Evangelischer Kirchentag Steinmeier wirbt für mehr Einmischung

Beim evangelischen Kirchentag in Dortmund hat Bundespräsident Steinmeier die Gläubigen zu mehr Vertrauen gegenüber muslimischen und jüdischen Bürgern aufgerufen. Das Staatsoberhaupt forderte rasche Aufklärung im Fall Lübcke.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht bei der Eröffnung des 37. Deutschen Evangelischen Kirchentages.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht bei der Eröffnung des 37. Deutschen Evangelischen Kirchentages.

Foto: Bernd Thissen/dpa

Mit einem Appell für mehr Engagement und Einmischung hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier Zehntausende Besucher auf den 37. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dortmund eingestimmt. "Wir wollen die Welt nicht nur beschreiben, wir wollen sie erst recht nicht nur beklagen, sondern wir wollen sie (...) zum Besseren verändern", sagte er bei der Eröffnung des fünftägigen Glaubensfestes auf einer großen Straßenkreuzung in der Innenstadt am Mittwochabend.

Wo sonst Autos fahren, sprach sich das Staatsoberhaupt vor 25.000 Zuhörern für eine vielfältige Gesellschaft aus. Vertrauen solle Menschen aller Glaubensrichtungen entgegengebracht werden, auch muslimischen und jüdischen Bürgern. "Sie vertrauen unserem Land - und haben selbst Vertrauen verdient."

Steinmeier thematisierte auch den mutmaßlich rechtsextrem motivierten Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU). Das Verbrechen müsse "umfassend und schnellstmöglich aufgeklärt werden", sagte er und fügte hinzu: "Auch das entscheidet über Vertrauen in unseren Rechtsstaat und Vertrauen in unsere Demokratie."

Steinmeier betonte, das "abscheuliche Verbrechen" habe Erschütterung ausgelöst. "Schon der Verdacht, dass in diesem Land, einem Land mit dieser Geschichte, jemand, der für die Demokratie gearbeitet hat, hingerichtet wird durch einen politischen Mord, mutmaßlich begangen von einem überzeugten Rechtsextremisten, und dem einige im Netz dann auch noch Beifall klatschen, das ist alles furchtbar und unerträglich."

Beim Kirchentag werden bis zum Sonntag rund 118.000 Teilnehmer erwartet, darunter 80.000 Dauerteilnehmer. Unter der Losung "Was für ein Vertrauen" geht es um die Verunsicherung in Teilen der Gesellschaft, um sozialen Zusammenhalt, Gerechtigkeit, Zuwanderung, Integration sowie den Umwelt- und Klimaschutz. Steinmeier selbst will am Donnerstag die Bühne nutzen, um Unternehmen und Politik zu ermutigen, sich in die Gestaltung der digitalisierten Welt aktiv einzumischen. Auch viele weitere Prominente aus Politik, Wissenschaft, Gesellschaft und Kultur haben sich angekündigt. Am Samstag wird Kanzlerin Angela Merkel (CDU) in Dortmund erwartet.

Steinmeier: "Kein Jude soll sich fürchten müssen"

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) sagte, der Kirchentag stoße wichtige Diskussionen an und diskutiere die Fragen der Zeit. "Die Kirche leistet damit einen enormen Beitrag zur Bewältigung der anstehenden Zukunftsfragen und zum gesellschaftlichen Zusammenhalt. In Zeiten von Wandel und Unsicherheit ist die Stärkung des Vertrauens eine zentrale Herausforderung für unsere Gesellschaft." Bei vielen Menschen habe das Vertrauen in Staat, Kirche und Institutionen abgenommen, schilderte er bei einem Empfang vor dem offiziellen Start.

Steinmeier betonte den Wert einer offenen Gesellschaft. Kein Jude solle sich fürchten müssen, auf deutschen Straßen eine Kippa zu tragen. "Solange Jüdinnen und Juden kein Vertrauen haben, solange sie nicht vollkommen sicher und zuhause sind in dieser Republik, so lange darf unser Land nicht ruhig schlafen!" Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, hatte Juden zuletzt dazu geraten, die Kippa in bestimmten Gebieten aus Sicherheitsgründen abzunehmen.

Die AfD musste draußen bleiben

In Dortmund tauchten schon am Eröffnungstag überall im Stadtbild die typischen grünen Kirchentagsschals auf. Sogar das Vertrauen in das Wetter wurde nicht enttäuscht: Die Sonne strahlte, das angekündigte Gewitter blieb aus. Die Menschen funktionierten mitgebrachte Regenschirme kurzum zu Schattenspendern um. Der große Eröffnungsgottesdienst fand auf einer gesperrten Straßenkreuzung mitten in der Innenstadt statt - Gebet, Kirchenlieder und Posaunenklänge als maximaler Kontrast zum hektischen Großstadtleben.

Im Vorfeld hatte die Entscheidung der Organisatoren, AfD-Funktionären keine Bühne bei Podiumsdiskussionen zu bieten, für Diskussionen gesorgt. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, verteidigte das Vorgehen. "Radikale Einstellungen, die ganze Menschengruppen abwerten und sogar Rassismus und Antisemitismus befördern, haben auf öffentlichen Podien des Kirchentages nichts zu suchen", sagte er der "Passauer Neuen Presse" (Mittwoch).

Leyendecker: Kirchentag muss auch politisch Position beziehen

Angesichts von wachsendem Rechtspopulismus und Nationalismus müsse der Kirchentag auch politisch Position beziehen, sagte Kirchentagspräsident Hans Leyendecker. In Europa grassiere wieder "der alte Nationalismus" und in Deutschland gebe es Unterstützung für Leute, "die über eine Abschaffung der Demokratie nachdenken". Der Kirchentagspräsident kritisierte "Systemveränderer von ganz rechts" und unterstrich: "Wir treten auf Kirchentagen für Werte ein. Für Menschenwürde, für die Bewahrung der Schöpfung."

Die Präses der gastgebenden Kirche von Westfalen, Annette Kurschus, sagte, das Vertrauen in bewährte demokratische Gepflogenheiten, Parteien und in die Kirche schwinde. In der "zerrissenen Welt" sei mehr Vertrauen bitter nötig.

Nach den Gottesdiensten war ein "Abend der Begegnung" in der Stadt mit Livemusik auf zahlreichen Bühnen, einem buntes Mitmach-Programm und 300 Ständen geplant. Zum "Segen zur Nacht" sollten Zehntausende ihre Kerzen entzünden und das Zentrum in ein Lichtermeer verwandeln.

lie/dpa
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