Podcast "Stimmenfang" Lügen, Fake News, Falschinformationen - Europawahlkampf in Gefahr?

Bundeskanzlerin Angela Merkel warnt vor Fake News als Teil einer hybriden Kriegsführung. Wie machtlos ist die Politik, sind Plattformenbetreiber wie Facebook gegen gezielte Desinformationskampagnen im Europawahlkampf?

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Stimmenfang #96 - Lügen, Fake News, Falschinformationen - Europawahlkampf in Gefahr?

Der Europawahlkampf hat begonnen und zumindest in einer Sache sind sich Politiker so ziemlich aller Parteien im Vorfeld einig - diese Europawahl ist wichtig wie selten zuvor. Was passiert aber, wenn Wählerinnen und Wähler im Europawahlkampf durch Falschinformationen manipuliert werden?

In der aktuellen Podcast-Episode erklärt SPIEGEL-Redakteur Marcel Rosenbach, warum die nächste Phase im Informationskrieg begonnen hat und was die Politik, was Plattformbetreiber wie Facebook gegen die Bedrohung durch gezielte Desinformation tun.

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Das vollständige Transkript

[00:00:03] Yasemin Yüksel Willkommen zu "Stimmenfang", dem Politik-Podcast von SPIEGEL ONLINE. Ich bin Yasemin Yüksel.

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[00:00:44] Yasemin Yüksel Der Europawahlkampf hat begonnen und zumindest in einer Sache sind sich Politiker so ziemlich aller Parteien im Vorfeld einig - nämlich, dass diese Wahl von großer Bedeutung ist.

[00:00:53] Andrea Nahles (SPD) Ich halte das für die wichtigste Europawahl seit Jahrzehnten.

[00:00:57] Christian Lindner (FDP) Diese Europawahl ist eine Gestaltungswahl für das europäische Werteprojekt.

[00:01:01] Katarina Barley (SPD) Diese nächste Wahl ist eine Schicksalswahl.

[00:01:04] Manfred Weber (CSU) Es geht in diesem Wahljahr 2019 wirklich um viel.

[00:01:07] Anton Hofreiter (Grüne) Die Europawahlen sind von enormer Bedeutung. Das wird vor ganz vielen Wahlen gesagt, aber diesmal stimmt es leider, denn die Europäische Union wird angegriffen im Moment von außen und von innen.

[00:01:21] Yasemin Yüksel Und zu diesen Angriffen, von denen der grüne Fraktionsvorsitzende Anton Hofreiter hier spricht, gehört auch die Bedrohung durch gezielte Falschinformationen. Was passiert, wenn Wählerinnen und Wähler im Europawahlkampf durch Desinformationskampagnen manipuliert werden? Wie viel Schaden entsteht dabei und was tut die Politik, was unternehmen Plattformbetreiber wie Facebook gegen diese Gefahr? Darüber darf ich heute sprechen mit meinem Kollegen Marcel Rosenbach. Marcel, du schreibst im Hauptstadtbüro des SPIEGEL über Themen wie Netzpolitik, auch Digitalisierung und ich freue mich sehr, dass du heute hier bist. Hallo.

[00:01:52] Marcel Rosenbach Ja, hallo.

[00:01:53] Yasemin Yüksel Marcel, lass uns mal anfangen, das Problem zu beschreiben. Wie real ist die Bedrohung durch Fake News, durch gezielte Desinformationskampagnen jetzt bei der Europawahl denn überhaupt?

[00:02:04] Marcel Rosenbach Also ich glaube, der Begriff "gezielte Desinformation" ist deutlich besser als "Fake News" und das ist tatsächlich ein sehr reales Problem, nicht nur bei den anstehenden Europawahlen, sondern auch bei den vielen Wahlen, die eigentlich seit der Wahl ja schon abgehalten wurden, bei der das alles so richtig ins öffentliche Bewusstsein gedrungen ist, nämlich den letzten US-Präsidentschaftswahlen. Und es kulminiert sozusagen jetzt so ein bisschen, weil wir eben eine Wahl haben mit 27 oder vielleicht doch noch 28 Mitgliedsstaaten, die besonders komplex ist und wo einfach schon weil das Thema im öffentlichen Bewusstsein ist, auch sehr lange schon Vorbereitungen laufen, wie man mit dem Thema umgeht bei einer so komplexen Wahl in so vielen verschiedenen Ländern parallel.

