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25. September 2010, 16:21 Uhr

Ex-Außenministerin Rice

Wie Deutschland den "historischen Jackpot" knackte

Der eine "visionär", der andere "enttäuschend": Die frühere US-Außenministerin Condoleezza Rice lobt im SPIEGEL-Gespräch zum Jahrestag der deutschen Einheit Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl für sein politisches Geschick. Ihre Erinnerungen an Gerhard Schröder fallen weniger hymnisch aus.

Hamburg - Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) habe bei der politischen Zusammenführung der beiden deutschen Staaten "visionär" und "dynamisch" gehandelt, sagte die ehemalige US-Außenministerin Condoleezza Rice in einem SPIEGEL-Interview.

Seine umstrittene Entscheidung, die deutschen Währungen im Verhältnis 1:1 anzugleichen, sei "eine der brillantesten Maßnahmen überhaupt" gewesen - denn so habe Kohl der "Allianz für Deutschland" bei den ersten freien Wahlen zur Volkskammer 1990 ein gutes Abschneiden gesichert.

Die Amerikaner hätten sich auch unbedingt einen Wahlsieg Kohls über seinen Rivalen Oskar Lafontaine (damals SPD) gewünscht. "Wir wussten ziemlich genau, wofür Helmut Kohl stand. Das war wichtig. Immerhin ging es um den historischen Jackpot - die deutsche Einheit. Da sollte nicht auf einmal etwas schief laufen, weil ein neuer deutscher Kanzler entscheidet, dass die Vereinigung langsamer ablaufen soll."

Schröder hingegen habe bei seinem Widerstand gegen den Irak-Krieg wenig Sinn für Symbolik bewiesen. "Mich hat enttäuscht, den Kanzler neben dem französischen und dem russischen Präsidenten gegen den Krieg protestieren zu sehen. Die Deutschen mögen anderer Meinung sein, aber sie sollten aufgrund unserer Geschichte in so einer Situation nicht neben dem russischen Präsidenten stehen."

"Helmut Kohl wollte Mitglied der Nato sein"

Zur Frage der Nato-Mitgliedschaft eines vereinten Deutschlands, lange ein Streitpunkt in den Verhandlungen, sagte Rice: "In der Endphase des Kalten Krieges konnten wir uns keinen Fehltritt leisten. Deutschland aus der Nato zu reißen wäre ein schwerwiegender Fehler gewesen." Daher habe Washington auf diesem Punkt unmissverständlich beharrt: "Uns im Weißen Haus war immer klar, dass ein vereintes Deutschland Nato-Mitglied sein muss. Alles andere wäre einer Kapitulation Amerikas gleichgekommen."

Bundeskanzler Kohl habe ihnen früh das Gefühl vermittelt, diesen Schritt ebenfalls bedingungslos zu unterstützen: "Wir glaubten, dass Helmut Kohl nicht neutral bleiben wollte. Wir waren sicher: Helmut Kohl wollte Mitglied der Nato sein." Die Option, etwa russischen Bedenken gegen diese Nato-Mitgliedschaft entgegenzukommen, habe es nie gegeben, so Rice: "Es gab keinen Plan B. Plan B war, Plan A zum Erfolg zu führen."

Bei aller Harmonie sorgten manche Schritte Kohls allerdings auch für Verstimmung in Washington - etwa seine unabgestimmte Vorstellung eines Zehn-Punkte-Plans zur deutschen Einheit im November 1989. "Wir hatten keine Ahnung, dass der Plan kommen würde", sagte Rice. "Der Inhalt störte mich nicht besonders. Aber darüber, dass wir nicht informiert worden waren, waren wir nicht glücklich."

pad

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