Ex-Generalinspekteur Schneiderhan Guttenbergs gefährlichster Gegner

Es steht Aussage gegen Aussage, Mann gegen Mann: Mit seinem Lügenvorwurf bringt Ex-Generalinspekteur Schneiderhan Verteidigungsminister Guttenberg in Not. Für den Panzeroffizier geht es um die Ehre, für den CSU-Shootingstar ums politische Überleben. Am Ende könnten beide verlieren.

Ex-Generalinspekteur Schneiderhan: Mit Guttenberg passte es wohl einfach nicht
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Ex-Generalinspekteur Schneiderhan: Mit Guttenberg passte es wohl einfach nicht

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Berlin - Zum Abschied zitierte er Konfuzius. Wer ihn kennt, wunderte sich nicht darüber. Wolfgang Schneiderhan, 63, ging an diesem Dezemberabend so aus dem Amt des Generalinspekteurs, wie er es siebeneinhalb Jahre zuvor angetreten hatte: zurückhaltend.

Die Episode des chinesischen Philosophen, die Schneiderhan sich für seinen Abschied als oberster Bundeswehrmann zurechtgelegt hatte, schien manchem allerdings mit besonderem Bedacht gewählt: "Schüler fragt Meister: Was ist sittliches Verhalten? Meister antwortet: Wer sich durch sittliches Verhalten auszeichnet, wählt seine Worte mit Bedacht. Schüler fragt weiter: Mit Bedacht reden - das soll sittliches Verhalten sein? Meister antwortet mit Gegenfrage: Das Handeln ist so schwierig, darf da das Reden unbedacht sein?"

Sollte das eine Anspielung auf jenen Mann sein, der ihn und Staatssekretär Peter Wichert gerade mit den höchsten militärischen Ehren aus dem Amt verabschiedet hatte? Zwischen Wichert und Schneiderhan stand an diesem Abend der neue Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, Showstar der deutschen Politik. Ein Vielredner.

Zwar hatte Schneiderhan den Minister zuvor um seine Entlassung gebeten, worauf der CSU-Politiker in diesen Tagen gern verweist. Aber der Vier-Sterne-General zog damit nur die Konsequenz daraus, dass der Minister ihm das Vertrauen aufgekündigt hatte. Mit der Begründung, der Generalinspekteur und Wichert hätten ihm entscheidende Berichte zu dem fatalen Kunduz-Luftschlag vorenthalten.

Zwei zu verschiedene Typen

Nun wird der Unruheständler zu Guttenbergs gefährlichstem Gegner. Beide liefern unterschiedliche Versionen von dem Tag, an dem Schneiderhan durch Guttenberg aus dem Amt gedrängt wurde. Guttenberg wiederholte seine Darstellung auch am Mittwoch im Bundestag, zitierte sogar aus einem Brief Schneiderhans. Der Minister sieht sich von dem General getäuscht - Schneiderhan sagt, dazu gebe es keinen Grund. Es steht Aussage gegen Aussage.

Im Untersuchungsausschuss, der am Mittwoch seine Arbeit aufnahm, kann das für beide Männer zum ernsten Problem werden. Bleiben sie bei ihren unterschiedlichen Versionen, ist mindestens einer ein Lügner - und müsste mit strafrechtlichen Konsequenzen rechnen. Vorteil Schneiderhan: Er könnte womöglich einen Zeugen präsentieren, der seine Version stützt, den ebenfalls geschassten Staatssekretär Wichert. Noch schweigt der. Doch schon im Ausschuss müsste er wohl aussagen - und zwar korrekt.

Gelingt die Aufklärung nicht, stünden wohl Schneiderhan wie Guttenberg als Verlierer da. An beiden bliebe der Makel hängen, in eine undurchsichtige Affäre verstrickt gewesen zu sein.

Guttenberg und Schneiderhan, das passte wohl von Beginn an nicht zusammen.