[00:02:52] Yasemin Yüksel Du hast dich jetzt gerade bezogen auf die US-Wahl und damit auf die russische Einflussnahme auf den US-Wahlkampf 2016. Was hat sich seither geändert oder was haben die Akteure aus diesem abschreckenden Beispiel vielleicht gelernt?

[00:03:05] Marcel Rosenbach Naja, auf jeden Fall ist es tatsächlich seither im Bewusstsein, vor allen Dingen nicht nur im Bewusstsein der Politiker und der Staaten, der Regierung, sondern auch im Bewusstsein der Plattformen, auf denen das eben maßgeblich passiert ist und maßgeblich passiert. Und neu ist ja sozusagen wirklich, dass in der Nachfolge, nachdem ja damals Mark Zuckerberg zunächst gesagt hat, das sei lächerlich, dass seine Plattform für derlei missbraucht werden könne.

[00:03:34] Mark Zuckerberg You know I've seen some of the stories that you are talking about around this election. Personally I think the idea that fake news on Facebook - it's a very small amount of the content - influenced the election in any way I think is a pretty crazy idea.

[00:03:56] Marcel Rosenbach Ja, die Verantwortung eingeräumt hat, einräumen musste, sich zwischenzeitlich vielfach entschuldigt hat auch sozusagen im Herzen der amerikanischen Politik, aber nicht nur dort.

[00:04:05] Mark Zuckerberg It's clear now that we didn't do enough to prevent these tools from being used for harm as well. And that goes for fake news, for foreign interference in elections and hate speech as well as developers and data privacy. We didn't take a broad enough view of our responsibility and that was a mistake. And it was my mistake. And I'm sorry.

[00:04:26] Marcel Rosenbach Und natürlich auch Maßnahmen eingeleitet hat, ganze Maßnahmenpakete, um derlei möglichst zu verhindern. Wobei die Frage ist, wie effektiv das Facebook tatsächlich bewerkstelligen kann. Wie ernst sie diese Ankündigung auch meinen beziehungsweise was sie davon umsetzen.

[00:04:43] Yasemin Yüksel Über die Maßnahme jetzt von Facebook oder auch von der Europäischen Kommission zum Beispiel, da reden wir ganz bestimmt später nochmal drüber. Lass uns doch noch einen Moment bei der Problembeschreibung bleiben. Die Kanzlerin Angela Merkel hat sich Anfang Februar bei der Eröffnung der BND-Zentrale hier in Berlin, also der Zentrale des Bundesnachrichtendienstes, zum Thema geäußert und da sagte sie:

[00:05:03] Angela Merkel (CDU) Meine Damen und Herren, eine der erfolgreichsten Falschmeldungen der letzten Jahre lautete: "Legendärer Schauspieler Morgan Freeman gestorben." Diese Falschmeldung ist nur ein Beispiel dafür, wie sehr sich das Internet für die schnelle Verbreitung von Informationen eignet und wie häufig diese Informationen, wie wir alle wissen, manipulativ, nur halb wahr oder sogar gezielt als staatliche Propagandamaßnahme eingesetzt werden. Und deshalb müssen wir lernen, mit den sogenannten Fake News als Teil einer hybriden Kriegsführung auch umzugehen.

[00:05:41] Yasemin Yüksel Ja, das klingt zupackend, das klingt problembewusst. Wie gut ist denn aber Deutschland eigentlich in dieser Kriegsführung aufgestellt?

[00:05:49] Marcel Rosenbach Ich finde das Beispiel etwas kurios gewählt,

[00:05:52] Yasemin Yüksel Der Morgan Freeman meinst du?

