich, ob das Land auf Strom aus Atomkraft und Braunkohle wirklich verzichten könne.

Auch EU-Kommissar Günther Oettinger (CDU) übte Kritik am Kurs seiner Partei in einem Gespräch mit der Wochenzeitung. Die CDU brauche Verjüngung. In diesem Zusammenhang kritisierte Oettinger auch den Umgang mit der CDU-Kritik des YouTubers Rezo.

Oettinger-Sohn soll Oettinger vor Rezo gewarnt haben: "Er hat gesagt: Achtung, Papa, da kommt was!"
DPA

Oettinger-Sohn soll Oettinger vor Rezo gewarnt haben: "Er hat gesagt: Achtung, Papa, da kommt was!"

"Die langatmige Abwehrreaktion der CDU war ein Fehler", sagte er der "Zeit". "Es geht um Schnelligkeit." Die Partei müsse nun alles tun, um auch junge Köpfe in politische Funktionen zu bekommen. Unter 30-Jährige interessierten sich für andere Inhalte und beherrschten die neuen Kommunikationstechniken "besser als die über 60-Jährigen". Oettinger weiter: "Cool und jung ist keine schlechte Kombination."

Er selbst habe von seinem Sohn von dem Video erfahren, der ihm gesagt habe: "Achtung, Papa, da kommt was!" Er selbst habe es sich aber nicht angesehen.

Bei AfD-Sieg im Herbst eine "Vier-Parteien-Regierung"?

Ministerpräsident Kretschmer schloss mit Bezug auf die sächsische Landtagswahl am 1. September in Sachsen erneut eine Regierungsbeteiligung der AfD aus, egal bei welchem Ergebnis. Auch bei einem Sieg der AfD will Kretschmer demnach nicht mit den Rechtspopulisten paktieren.

"Dann werden wir eine Vier-Parteien-Regierung bekommen." Kretschmer weiter: "Das ist nicht gut für unser Land. Aber das Wahlergebnis bestimmt nun einmal über die Regierung und nicht andersherum."

Zwischen den Grünen und der AfD machte Kretschmer Parallelen aus: "Beide verbindet nur eine Sache miteinander, nämlich nicht kompromissfähig sein zu wollen und ihre eigenen Positionen als absolut zu setzen. Das sei "schwierig und gefährlich".

cht

insgesamt 54 Beiträge
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Seite 1
fred_m 28.05.2019
1. Nicht zu fassen
Zitat aus Artikel: "Er selbst habe von seinem Sohn von dem Video erfahren, der ihm gesagt habe: "Achtung, Papa, da kommt was!" Er selbst habe es sich aber nicht angesehen." Oettinger kritisiert den Umgang mit dem Video, aber hat es nicht mal angeschaut?
stefan.horender 28.05.2019
2. Die Bürger fragten sich, ob das Land auf Strom aus Atomkraft und...
"Die Bürger fragten sich, ob das Land auf Strom aus Atomkraft und Braunkohle wirklich verzichten könne." ... und die CDU hat fälschlicherweise Jahrzehnte lang erzählt, dass es eben nicht ginge. Man muss eben auch richtige Antworten geben, um als kompetent zu gelten. Ich kann mich noch an Diskussionen von ca. 1999 erinnern, wo (es waren fast immer CSU/CDUler) stännig behauptet wurde, zuviel Photovoltaik ginge aufgrund der Netzstabilität nicht, und sie meinten damit eine ca. 10%-Anteil. Und jetzt haben wir im Sommer mittags über 50% und es fällt nichts aus, sondern der Strom kommt dann, wenn ihn die vielen Klimaanlagen verbrauchen.
mr future 28.05.2019
3. Hermann Scheer und Herbert Gruhl und die Zukunft
Wenn man die Zukunft ausklammert und und die Politik den Konflikt mit der Energiewirtschaft und der Autoindustrie scheut dann bleibt es bei der Ausstrahlung: "Durchwurschteln a la GroKo". Einen Energiekonsens gibt es erst wieder, wenn glaubhaft und mit ultimativer Beschleuningung der Klimawandel und die Energiiewende Priorität erhalten. Sonst wird die Zukunft den Jüngeren zugunsten des Verharrens im fossilen Komfort (den nur noch die Ältern erleben werden) verweigert. Dabei ist "erneuerbarer Komfort" möglich und er bietet nachhaltige Gelegenheiten. re future
fred_m 28.05.2019
4. Die CDU wird es niemals schaffen
Die CDU hat jahrzehntelang automatisch die Stimmen von denjenigen bekommen, die aus Furcht vor der Hölle unbedingt eine Partei mit einem "C" im Namen wählen mussten. Viele von diesen Wählern - jetzt im Rentenalter - fürchten sich zwar nicht mehr vor der Hölle, aber haben nie gelernt, sich für eine Partei zu entscheiden. Daher wählen sie nach wie vor CDU. Für den Nachwuchs reicht das "C" im Namen nicht mehr. Und der Nachwuchs hat auch erkannt, dass das "D" reine Heuchelei ist. Die CDU muss endlich lernen, ihre Wähler zu ÜBERZEUGEN. Und die Partei hat in den vergangenen Monaten gezeicht, das sie lernunfähig und unbelehrbar ist.
bakero 28.05.2019
5.
***Zwischen den Grünen und der AfD machte Kretschmer Parallelen aus: "Beide verbindet nur eine Sache miteinander, nämlich nicht kompromissfähig sein zu wollen und ihre eigenen Positionen als absolut zu setzen. Das sei "schwierig und gefährlich"*** Kretschmer sollte sich womöglich eine neue Partei suchen ... und wenn es die CSU ist. Ich bin mir sicher, dass die Grünen (auch) in Zukunft ein möglicher Koalitionspartner der CDU sein werden (bzw. umgekehrt). Eben WEIL sie kompromissfähig sind. Genauso wie das eine große Zahl von Politikern der CDU schafft. Und genauso wie das bei Koalitionen eben nötig ist und schon immer nötig war.
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