Dabei hatte es der in Militärkreisen nur GI genannte Generalinspekteur zuvor mit gleich drei Ministern ausgehalten - und so lange wie keiner vor ihm in diesem Amt: Rudolf Scharping holte ihn im Sommer 2002 als Nachfolger von Harald Kujat ins Amt, musste allerdings 19 Tage später selbst gehen. Es folgte mit Peter Struck ein weiterer Sozialdemokrat, mit dem sich Schneiderhan offenbar sofort blendend verstand. Der knurrige Struck und der ruhige Schneiderhan erschienen vielen als perfektes Duo im Verteidigungsministerium. Dann kam im Herbst 2005 der hessische CDU-Politiker Franz Josef Jung. Zu Beginn hätten sie miteinander gefremdelt, heißt es, aber Jung und sein GI rauften sich offenbar zusammen. Aus Sicht des neuen Ministers war das wohl alleine deshalb vernünftig, weil er Schneiderhan brauchte. Dem wiederum gefiel, dass ihm Jung noch mehr Freiheiten ließ als seine Vorgänger.

Zu viele, wie Kritiker Schneiderhans sagen. Der höchste Bundeswehroffizier und Staatssekretär Wichert seien zu den eigentlichen Herren im Haus aufgestiegen.

Vielleicht hat Guttenberg das erkannt - und auch deshalb die Reißleine gezogen. "Aber dann hätte er anschließend den Mund halten müssen", sagt ein Insider. Oder wie es der ehemalige Verteidigungsstaatssekretär Walther Stützle ausdrückt: "Es ist in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland noch nicht vorgekommen, dass ein Verteidigungsminister, der das Recht hat, Mitarbeiter zu entlassen, anschließend öffentlich über sie herfällt." So etwa habe er noch nicht erlebt, sagte Stützle dem "Kölner Stadt-Anzeiger".

Genauso ungewöhnlich ist es allerdings, dass ein gegangener Generalinspekteur nun nachkartet. Warum Schneiderhan seinen ehemaligen Dienstherrn via "Zeit" öffentlich angreift und der "Unwahrheit" zeiht, können sich Vertraute nur so erklären: "Der ist wirklich in seiner Ehre getroffen." Schneiderhan nimmt in dem Interview erneut die Verantwortung für die dem Minister nicht vorliegenden Berichte auf sich. Aber er widerspricht vehement der Darstellung, deren Existenz geleugnet zu haben.

Beide sehen sich als Ehrenmänner

Der Berufssoldat sieht sich als Ehrenmann, darin dem Baron zu Guttenberg sehr ähnlich. Nur könnten die Lebenswege nicht verschiedener sein: Schneiderhan, geboren im oberschwäbischen Riedlingen, stammt aus einfachen Verhältnissen. Zur Schule ging er im benachbarten Saulgau. Die Oberschwaben sind ein besonderer Menschenschlag. Konfuzius dürfte hier viele Anhänger haben.

Früh entschied sich Schneiderhan für die Soldatenlaufbahn, später wurde er als Panzeroffizier ausgebildet. Im schwäbischen Stetten am kalten Markt, wo es im Winter wirklich eisig pfeift, befehligte Schneiderhan ab 1974 eine Kompanie des Panzerbataillon 293. Erst danach begann sein Aufstieg in die höheren Ränge. Er nannte das eine "normale Wald- und Wiesenlaufbahn".

Unprätentiöser sei ein GI nicht vorstellbar gewesen, ist über Schneiderhan zu hören. Ein Soldat eben, der es bis ganz oben schaffte. Mancher nannte ihn sogar den "Betriebsratsvorsitzenden der Bundeswehr". Aber auch im Bundestag genoss der oberste Militär hohes Ansehen; selbst bei Parlamentariern, die den Auslandseinsätzen der Bundeswehr kritisch gegenüberstanden.

Ein Jahr hätte Schneiderhan noch bis zur Pensionierung gehabt. Ein Jahr bis zur perfekten Karriere. Natürlich ist es bitter, wie sie stattdessen zu Ende ging. Die feine Ironie, die Schneiderhan eigen ist, scheint er dennoch weiter zu pflegen. Nicht nur wegen des wortarmen Konfuzius zum Abschied: Der Scheidende dankte an diesem Abend vier Ministern: Volker Rühe - in dessen Planungsstab er einst arbeitete -, Scharping, Struck und Jung.