[00:05:52] Marcel Rosenbach Morgen Freeman, ja - weil das jetzt nicht unbedingt politisch gesehen die brisanteste Desinformation oder Falschmeldung war, an die ich mich erinnere, aber im Prinzip sind alle dabei, sich mit dem Problem zu beschäftigen und das Problem erstmal zu definieren und zu umreißen und einen Umgang damit zu finden. Es ist ein sich wandelndes Phänomen. Es gibt nicht sozusagen die Einflusskampagne. Eigentlich ist das Konzept dessen, was wir da sehen, ist uralt. Beim KGB hieß das "aktive Maßnahmen" oder im Englischen "active measures". Es gab bei der Stasi eine ganze Abteilung, die sich damit befasst hat, im Prinzip Informationskriege zu führen, falsche Geschichten damals in westliche Medien zu pflanzen und zu transportieren und verbreiten zu lassen. Also das Konzept ist uralt.

[00:06:41] Yasemin Yüksel Nur, dass früher vielleicht noch irgendwelche Kuriere mit geheimen Botschaften, auf einer Schreibmaschine getippt, in einem dunklen Keller - ich übertreibe jetzt natürlich total -unterwegs waren.

[00:06:51] Marcel Rosenbach Was wir jetzt erleben ist im Prinzip die Anpassung dieser aktiven Maßnahmen, die perfekte Anpassung ans Digitalzeitalter. Mit viel, viel mehr Möglichkeiten und einem breiten Methodenmix. Es gibt nicht nur die gezielte Desinformation, sondern es gibt einen ganzen Methodenmix und ich glaube, wir sind alle gerade erst dabei, dieses Feld wirklich analytisch zu sehen, zu begreifen und zu verstehen, was da passiert.

[00:07:19] Yasemin Yüksel Du hast vorhin auch gleich relativiert, als ich den Begriff Fake News benutzt habe. Warum?

[00:07:22] Marcel Rosenbach Wir haben vor allen Dingen mit diesem Begriff das Problem, dass es ein politischer Kampfbegriff ist, der ja auch ganz stark genutzt wird, um mal den Blick von Russland weg zu wenden in eine andere Richtung, nämlich ins Weiße Haus.

[00:07:43] Donald Trump I want you all to know that we are fighting the fake news. It's fake, phony, fake.

[00:07:44] Marcel Rosenbach Wir haben einfach einen US-Präsidenten, der ständig von Fake News spricht, der große Nachrichtensender in den USA wie CNN, MSNBC, die nach klassischen journalistischen Kriterien arbeiten, transparent arbeiten, journalistisch arbeiten, eben als Fake-News-Sender beschimpft.

[00:08:03] Korrespondent Mr. President-elect, can you give us a question?

[00:08:03] Donald Trump Don't be rude.

[00:08:03] Korrespondent You are attacking us. Can you give us a question?

[00:08:03] Donald Trump Don't be rude. No, I'm not going to give you a question. You are fake news.

[00:08:10] Marcel Rosenbach Und dabei selbst aber schon in seinem Wahlkampf und sehr früh gezielt Legenden in die Welt gesetzt hat bzw. genährt hat wie z.B. die Birther-Debatte rund um Obama. Also die Frage: "Ist Obama eigentlich gebürtiger Amerikaner?" Also wirklich eine Fake News aus dem Munde des Präsidenten genährt und groß gemacht.

[00:08:36] Donald Trump Today I'm very proud of myself because I have accomplished something that nobody else has been able to accomplish. I was just informed while on the helicopter that our president has finally released a birth certificate. I want to have a look at it but I hope that it is true.

[00:09:00] Marcel Rosenbach Insofern ist dieser Begriff einfach für mich sehr besetzt und er bezeichnet im Prinzip eigentlich nicht das für mich, über das wir hier reden.

[00:09:10] Yasemin Yüksel Es gab kürzlich ein ganz analoges Beispiel für eine sehr EU-kritische Hetzkampagne, kann man glaube ich sagen, aus Ungarn. Und zwar wurden in Ungarn veröffentlicht Plakatemotive, darauf zu sehen war Jean-Claude Juncker, der EU-Kommissionspräsident und George Soros, der aus Ungarn stammende US-Milliardär.

