Evangelischer Kirchentag Enge Grenzen für die Gentechnik

Der 29. Evangelische Kirchentag in Frankfurt hat strikte Richtlinien und Begrenzungen für die Gentechnik gefordert. In einem Eröffnungsgottesdienst warnte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Manfred Kock, vor den Gefahren der Biomedizin.


Dolde, Thierse, Koch und Oberbürgermeisterin Petra Roth
DPA

Dolde, Thierse, Koch und Oberbürgermeisterin Petra Roth

Frankfurt am Main - "Unser Selbstverständnis als Menschen steht auf dem Spiel", betonte Kock in seiner Rede. Die Befürworter argumentierten, sie wollten menschliches Leben verwenden, um Krankheiten zu heilen. "Dabei werden uns die Hoffnungen rosig gemalt, und die Risiken werden verschwiegen", so der Ratsvorsitzende.

Neben Glauben und Geld gehört Gentechnik zu den zentralen Themen des Kirchentags. Die Veranstalter rechnen mit 100.000 Dauergästen. Der gastgebende Kirchenpräsident Peter Steinacker kritisierte den nordrhein-westfälischen Ministerpräsident Wolfgang Clement (SPD) scharf, weil er sich für den Import von embryonalen Stammzellen ausgesprochen hatte. Clement wird nun auf Einladung des Kirchentags am Samstag seine Haltung erläutern.

Auch Bundespräsident Johannes Rau bekräftigte am Donnerstag auf dem Christentreffen seine Vorbehalte gegen die Embryonenforschung. Rau sagte, Politiker und Wissenschaftler müssten "gut genug prüfen, ob die Embryonenforschung mit dem Gewissen und der Verfassung vereinbar ist - ich habe da meine Zweifel". Der Theologe Friedrich Schorlemmer erklärte, der ethische "Dammbruch" sei längst vollzogen. "Der Mensch pfuscht Gott bereits ins Handwerk, das müssen wir deutlicher sagen." Der frühere Bundesverfassungsgerichtspräsident Ernst Benda unterstrich, therapeutisches Klonen sei mit dem Grundgesetz nicht vereinbar.

Streitthema Sterbehilfe

Nach Auffassung von Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) können die christlichen Kirchen für die Gesellschaft "mehr leisten als Seelsorge und moralische Nachsorge". Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, wurde mit Beifall bei einem Gottesdienst empfangen. "Ich bin fest davon überzeugt, dass die erstaunlich hohe Zustimmung zur aktiven Sterbehilfe viel zu tun hat mit der Angst vor dem Sterben, vor dem Verlassensein", sagte Lehmann vor mehr als 1000 Gläubigen. Viele Menschen warteten darauf, dass jemand Zeit für sie habe und ihnen ein befreiendes Wort schenke.

Kirchentagspräsident Martin Dolde forderte vom Kirchentag deutliche Zeichen gegen eine zunehmende "Sprachlosigkeit der Christen". Derzeit seien in der Kirche "klare Vorgaben, verständliche Informationen und akzeptierte Ziele" unterentwickelt.

Der Kirchentag, der nach Doldes Einschätzung eine Mischung aus Love Parade und ernsthafter Beschäftigung mit dem Glauben sowie den Fragen unserer Zeit ist, steht unter dem biblischen Leitgedanken "Du stellst meine Füße auf weiten Raum". Geplant sind rund 2500 Veranstaltungen. Weithin sichtbares Zeichen sind ein Dutzend aufblasbare Figuren in Kreuzform, die auf Hochhäusern aufgestellt wurden.



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