Guttenberg erwähnte er nicht.

insgesamt 5369 Beiträge
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Seite 1
AndyH 12.12.2009
1.
Zitat von sysopVerteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hat mit der Behandlung der Kunduz-Affäre erhebliche Probleme. Das kratzt am bisher glänzenden Bild des neuen Politstars. Schadet das Krisenmanagement dem Ruf des Verteidigungsministers? Diskutieren Sie mit!
Wieso Krise? Verstehe ich nicht. 2 LKW wurden geraubt und dann auf feindlichen Territorium vernichtet während sie geplündert wurden. Wo bitte ist da eine Krise oder Problem?
Fliegendes Nashorn 12.12.2009
2.
Zitat von sysopVerteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hat mit der Behandlung der Kunduz-Affäre erhebliche Probleme. Das kratzt am bisher glänzenden Bild des neuen Politstars. Schadet das Krisenmanagement dem Ruf des Verteidigungsministers? Diskutieren Sie mit!
Nicht nur seinem Ruf - sondern auch dem der Bundeswehrführung. Die Vertreter der Bundeswehr haben schließlich in den Medien die Lügerei unterstützt.
medienquadrat, 12.12.2009
3.
Das Ansehen Deutschlands in Afghanistan, mit dem die ganze Zeit soviel Buhei gemacht wurde, ist im Eimer. Gut, jetzt ist der Spruch, "Deutschland wird am Hindukusch verteidigt" endlich mal in Deckung gebracht worden mit der Realität, aber die Deutschen sind die ganze Zeit ebenso belogen worden, wie die Afghanen. Die Regierungen unserer sogenannten Demokratie haben sich hinterhältig und verlogen an den wahren Krieg herangetastet, immer nach dem Motto, dass wir Michel mit dieser fraktionierten Realität irgendwann auch mit dem extremst Unvermeidlichen einverstanden sind. Ich sehe Deutsche Soldatinnen und Soldaten bereits Seite an Seite mit einer "Koalition der Willigen" in den Iran einmarschieren. Das dauert bestimmt nicht mehr lange.
medienquadrat, 12.12.2009
4.
Zitat von AndyHWieso Krise? Verstehe ich nicht. 2 LKW wurden geraubt und dann auf feindlichen Territorium vernichtet während sie geplündert wurden. Wo bitte ist da eine Krise oder Problem?
Das Problem ist, dass eine Eliteeinheit der Bundeswehr dort ebenfalls stationiert ist, deren Auftrag bestimmt nicht ist, afghanische Mädchen zu ermuntern, in die Schule zu gehen. Das Problem ist, dass sich ein Offizier der Bundeswehr offensichtlich über seine Befehle hinweggesetzt hat und Krieg spielen wollte. Wie kann ein einziger Bundeswehroffizier den Befehl geben, möglichst viele Taliban zu töten? Was hat die Eliteeinheit KSK in Afghanistan zu suchen? Warum vertuschen unsere Parlamentarier, die sogenannten "Volksvertreter" dieses Lügenkonstrukt? Warum belügt man uns? Das Problem ist, dass das, was wir Demokratie nennen, durch unsere eigenen Politiker in ein verlogenes Konstrukt von Vertuschung und Täuschung verwandelt wird. Meine Stimme bei der letzten Bundestagswahl ist aufgrund von Lügen erschlichen worden. Ich will meine Stimme zurück!
Brand-Redner 12.12.2009
5. Kaum
Zitat von sysopVerteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hat mit der Behandlung der Kunduz-Affäre erhebliche Probleme. Das kratzt am bisher glänzenden Bild des neuen Politstars. Schadet das Krisenmanagement dem Ruf des Verteidigungsministers? Diskutieren Sie mit!
"Ist der Ruf erst ruiniert, lebst sich's danach ungeniert." Insofern hat Herr Baron wirklich nichts derartiges zu befürchten. Ob Letzteres auch für seine Dienstreisen nach Afghanistan gilt, vermag ich nicht zu beurteilen. Aber glaubt man den herrschenden Meinungsmachern, dann ist er auch dort relativ sicher, denn: Dem afghanischen Volk läuft nach wie vor das Herz über vor lauter Liebe zu den Deutschen, die Ihnen nichts als Gutes bringen. Zumindest wird derartiges unaufhörlich behauptet...
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