[00:09:27] Jean-Claude Juncker Ich habe heute in Erfahrung gebracht, dass es eine neue Kampagne von Orbán gegen die Kommission gibt. Da sieht man mein Konterfei und dahinter Soros und da steht: Die beiden, Soros und Juncker, die würden versuchen, Ungarn mit Migranten zu überschwemmen.

[00:09:42] Yasemin Yüksel Auf den Plakaten stand eben eine Behauptung, die beiden, also Juncker und Soros zusammen, wollten illegale Migration nach Europa fördern und Jean-Claude Juncker, der war Ende Februar in Stuttgart bei einer Podiumsdiskussion und da hat er sich dazu geäußert.

[00:09:57] Jean-Claude Juncker Wir haben jetzt ein Gegenplakat veröffentlicht, das aber nicht in Ungarn wahrscheinlich an die Litfaßsäulen gelangen wird, aber gegen Lügen kann man eigentlich nicht vorgehen.

[00:10:08] Yasemin Yüksel Gegen Lügen kann man eigentlich nicht vorgehen. Sind wir Manipulation, gezielten Falschinformationen wirklich so hilflos ausgeliefert, wie der Kommissionspräsident das jetzt darstellt?

[00:10:18] Marcel Rosenbach Hoffentlich nicht.

[00:10:20] Yasemin Yüksel Wäre auch meine geheime Hoffnung.

[00:10:22] Marcel Rosenbach Und die Reaktionen auf das, was wir erlebt haben in den vergangenen Jahren, zeigt ja, dass es Abwehrkräfte gibt und auch Abwehrkräfte mobilisiert werden und zwar nicht nur sozusagen staatlicherseits, sondern wie schon erwähnt auch von den Unternehmen, auf deren Plattformen sich das sehr stark abspielt, aber tatsächlich auch eher im zivilgesellschaftlichen Bereich sogar. Also dieses Debunking, das sozusagen Widerlegen von Fake News, da gibt es sehr, sehr gute Angebote im Netz, zum Teil von wenigen Leuten mehr oder weniger nicht kommerziell betrieben. Es gibt auch Einheiten, die das kommerziell betreiben. Es gibt auch große journalistische Angebote, die das sozusagen im Auftrag dieser Plattformen jetzt machen. Also diese komplette Hilflosigkeit oder fast schon Verzweiflung, die man bei Herrn Juncker da raushört, das sehe ich so nicht. Ich habe den Eindruck, wir sind in dieser Art Informationskrieg schon in der nächsten Phase und dieses reine stumpfe, zum Teil automatisierte Weiterverbreiten von gezielter Desinformation auch so nicht mehr verfängt, wie das vielleicht noch vor ein paar Jahren verfangen hat. Es ist eine Art Wettrüsten, die stattzufinden scheint, sozusagen dass es eine Fortentwicklung gibt.

[00:11:35] Yasemin Yüksel Marcel, hast du auf der Basis deiner Recherchen rund um diese Themen ein Beispiel im Kopf, was vielleicht auch so Vorgehensweisen nochmal illustrieren kann?

[00:11:44] Marcel Rosenbach Ich komme mehr oder weniger gerade zurück von einer Recherchereise nach Estland, wo ich unter anderem die dortige Präsidentin interviewt habe und auch gefragt habe in dieser speziellen spezifischen Situation, in der sich Estland befindet, in dieser praktisch NATO-Frontlinien-Situation, mit einer großen russischen Minderheit im Land und die haben selbst in Estland ja gerade Wahlen gehabt.

[00:12:08] Einspieler In Estland hat die oppositionelle liberale Reformpartei die Parlamentswahl gewonnen. Nach Auszählung aller Stimmen kam sie auf knapp 29 Prozent.

[00:12:17] Marcel Rosenbach Und auch entsprechend, wie in vielen Ländern jetzt, eine Arbeitsgruppe eingesetzt, um die sozialen Netzwerke zu überwachen und haben natürlich einen äußerst kritischen Blick gen Osten sozusagen, in den noch weiteren Osten aus deren Perspektive und haben nach Beispielen gesucht und haben eins, an das ich mich jetzt erinnere, was die Präsidentin auch erwähnte im Interview, benannt. Nämlich, da gab es angeblich eine Schlägerei in einem der Stadtteile von Tallinn, die sehr stark von dieser russischen Minderheit bewohnt werden, und das wurde nach Ansicht dieser Wahlbeobachtungskommission für die sozialen Netzwerke im Vorfeld der Wahl eben so zugeordnet und auch als Falschnachricht entlarvt und zwar aufgrund der Tatsache, dass da Schnee lag. Es gab Fotos, eine richtige Bilderserie zu diesem angeblichen Vorfall und das passte aber nicht zur angegebenen Jahreszeit. So fand dann sozusagen dieses Debunking statt. Da hat sich auch noch eine NGO vor Ort mit engagiert und so konnte aufgeklärt werden, dass es diesen Vorfall, der eben thematisiert wurde, um diese möglichen Konflikte mit der russischen Minderheit im Land zu schüren, eben so nicht stattgefunden haben kann. Das ist ein konkretes Beispiel dieser Arbeitsgruppe. Übrigens, sie wird auch weitermachen. Jetzt im Vorfeld der Europawahlen für die Europawahlen weiterarbeiten.

[00:13:43] Yasemin Yüksel Das ist eine gute Überleitung, jetzt auch über Maßnahmen zu sprechen. Lass uns doch mal zuerst auf die EU, auf die EU-Kommission schauen. Da gibt es seit vergangenem Oktober einen Verhaltenskodex. Da machen Unternehmen wie Google, Facebook, Twitter auf freiwilliger Basis mit. Es gibt außerdem seit Dezember einen Aktionsplan gegen Desinformation. Marcel, klär mal auf. Was ist das alles und wie sinnvoll sind diese Maßnahmen?

[00:14:09] Marcel Rosenbach Naja, es gibt eine Einheit bei der Europäischen Kommission, die nennt sich East Stratcom Task Force.

[00:14:17] Yasemin Yüksel Von der habe ich in diesen Tagen auch zum ersten Mal gelesen, ich gestehe es ganz offen und ich habe auch über Herrn Portman gelesen, der britische Diplomat. Er sei so etwas wie Europas oberster Fake-News-Jäger.

[00:14:26] Giles Portman I'm the head of the East Stratcom Task Force based here in the external action service and we run something called the "EU vs disinfo" operation so you can follow us @EUvsDisinfo.

[00:14:41] Marcel Rosenbach Zunächst einmal bestand diese sogenannte Task Force tatsächlich relativ lange nur aus einer Person und vielleicht die gravierendste Maßnahme ist, dass das jetzt massiv ausgebaut wurde, sowohl was die Mittel angeht als auch was das Personal angeht. Was ganz interessant ist und was man sich anschauen kann, es gibt eine Website, die von der Task Force bestückt wird, die nennt sich "EU vs Disinfo" (https://euvsdisinfo.eu) und da gibt es auch eine wöchentliche Review, also eine Zusammenfassung der Fälle. Und wenn man sich fragt: "Ist das eigentlich ein reales Problem?".

[00:15:15] Yasemin Yüksel Was wir uns eingangs auch gefragt haben.

[00:15:17] Marcel Rosenbach Ist das schon mal relativ augenöffnend, weil da mittlerweile mehr als 5.000 Geschichten zusammengetragen wurden, seit es diese Task Force gibt, die da eben auch alle einsehbar sind in einer Art Datenbank, die eben so klassifiziert werden, als gezielte Desinformation. Das ist sicherlich die Maßnahme, die zunächst mal am vielleicht effektivsten und auch am öffentlichkeitswirksamsten ist. Es gibt dann zusätzlich so eine Art Frühwarnsystem, weil auch identifiziert wurde als großes Problem, dass die Reaktionszeiten natürlich gerade bei Themen, die dann eben schnell viral gehen, weil sie emotional sind, ganz schnell geteilt werden von ganz vielen, das es eben eine zeitkritische Sache ist und dass man eben, wenn so etwas auftaucht, vielleicht auch in unmittelbarem Umfeld von Abstimmungen, dann eben nicht warten kann bis der Wahltag vorbei ist, sondern möglicherweise sehr schnell reagieren muss. Außerdem versucht man natürlich auch, wir haben ja von einem Wettrüsten gesprochen, so ein bisschen zu antizipieren what's next, also was sind die neuen Methoden vielleicht und ich erinnere mich, ich habe Ende vergangenen Jahres ein Interview gemacht mit der Justizkommissarin, die mit dafür zuständig ist in der Kommission, diese gezielte Desinformationskampagne oder diese Kampagnen zu bekämpfen, dass sie über ihre Angst gesprochen hat vor sogenannten Deep Fakes als möglicherweise der nächsten Iteration, einer Weiterentwicklung von Desinformation. Deepfakes, das wären Audio- oder Videosequenzen, die täuschend echt, also beispielsweise sie oder andere Politiker zeigen, aber mit Aussagen, die sie nie getroffen haben, weit mehr als ein gefälschtes Zitat. Es it technologisch nichts so simpel, das zu machen. Es ist sehr aufwendig. Es ist auch mit den Mitteln von heute im Zweifel noch relativ gut zu detektieren, dass es ein sogenanntes Deepfake ist, aber es zeigt sozusagen, wovor sich die Politik, wovor sich die EU-Kommission schon im Zuge dieses Wahlkampfes, auf was sie vorbereiten, vor was sie Angst haben.

[00:17:17] Yasemin Yüksel Unser heutiges Thema kann man nicht ohne die Plattformen, nicht ohne die Unternehmen denken. Du hast vorhin schon über Facebook gesprochen und ich habe da gelernt, da gab es eine Art Sinneswandel, kann man glaube ich so sagen. Wie stellt sich Facebook da im Augenblick auf und welche neuen Entwicklungen siehst du da? Welche neuen Maßnahmen auch aus dem Unternehmen?

[00:17:35] Marcel Rosenbach Facebook hat, nachdem es überhaupt mal akzeptiert hat, dass es eine Verantwortung trägt und keine kleine Verantwortung, für das, was auf dieser technischen Plattform auch inhaltlich stattfindet, tatsächlich mehrere Maßnahmenpaket geschnürt. Das hat vor allen Dingen natürlich das Personal aufgestockt, das nicht mehr ausschließlich die viel beschriebene, angebliche künstliche Intelligenz siebt und fischt, sondern eben auch der jeweiligen Sprachen mächtige Mitarbeiter, menschliche Mitarbeiter sich diese Inhalte anschauen und entsprechend bewerten. Sie haben jetzt konkret im Vorfeld der Europawahlen auch ein neues Maßnahmenpaket angekündigt, speziell zugeschnitten auf politische Werbung, die es auf Facebook ja gibt, die Facebook auch anpreist als Produkt sozusagen und damit ja auch Geld verdient. Künftig wird es so sein oder gerade zu den Europawahlen wird es so sein, dass nur noch Parteien aus dem jeweiligen Land werben dürfen, also politische Anzeigen für dieses Land schalten dürfen, dass es auch eine gewisse Transparenz über die investierten Mittel gibt. Also wer hat dafür bezahlt? Die Anzeigen werden danach auch sieben Jahre gespeichert, das heißt man kann sozusagen sieben Jahre nachvollziehen, wer steckte dahinter, wer hat wen adressiert. Es ist also mehr Transparenz im Bereich Political Advertising, also politischer Wahlwerbung. Eine Forderung, die wir auch im SPIEGEL, aber die auch viele andere natürlich erhoben haben nach den Vorfällen von 2016. [Ich] muss aber sagen, es ist wirklich ein Rennen und Facebook bekämpft damit Symptome, die wir in der Vergangenheit gesehen haben. Wir sehen aber jetzt, dass andere Facebook-Produkte, zum Beispiel WhatsApp, bei Wahlen, bei internationalen Wahlen ganz stark missbraucht werden als Desinformationensvehikel. WhatsApp ist gerade in Indien in der Diskussion, war in Brasilien in der Diskussion. Das heißt, es ist ein laufendes Rennen, ein laufendes Anpassungsrennen, das auch Facebook intern mittlerweile viel Aufmerksamkeit und auch viele Mittel bindet.

[00:19:30] Yasemin Yüksel Das heißt Marcel, letztlich sind wir alle in unserem Beruf sowieso, aber auch als Bürger, die soziale Medien benutzen, auch immer wieder auf uns selbst zurückgeworfen. Darf ich als letzte Frage ganz naiv fragen: Was können wir alle, was kann jeder Einzelne tun beim Umgang mit den sozialen Medien? Hirn nicht ausschalten ist glaube ich sehr, sehr hilfreich, generell sowieso immer von Vorteil, aber auch ein gewisser kritischer Blick gegenüber Quellen. Was kannst du ganz konkret raten?

[00:19:55] Marcel Rosenbach Was diese sozialen Netzwerke auszeichnet, ist sozusagen dieses wildfire-mäßige virale ausbreiten. Und es ist sicherlich eine gute Idee, kurz zu überlegen, was man teilt beispielsweise. Aus der ersten Emotion heraus oder vielleicht sich doch noch einmal eine zweite Quelle für die entsprechende Behauptung, das entsprechende Zitat zu suchen bzw. auf vorhandene Quellen zu nutzen. Es gibt Webseiten, die sich diesem Debunken und diesem Entlarven von gezielten Falschnachrichten widmen, beispielsweise Mimikama oder Snopes und wenn man das Gefühl hat, das ist möglicherweise darauf angelegt, Emotionen zu schüren und schnelle Reaktionen zu provozieren, kann es sinnvoll sein, da einfach mal nachzuschauen, weil die in der Regel mittlerweile auch sehr schnell sind. Das heißt, wenn etwas viral geht, findet man sehr schnell Hinweise darauf, dass es sich möglicherweise um eine Falschnachricht handelt und dann ist es sicher sinnvoll, die nicht zu teilen, möglicherweise sogar auch selbst darauf hinzuweisen, dass es sich um Falschnachrichten handelt.

[00:20:54] Yasemin Yüksel Vielen Dank, Marcel, für deine Perspektiven, deine Einschätzungen und bis bald.

[00:20:57] Marcel Rosenbach Sehr gerne.

[00:21:00] Yasemin Yüksel Das war "Stimmenfang", der Politik-Podcast von SPIEGEL ONLINE.

[00:21:02] Yasemin Yüksel ANZEIGE: Zum Schluss noch eine Erinnerung von unserem Sponsor, der Vereinigten Lohnsteuerhilfe e.V. Vergessen Sie nicht: Ihre Steuererklärung müssen Sie bis zum 31.07. abgeben oder noch besser: Lassen Sie Ihre Steuer machen - von der VLH. www.vlh.de.

[00:21:19] Yasemin Yüksel Die nächste Episode von "Stimmenfang" hören Sie ab kommenden Donnerstag auf SPIEGEL ONLINE, Spotify und in allen gängigen Podcast-Apps. Wenn Sie Feedback zu dieser Folge haben oder zu unserem Podcast im Allgemeinen, schreiben Sie uns eine Mail an stimmenfang@spiegel.de oder nutzen Sie unsere Mailbox unter 040 38080400. An die gleiche Nummer eine WhatsApp-Nachricht schicken, also an die 040 38080400. Diese Folge wurde produziert von Sandra Sperber und mir, Yasemin Yüksel. Danke für die Unterstützung an Johannes Kückens. Wiebke Rasmussen, Thorsten Rejzek, Matthias Streitz und Philipp Wittrock. Die "Stimmenfang"-Musik kommt von Davide Rosso.

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insgesamt 5 Beiträge
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Elrond 25.04.2019
1. Wir können alle etwas dagegen tun
den Schwachsinn im Netz vor der Wahl einfach nicht anschauen oder sogar ganz auf Social Media während des Wahlkampfes zu verzichten. Dann kann man auch den Verschwörungstheorien, Irrungen und Wirrungen von einigen Bekloppten nicht erliegen. Geht wählen, aber haltet Euch fern vom Netz!
lathea 25.04.2019
2. Über WhatsApp werden....
....ebenfalls eine ganze Menge manipulierender FakeNews verbreitet, denen man es gar nicht ansieht, dass sie aus unseriösen Quellen stammen. Vor allem einfache Gemüter, die dies nicht erkennen können und die nicht einmal der AfD nahe stehen, schicken solche Nachrichten weiter und lassen sich regelrecht manipulieren. Man muss sich schon recht gut in Sprachen (vor allem auch in den Akzenten deutschstämmiger und deutschsprechender Ausländer) auskennen, um einige wenige Rechtschreibfehler oder vermeintliche offizielle Firmenbögen als FakeNews zu erkennen und bei Videos zu erkennen, dass die Sprecher/-innen mit einem leichten russlanddeutschen Akzent sprechen bzw. bei vermeintlich perfektem Hochdeutsch die leichte russlanddeutsche Betonung und Satzmelodie erkennen. Diese Dinge halte ich mittlerweile für gravierender. Es wäre schön, wenn man den ganzen Mist an eine offizielle Stelle weiterleiten könnte, um auch evtl. Strafbarkeit zu prüfen, denn was ich da teilweise erhalte, ist regelrecht grenzwertig bzw. für den einen oder anderen Politiker beleidigend und im Bereich der üblen strafbaren Nachrede. Derartige Whatsapp-Videos sollte man in den Medien exemplarisch veröffentlichen und in allgemein verständlicher Sprache so auseinander nehmen, dass jeder Bürger erkennen kann, an welchen Merkmalen man FakeNews erkennen kann, damit der Mist keine tiefen Spuren bei den Lesern hinterlassen kann. AfD-Affine sind hier sehr fleißig im Verbreiten solcher Whatsapp-GIFs und Videos, die teilweise lustig und seriös wirken, jedoch langsam aber sicher Gift im Gehirn der Leser und Gruppen streuen.
anguth 25.04.2019
3.
Man sollte gegenüber der gebotenen Auswahl an Informationen in jedem Fall kritisch sein. Dies gilt leider auch für den Kampagnenjournalismus von ARD, ZDF und SPIEGEL. Ich kenne zu viele Mitbürger, die hierdurch einseitig indoktriniert und wegen mangelnder Ausgewogenheit der Berichterstattung desinformiert sind. Ergänzende Blickwinkel aus sozialen Medien sind daher für mich unverzichtbar.
andre_36 25.04.2019
4.
Ich finde es sehr gut, dass den Hörern in Erinnerung gebracht wird, dass der Begriff "Fake News" ursprünglich verwendet wurde, um seriöse, kritische Berichterstattung zu diskreditieren. Wenn das erst mal klar ist, erscheinen so manche Artikel und Kommentare in anderem Licht. Abgesehen davon, weiß ich gar nicht, wovor die Politiker und Medien so eine Angst haben. Egal in welche Richtung manipuliert wird, alle zugelassenen Parteien von nennenswertem Einfluss vertreten die gleiche Ideologie: Freie Marktwirtschaft, permanentes Wachstum, Ignoranz von Umweltzerstörung, Abbau der sozialen Sicherheit, Steuererleichterungen für Großkonzerne ... Somit ist es egal, wer die EU führt.
lupo44 25.04.2019
5. Aber bitte die Fakten nicht unter den Tisch fallen lassen.....
heute Abend bei RTL und bei ZDF -jeder 4 Deutsche hat inzwischen etwas gegen die Überfremdung in deutschen Großstädten.Schuld daran sind nicht wir Bürger sondern die deutsche Politik. Warum sind wir Deutsche immer nur Nazi;s und Rechtspopulisten wenn wir Real diskutieren wollen? Sind wir nicht der Sptzenreiter in den Jährlichen fianziellen Beitrag an die EU? Haben wir in Europa nicht die meisten Flüchtlinge aufgenommen? Tun wir nicht alles für eine Intregation für diese Menschen? Haben wir innerdeutsh dafür nicht 50 Milliarden€ bisher ausgegeben?Und dann müssen wir uns immer wieder beschipfen Lassen! Das ist nicht fair und undemokratisch.Natürlich ist das mit der EU eine gute Sache ,aber alle Mitglieder müssten den gleichen Aufwand betreiben an den Kosten und anderen Leistungen.
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